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In "Der Mann aus dem Eis" wird Jürgen Vogel zu Ötzi.
In "Der Mann aus dem Eis" wird Jürgen Vogel zu Ötzi.(Foto: Port au Prince Pictures / Thomas Leidig)
Donnerstag, 30. November 2017

Jürgen Vogel wird zu Ötzi: "Anstrengend, aber geil"

Berg rauf, Berg runter und das in Eiseskälte. Bequem waren die Dreharbeiten zu "Der Mann im Eis" nicht. Doch die Erfahrung war es allemal wert, findet Hauptdarsteller Jürgen Vogel. n-tv.de erzählt er, was Ötzis Geschichte für die Jetztzeit bedeutet.

Der Mensch und der Berg - die Beziehung ist mit viel Pathos aufgeladen, aber ist da auch was dran?

Der Berg hat eine eigentümliche Wirkung - auch auf Jürgen Vogel.
Der Berg hat eine eigentümliche Wirkung - auch auf Jürgen Vogel.(Foto: Port au Prince Pictures / Martin Rattini)

Es klingt vielleicht abgedroschen, aber das macht wirklich was mit einem. Ein bisschen kämpft man mit der Natur, gleichzeitig ist es wunderschön. Einen Berg hochzukommen ist nicht immer leicht. Es ist körperlich beschwerlich, außerdem spielt das Wetter eine Rolle. Das kann ja in den Bergen jederzeit umschlagen und es kann zu so merkwürdigen Trockengewittern kommen - also ohne Regen, nur Blitze. Dann muss man eigentlich sofort wieder runter, weil es gefährlich wird. Ist uns bei den Dreharbeiten ein paar Mal passiert. Die Berge haben etwas ganz Ursprüngliches. Das macht dich nachdenklich. Es bringt dich zu dir selbst.

Ist "Der Mann aus dem Eis" Ihr persönlicher "Revenant"? Berg rauf, Berg runter, durch Wasser, durch Eis …

(prustet los) Ist auch 'ne Rachegeschichte, aber in dem Fall muss man sagen … Tschuldigung, dass ich gerade noch in den Apfel reinbeiße.

Kaugeräusche kann man ja später nicht lesen.

Aber Sie können es schreiben: "Kaut seinen Apfel dabei." (lacht) Finde ich ja immer ganz lustig, so Dinge. Aber im Ernst: Ötzi hat es ja wirklich gegeben. Seine Geschichte ist die älteste Kriminalgeschichte der Welt. Das war für mich interessant und das macht auch den Unterschied zu "Revenant" aus. Wir mussten uns die Figur erst erarbeiten. Wie haben die Häuser damals ausgesehen? Was für Waffen gab es? Wie entwickelt war diese Kultur? Das Ötzi-Museum in Bozen war uns eine große Hilfe.

Es bleibt vermutlich aber noch ein großer Interpretationsspielraum?

Wir haben zum Beispiel aus Ötzis Tätowierungen geschlossen, dass es zu seiner Zeit Rituale gegeben haben muss, eine Idee von etwas Überirdischem. Menschen hatten ja schon immer ein Bedürfnis nach Erlösung. Deswegen kam in unserer Geschichte der Schamanismus dazu. Es geht schon auch um die Zeit damals, aber vor allem um die Urgefühle des Menschen: Familie, Verlust, Angst, Panik, Wut, Rache …

Glauben Sie, die Menschen damals haben gefühlt wie heute?

Ja. Ich glaube, da gibt es wirklich keinen Unterschied. Krieg, Zerstörung - diese ganzen grundsätzlichen Grausamkeiten des Lebens finden ja zu jeder Zeit statt. Wir leben bis heute in einer Zivilisation, in der es Gewalt gibt. Im Film stellen wir die Gewalt ziemlich brutal dar. Aber ob das Leben damals brutaler gewesen ist als heute? Heute kann man eine Drohne per Laptop steuern. Wir sind weiter hinsichtlich der Möglichkeiten des Tötens, aber die Folge bleibt die gleiche: Verzweiflung.

