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Tops und Flops beim ESC Ist das dein Ernst, Portugal?

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Machen Sie sich auf was gefasst: Conan Osiris (l.) aus Portugal.

(Foto: Thomas Hanses / Eurovision.tv)

41 Länder wetteifern beim diesjährigen Eurovision Song Contest um den Sieg. Viele Interpreten und Songs werden schnell wieder vergessen sein, andere sind unfreiwillig komisch und wieder andere richtig gut. Wir zeigen Ihnen Favoriten und Rohrkrepierer.

Beim Eurovision Song Contest (ESC) den Sieger vorhersagen zu wollen, gleicht russischem Roulette. Das ist es, was den Wettbewerb letztlich ausmacht: Bis zum Schluss bleibt es ein Buch mit sieben Siegeln, wer letztendlich im Musikantenstadl der Eurovision die Nase vorn haben und die Mehrzahl der Zuschauerherzen über alle Landesgrenzen hinweg erobern wird.

Dennoch: Jedes Jahr kristallisieren sich schon im Vorfeld Favoriten heraus, die nicht nur bei den Buchmachern, sondern auch bei vielen Beobachtern des ESC hoch gehandelt werden. In den vergangenen Jahren heimste dann auch fast immer einer von ihnen den Sieg ein. Zugleich gibt es ein paar Interpreten und Titel, die vielleicht einen Comedy-Preis gewinnen könnten, aber doch niemals den ESC, oder?!

Wir zeigen Ihnen fünf Tops und Flops des diesjährigen Song Contests in Tel Aviv. Selbstredend eine nur bedingt objektive Auswahl.

And the winner is … - die Tops beim ESC

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Italien: Ach ja, die Italiener. Seit sie 2011 nach längerer Abstinenz wieder zum ESC zurückgekehrt sind, zählen sie fast immer zum engeren Favoritenkreis. 2017 in Kiew hielten viele Francesco Gabbani mit "Occidentali's Karma" gar schon für den sicheren Sieger. Doch am Ende wurde er nur Sechster. Und in diesem Jahr? Da versucht Mahmood mit dem Rap-Pop-Song "Soldi", die italienischen Kohlen aus dem Feuer zu holen. Ein Politikum, machten in seiner Heimat doch rechte Agitatoren Stimmung gegen den Sänger mit ägyptischen Wurzeln. Der allerdings will die Politik aus dem ESC heraushalten und singt stattdessen lieber über die schwierige Beziehung zu seinem Vater. Und das richtig gut.

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Schweiz: Da reiben wir uns doch lieber nochmal geschwind die Augen. Aber es hilft nichts. Auch beim zweiten Hinsehen bleibt es Luca Hänni, der für die Eidgenossen in Tel Aviv an den Start geht. Ja, genau der Luca Hänni, der 2012 als pickeliger 17-Jähriger "Deutschland sucht den Superstar" gewonnen hat. Doch schau an: Aus Kindern werden Leute - und so gibt Hänni jetzt den erwachsen gewordenen Latin-Lover. Mit "Dirty Dancing" in der Stimme, Ricky-Martin-Attitüde in den Hüften und - clever - orientalischem Einschlag im Refrain groovt er sich durch seinen Song "She Got Me" bis in die Favoritenzone beim diesjährigen ESC.

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Malta: Was ist das? Knapp 450.000 Einwohner, eine Größe wie das Bundesland Bremen und bisher stets sieglos beim ESC? Richtig, das ist Malta. Aber vielleicht ändert sich das ja in diesem Jahr. Auch wenn bislang nicht allzu viele Michela Pace mit "Chameleon" auf dem Zettel haben sollten, ist das der Beitrag mit dem vielleicht größten Zeitgeist-Faktor in Tel Aviv. Israels Vorjahressiegerin Netta hat vorgemacht, dass man mit folklorefreiem Hipster-Charme auch in Aserbaidschan, San Marino oder Australien punkten kann. Michela Pace könnte es ihr gleichtun.

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Niederlande: Einiges spricht dafür, dass der Sieger des diesjährigen Song Contests aus den Niederlanden kommt. Allein schon die Youtube-Abrufe - kein ESC-Song in diesem Jahr interessierte die Nutzer der Videoplattform bisher mehr als der unserer Nachbarn. Aber auch in den Wettbüros wird Duncan Laurence mit "Arcade" schon seit Wochen als Favorit gehandelt. Und das nicht zu Unrecht. Im Fahrwasser von Indie-Rock-Kapellen wie Bastille, aber auch Electro-Pop der Marke MGMT liefert Laurence einen Hit von internationalem Format ab. In dem Song besingt der 25-Jährige den Verlust eines jungen Menschen, der die große Liebe nicht mehr erleben kann. Das Lied könnte ihm aber tatsächlich einen fetten Gewinn bescheren: den ESC-Sieg.

