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Auf den Spuren der Moderne Bauhaus - von Deutschland in die ganze Welt

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Bauhaus in der "Weißen Stadt": Tel Aviv, Israel, Wohnhaus, erbaut um 1940.

(Foto: Jean Molitor/be.bra verlag)

Das Bauhaus, 1919 gegründet, wurde zu einer der bedeutendsten Kunst- und Designschulen. Es hat die moderne Architektur weltweit beeinflusst. Der Fotograf Jean Molitor hält seit Jahren wie ein Besessener die Bauten der Moderne fest - er findet sie auch in Ländern, in denen man sie gar nicht erwartet.

Derzeit ist allerorten die Rede vom Bauhaus, da sich seine Gründung zum 100. Mal jährt. Es gibt unzählige Veranstaltungen in ganz Deutschland und die Bauhaus-Heimatstädte Weimar, Dessau und Berlin bekommen neue Bauhaus-Museen. Obwohl es eine Kunst- und Designschule war und es dort daher auch um die Gestaltung von Möbeln, Lampen, Geschirr und Tapeten ging, ist die Architektur doch das Bekannteste und Auffallendste. Und nicht zuletzt wegen des Namens denken viele beim Wort "Bauhaus" zuerst an die Bauten in diesem Stil.

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Das Coverfoto zeigt das Wohnhaus Salomon Benalal von 1931 in Marokko, Casablanca. Architekten: Joseph und Elias Suraqui.

(Foto: Bebra Verlag)

Dabei gibt es gar nicht den Bauhaus-Stil - die Gebäude sind so verschieden wie die Architekten, die sie entworfen haben und die Orte, an denen sie stehen. Und natürlich haben auch die Auftraggeber und die Art der jeweiligen Bestimmung und Nutzung einen großen Einfluss auf das Aussehen der Gebäude. Zudem kam die Bauhaus-Architektur natürlich nicht aus dem Nichts, sondern ist Teil einer Entwicklung, Teil des modernen Bauens nach dem Historismus, in Europa und darüber hinaus. Den beeindruckenden Spuren dieser baulichen Moderne auf der ganzen Welt ist seit Jahren der Berliner Fotograf Jean Molitor auf der Spur, wie ein Besessener. Ein großer Teil seiner Funde ist erschienen in dem Band "Bauhaus: Eine fotografische Weltreise": um die 130 Fotos, eingebettet in den Text der Münchner Architekturhistorikerin Kaija Voss.

Fotografische Bewahrung von Architektur

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Mossehaus (Verlagshaus), 1921-23, Architekt: Erich Mendelsohn.

(Foto: Jean Molitor/be.bra verlag)

Die Aufnahmen sind zu einem großen Teil in Deutschland entstanden, aber auch in Ländern, in denen man solche Architektur am wenigsten erwartet, wie etwa in Afghanistan oder Kenia. Molitor, der 1960 in Berlin geboren wurde und bei Arno Fischer in Leipzig Fotografie studiert hatte, war eher zufällig zu diesem Projekt gekommen: Er war bei seinen beruflichen und privaten Reisen auf die Bauten gestoßen, die ihn so sehr faszinierten, dass er damit begann, sie fotografisch festzuhalten. Er rettete sie damit zum Teil auch vor dem Abriss oder wenigstens vor dem Vergessen und machte so auf ihren besonderen Wert aufmerksam - denn in vielen Ländern gibt es so etwas wie eine Denkmalschutzbehörde nicht; daher passiert es, dass herausragende Bauten einfach oft abgerissen werden, da ein Neubau meist billiger ist.

Bei Molitors Fotos liegt der Fokus ganz auf den Bauten - es sind fast keine Menschen zu sehen, sogar auch nur wenige menschliche Spuren wie Autos und abgestellte Fahr- oder Motorräder. Das gelingt Molitor nur, weil er oft sehr früh fotografiert, wenn noch kaum jemand unterwegs ist, und an Tagen ohne Berufsverkehr. Wenige andere Dinge, die für ihn das Bild stören, wie Antennen oder Kabelgewirr, retuschiert er weg. So wirken die Orte fast wie ausgestorbene Geisterstädte. Molitor ist nach eigener Aussage von Hause aus Straßenfotograf und liebt also eigentlich das Gewimmel; hier geht es ihm aber um die klassische Architekturfotografie - durch die starke Konzentration auf die Bauwerke sollen die Fotos zeitlos wirken und so "den Gedanken des Architekten näherkommen", sagte er in einem TV-Interview.

Wahnsinnig modern und beeindruckend vielfältig

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Tankstelle in Skovshoved bei Kopenhagen, 1936, Architekt: Arne Jacobsen.

(Foto: Jean Molitor/be.bra verlag)

Von der Apotheke im Kongo über eine Feuerwache in Miami bis hin zur Tankstelle bei Kopenhagen - die ganzseitigen Aufnahmen sind makellos, zum Teil zum Niederknien schön und oft so wahnsinnig modern wirkend, dass man kaum glauben mag, dass sie schon so viele Jahrzehnte alt sind. Beeindruckend auch die Vielfalt der Formen: Bauhaus- und moderne Architektur ist ja beileibe nicht immer eckig und superschlicht, sondern oft auch rund, gebogen, geschwungen, hier und da sieht man sogar einen Hauch von Ornament. Vieles wirkt (immer noch) futuristisch, manches abweisend und streng, anderes wieder sehr einladend, leicht und frei und klar.