Sie haben die expliziten Gewaltdarstellungen im Film angesprochen. Unter anderem wird eine Vergewaltigung gezeigt. Ist das unbedingt nötig?

Gewalt gehört zu manchen Geschichten eben dazu und muss auch gezeigt werden, findet Jürgen Vogel.
Gewalt gehört zu manchen Geschichten eben dazu und muss auch gezeigt werden, findet Jürgen Vogel.(Foto: picture alliance / Georg Wendt/d)

Der Film soll die Zeit erzählen - und auch deren Rohheit. Stellen Sie sich vor, wir hätten ein Kriegsszenario gedreht, etwa über die Zeit, in der der Jugoslawienkrieg losging und das Land zersplittert ist. Damals gab es ja auch Massenvergewaltigungen. Wenn Sie so ein Thema verfilmen, können Sie das nicht auslassen. Ansonsten lügen Sie! Wenn das jemand nicht sehen will, soll er es nicht gucken. Das finde ich in Ordnung. Aber ich finde es nicht gut, deswegen alles schöner zu machen. Nicht jede Geschichte muss genießbar sein.

"Der Mann aus dem Eis" kommt ohne unsere heutige Sprache aus und wurde unter extremen Bedingungen gedreht - haben Sie sich auch deswegen für die Rolle entschieden, weil sie etwas Besonderes ist?

Ach, nach solchen Kriterien entscheidet man nur am Anfang der Karriere. Der Ehrgeiz hält sich zwei, drei Jahre, dann hat man die Palette durch. Polizisten, Mörder, was es eben so gibt - und dann wiederholt sich das in einer gewissen Form. Der Egoismus hinsichtlich der Figur verlagert sich auf den Willen, geile Filme zu drehen.

Dafür haben Sie bei diesem Film ganz schön was auf sich genommen. Es ist doch bestimmt nicht leicht, in dieser Höhe zu drehen?

Nicht jeder war dem Dreh in solchen Höhen gewachsen.
Nicht jeder war dem Dreh in solchen Höhen gewachsen.(Foto: Port au Prince Pictures / Martin Rattini)

Man braucht tatsächlich eine längere Zeit, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Wir haben angefangen bei 2000 Metern zu drehen und uns langsam gesteigert. Am Ende waren wir auf dem Gletscher ungefähr bei 3700 Metern. Darauf muss man vorbereitet sein. Man muss fit sein und viel trinken, damit sich das Blut verdünnt. Daran haben sich mehrere Leute aus dem Team nicht gehalten. Die haben die Höhenkrankheit bekommen - Schwindel, Übelkeit, der Körper macht einfach schlapp. Einige mussten ins Krankenhaus.

Aber Sie haben das alles gut weggesteckt?

Es war anstrengend, aber die Natur war Belohnung genug. Jeden Tag nach dem Dreh habe ich mir gedacht: "Geil gewesen. Anstrengend, aber geil." In den Gletscher, in dem wir gedreht haben, kommen Sie als normaler Mensch zum Beispiel gar nicht rein. Wir durften gleich mehrere Tage dort arbeiten. Das war so ein unglaubliches Naturereignis! Ich fand's super. Viele Menschen bekommen da sicher extrem Platzangst, aber ich habe so was nicht. Ich habe nur jeden Morgen eine Aspirin zur Blutverdünnung genommen, weil ich wusste, dass das hilft.

Mal angenommen, Sie wären da eingefroren: Wie gefiele Ihnen die Vorstellung, in 5000 Jahren aufgetaut und auf Essensreste untersucht zu werden?

Sehr, sehr gute Sache! Nur hoffe ich, dass ich dann nicht in irgendeinem Museum liege. Ich will begraben werden. Wobei Ötzi als Feuchtmumie ja auch eine ganz behütete Ruhestätte gefunden hat … Die find' ich gut. Insofern: (senkt seine Stimme und raunt) Ja, will ich. Ich will auch eingefroren werden.

Mit Jürgen Vogel sprach Anna Meinecke

"Der Mann aus dem Eis" startet am 30. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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