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Deutschland: Nein, zum engeren Favoritenkreis zählen S!sters bis dato in Tel Aviv nicht. Aber wer weiß? Auch Michael Schulte rollte im vergangenen Jahr mit "You Let Me Walk Alone" das Feld von hinten auf und wurde am Ende in Lissabon Vierter. Und wer wären wir, wenn wir unseren Mädels mit ihrem Song "Sister" nicht die Daumen drücken würden?! Für den ESC-Sieg mag es womöglich nicht ganz reichen, aber ein Platz in der vorderen Tabellenhälfte sollte allemal drin sein. Erst recht nach einem Blick auf so manche Mitbewerber, die auch nur mit Wasser kochen. Ach was, Wasser - genau genommen, mit einer ziemlich fiesen Brühe.

Next please - die Flops beim ESC

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Frankreich: Keine Frage, Bilal Hassani hat es nicht leicht. Nach seinem Sieg beim Vorentscheid sah sich der Franzose mit marokkanischen Wurzeln allerlei homophoben und rassistischen Anfeindungen, bis hin zu Morddrohungen, ausgesetzt. Und natürlich ist sein Ansinnen, mit Schminke und platinblonder Mähne für Toleranz, Gleichberechtigung und gegen Hass anzusingen, aller Ehren wert. Doch leider kommen er und sein Titel "Roi" als allzu gewollter Abklatsch von Conchita Wurst ohne Bart daher, ohne mit dem österreichischen Vorbild auch nur irgendwie mithalten zu können. Braucht der ESC im Land von Dana International eine Kopie der Kopie? Die Chancen dafür stehen dann doch eher schlecht.

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Kroatien: Okay, über die Balkan-Folklore, die alljährlich aus Ländern wie Kroatien beim ESC über uns hereinbricht, herzuziehen, mag platt sein. Die Vorliebe für musikalisch-pathetische Dramen dieser Art mag man hierzulande einfach grundsätzlich nicht teilen. Doch mit Roko kommt in Tel Aviv ein ganz besonders herausragender Vertreter seiner Zunft über uns. Wie er da so am Piano sitzt und in weißer Lederjacke bedeutungsschwanger mit Ausdrucksposen zu Bildern von Krieg, Zerstörung und Armut und dem Song "The Dream" vor sich hin schmachtet, macht er zweifellos auch einen Richard Clayderman neidisch. Aber der ist ja Franzose. Womit sich (siehe oben) der Kreis dann in gewisser Weise wieder schließt.

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San Marino: Auch das Boyband-Girlgroup-Sextett D mol mit Peter-und-Heidi-Charme aus Montenegro hätte es definitiv verdient gehabt, mit "Heaven" in der Flop-Liste aufzutauchen. Aber um politisch korrekt nicht noch einen weiteren Balkan-Staat fertig zu machen, gehen wir lieber auf die Kleinen los. Und wer böte sich da schon besser an als San Marino? Aus der musikalischen Umklammerung von Ralph Siegel hat sich der Zwergstaat seit ein paar Jahren befreit, aus der Umklammerung einiger weniger Sänger dagegen nicht. Und so tritt auch in diesem Jahr - wie schon 2016 - Serhat für San Marino beim ESC an, mit einem Song, der wie aus der Zeit des Röhrenfernsehers anmutet. "Say Na Na Na", heißt das Lied. Wir sagen: Nein, nein, nein. 

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Australien: Puh. So richtig schlau wird man auch nach dem fünften Ansehen nicht aus dem Video von Kate Miller-Heidke zu "Zero Gravity". Und auch wer die Australierin live auf der ESC-Bühne in Tel Aviv gesehen hat, ist ein wenig ratlos. Zugegeben, das erste Entsetzen über die doch reichlich wirre Kombination aus Opern-Arie, Techno-Schleuder und Circus Roncalli weicht irgendwann einer gewissen Faszination. Dass der Funke für den musikalischen wie optischen Drahtseilakt am Ende auf das ESC-Publikum überspringt, darf aber dann doch bezweifelt werden. Macht ja aber auch nichts. Für Australien lautet das Motto auch in Israel schließlich wie jedes Jahr: Dabei sein ist alles.

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Portugal: Mit Verlaub, aber den Vogel schießt beim ESC in diesem Jahr Portugal ab. Und das nicht nur, weil Sänger Conan Osiris und sein tanzender Lakei beim nationalen Vorentscheid auf der Bühne den Bibo mit archaischer Gesichtsmaske, Scherenhänden und Markenturnschuhen gegeben haben. Auch sonst schwankt der Auftritt der beiden irgendwo zwischen mutig-avantgardistisch und skurril-grenzwertig, auch wenn er für die ESC-Bühne in Tel Aviv noch einmal  gründlich überarbeitet wurde. Die abgedrehte musikalische Mischung aus Fado, Techno-Klängen und arabischen Einflüssen beim Song "Telemóveis" hinterlässt beim Hörer mehr als nur ein Fragezeichen. Ob das ESC-Siegerland des Jahres 2017 damit tatsächlich punkten kann? Oder fragt sich womöglich sogar Salvador Sobral an dieser Stelle: Ist das dein Ernst, Portugal?

Quelle: n-tv.de

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