Den Schwerpunkt der Fotografien bilden Bauten aus den 1920er- und 1930er-Jahren, aber auch die 1940er, 1950er und 1960er sind vertreten. Zeitliche Anfangs- und Endpunkte sind das Fagus-Werk in Alfeld von 1911 - der denkmalgeschützte Unesco-Weltkulturerbebau von Walter Gropius wird als ein Schlüsselbau der Moderne angesehen - und die Kieler Pfarrkirche St. Joseph von 1990.

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Wohnhaus in Beirut, Libanon, Baujahr und Architekt unbekannt.

(Foto: Jean Molitor/be.bra verlag)

Jedoch nicht alle der abgebildeten Architekturperlen sind in gutem Zustand, teilweise sind sie stark verfallen, ein Kino in Afghanistan etwa ist nur noch eine Ruine - man ahnt es: einige der fotografierten Bauten stehen heute nicht mehr, fielen dem Krieg, dem geänderten Zeitgeschmack, dem fehlenden Geld oder dem mangelnden Willen zur Erhaltung zum Opfer.

Molitors Kunstprojekt "Bau1haus" startete vor zehn Jahren und läuft noch weiter; es passt zum diesjährigen Bauhaus-Jubiläum, ist aber damit nicht abgeschlossen. Nach Aussagen des Fotografen ist es die erste und einzige Serie weltweit zu dem Thema und es gibt ganz sicher noch viele großartige Bauwerke der Moderne, die er entdecken und fotografisch festhalten kann.

Zweisprachiger umfangreicher Begleittext

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Gran Canaria, Maspalomas, Aloe Apartamentos, erbaut um 1960.

(Foto: Jean Molitor/be.bra verlag)

Nicht unerwähnt lassen darf man den umfangreichen Begleittext (deutsch und englisch) von Kaija Voss. Er gibt zwischen Prolog und Anhang in sechs Kapiteln den Überblick zu den verschiedenen Architekturphasen oder wie es im Einband heißt: den "Überblick über die wichtigsten Architekturströmungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts"; nur ein Kapitel davon hat explizit das Bauhaus zum Inhalt ("Das Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin"). In einem kurzen Abriss wird dargelegt, was in den 14 Jahren seines Bestehens (1919-33) geschah, und seine Grundsätze, Projekte sowie einige Schüler und Meister werden vorgestellt. Davor geht es "Vom Jugendstil zur Moderne", danach über die "Moderne in Berlin" und das "Neue Bauen in Deutschland" über die "Architektur der Neuen Sachlichkeit in Europa" bis hin zum "Internationalen Stil - Modernes Bauen auf der ganzen Welt". Der abschließende kurze Epilog führt zu den "Erben des Bauhauses".

Die Texte der Architekturhistorikerin sind in den jeweiligen Kapiteln den Fotos vorangestellt - es gibt also immer einen Text- und einen Bildabschnitt. Das führt dazu, dass man ständig hin- und herblättert, wenn man die im Text erwähnten Bauten auch sehen will. Das ist aber schon das Einzige, was ein wenig stört. Denn die Texte haben genau die richtige Länge, sind nicht zu lang und nicht zu kurz, fundiert, aber nicht zu wissenschaftlich, sodass auch der Nicht-Fachmann, der normale interessierte Leser sich einfach gut informiert fühlen kann.

Architektonische Weltreise

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Man erfährt neben vielen historischen Daten und Fakten etwa, dass der westlich orientierte, technikbegeisterte afghanische König Amanullah, "der mit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1919 die Regierung übernahm", 1928 mit seiner Frau Soraya Berlin besuchte. Dort besichtigte er diverse moderne Industriebauten, unter anderem von Peter Behrens, und war begeistert. Mit Amanullah kam die Moderne nach Afghanistan und mit ihr auch moderne Architektur.

In Südostasien hinterließ der niederländische Architekt Charles Prosper Kemal Wolff Schoemaker seine baulichen Spuren. Er wird auch "Frank Lloyd Wright Indonesiens" genannt, in dem Land stehen einige seiner Werke im Stil des Neuen Bauens. In Kambodscha war es Vann Molyvann, der bei Le Corbusier studiert hatte und 1956 Nationalarchitekt wurde.

Und wer wusste schon, dass das Wort "Bungalow" aus Indien kommt? Es leitet sich laut Voss von den traditionellen eingeschossigen Häusern in der indischen Region Bengalen ab. Das moderne Bauen in Indien hängt eng mit der britischen Kolonialzeit zusammen; englische Architekten planten etwa ab 1911 das neue Regierungsviertel in Neu-Delhi. Aber auch deutsche Baukünstler waren in Indien tätig. In Bezug auf Japan ging es hingegen oft in die Gegenrichtung: Deutsche Architekten wie Bruno Taut ließen sich vom japanischen Baustil inspirieren. Und Bauhaus-Gründer Walter Gropius schrieb an Le Corbusier, nachdem er 1954 in Japan war: "Das japanische Haus ist das modernste und beste, das ich kenne."

Quelle: n-tv.de

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