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"Tatort: Finsternis" German Psycho

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Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch, l.) schaut in die Abgründe von Ulrich Gombrecht (Uwe Preuss).

(Foto: HR / Degeto / Bettina Müller)

Dass es in dem 15. Fall von Janneke und Brix über weite Strecken keine Leiche zum vermuteten Mordfall gibt, fällt kaum ins Gewicht - die Figuren in dieser Familienaufstellung fordern schon die ganze Aufmerksamkeit. Allen voran Vater Gombrecht, den Uwe Preuss genial verkörpert.

Fast schon ein Ding der Unmöglichkeit, dass ausgerechnet "uns Uwe" in diesem Frankfurter "Tatort" für ein ebenso subtiles wie eindringliches Ausrufezeichen sorgt. Ein gutes Dutzend "Tatort"-Gastspiele hat der 1961 in Dresden geborene Preuss unterm Gürtel, zuletzt als Vater von Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) sogar in einer wiederkehrenden Rolle. Als wäre das nicht schon aufgeladene Krimi-Vita genug, war Preuss auch noch 25 Rostocker "Polizeiruf 110"-Folgen lang als Bukows und Königs Vorgesetzter Henning Röder zu sehen.

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Auch Gombrechts Schwiegersohn Freder (Caspar Kaeser, r.) ist irgendwie verhaltensauffällig.

(Foto: HR / Degeto / Bettina Müller)

Ganz schön viel Vorleistung und Abrieb also, um in einer Rolle wie der des leisen Psychopathen Ulrich Gombrecht all das noch einmal abzustreifen und das Publikum glaubhaft von einem neuen Alter Ego zu überzeugen. Aber Preuss schultert diese Hypothek, so scheint es, wie selbstverständlich. Die titelgebende "Finsternis", sie wohnt in diesem so unauffällig agierenden Berufsschullehrer, und Preuss legt sie mit Geschick und Präzision nach und nach frei, häutet sich wie eine Zwiebel, legt Schicht um Schicht frei, um am Ende als völlig freidrehender Killer zu implodieren.

Zugegeben, der Verdacht stellt sich einigermaßen früh ein. Da ist irgendetwas in Gombrechts Verhalten, in seinen behutsamen Gesten, den zuweilen schweren Schritten, dem lauernden Blick, das den Zuschauern einige Hinweise gibt, dass bei diesem nach außen einigermaßen normal wirkenden Familienvater etwas nicht stimmt. Doch erst als er gegenüber der Schuldirektorin plötzlich vom Mord an seiner Frau spricht - von deren Leiche zu diesem Zeitpunkt noch jede Spur fehlt -, da fällt die Fassade von ihm ab.

Die alte Mär von den toxischen Typen

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Fortan steigert sich Preuss alias Gombrecht mit erhöhter Schlagzahl in den Wahnsinn, wirft seiner umsorgenden Tochter Kristine (Odine Johne) im Streit ein "Du dummes Stück" an den Kopf, scheint mal über seine durchgeknallte Chuzpe zu schmunzeln, erstarrt ein anderes Mal, blind vor Wut, in seinem eigenen Wahn, bis er am Ende erst Anna Janneke (Margarita Broich) außer Gefecht setzt und nach Ehegattin Maria schließlich auch noch seine zweite Tochter Judith (Julia Riedler) umbringen will. Und warum das alles? Nicht etwa, weil nach einer Leukämie-Diagnose sein letztes Stündlein geschlagen hätte und ihm das Hirn zerbröselt, nein, weil seine Frau die Dreistigkeit besitzt, so sieht er es jedenfalls, noch einmal ein neues Leben anfangen und ihn, das muss man(n) sich mal vorstellen, verlassen zu wollen.

Es ist die alte Mär von den toxischen Typen, denn Gombrecht ist kein Unikat in dieser Versuchsanordnung, die Autorin und Regisseurin Petra Lüschow hier sehr einfallsreich und hoch spannend konstruiert hat. Auch Kirstens Ehemann Freder (Casper Kaeser) ist ein zumindest verhaltensauffälliger Zeitgenosse, mit Ludenschnauzer und kurzer Hutschnur, ihr Sohn schaut verbotenes Zeug auf der Videocam, von dem die Zuschauer letztlich nicht erfahren, um welchen üblen Trash es sich da genau handelt. Es ist genau dieses etwas nebulöse Element, dieses im Trüben fischen, das den Frankfurter "Tatort" so stimmig und auf morbide Weise unterhaltsam macht. Die Botschaft vom zerrütteten Binnenverhältnis der Geschlechter wird nicht als Hauptgang serviert, sondern mehr wie ein Raumspray der Atmosphäre beigemischt, unterschwellig böse, nie ganz zu greifen und doch chronisch präsent. Ein Verdienst natürlich auch von Uwe Preuss, der Ulrich Gombrecht, diesen "German Psycho" im Beamtenstatus, meisterhaft schultert und mit letztlich vergeudetem Leben füllt. Chapeau!

Quelle: ntv.de

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