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Mehr als wildbewachsener Acker "Auf Wiesen hat man Kindheitserinnerungen"

Regisseur und Dokumentarfilmer Jan Haft hat schon viel gesehen und erlebt. Er war mit Walen tauchen und hat das luftige Leben von Adlern mit der Kamera eingefangen. Nun widmet sich der Vater dreier Kinder dem Thema Wiese mit einem Dokumentarfilm, der nun in den deutschen Kinos anläuft.

n-tv.de: Herr Haft, was fasziniert Sie an einer Blumenwiese?

Jan Haft: Die heimische Natur fasziniert mich doch am allermeisten. Wir waren schon viel unterwegs mit der Kamera in fernen Ländern. Aber hier sind wir aufgewachsen, hier kenne ich mich aus. Die Wiese hat ja viel zu tun mit Kindheitserinnerung. Wenn man durch bunte Wiesen läuft, die Grashalme gegen die Beine schlagen, überall die Heuschrecken rechts und links weghüpfen, die Schmetterlinge herumgaukeln. Die Vielfalt, die in diesen Wiesen lebt, die wollten wir mit der Kamera einfangen.

Und obwohl Blumenwiesen direkt vor der Haustür zu finden sind, kann ich mir vorstellen, dass das gar nicht so einfach ist, oder?

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Wiese mit Knabenkraut.

(Foto: nautilusfilm / polyband Media GmbH)

Das stimmt. Wir wollten zum Beispiel die Feldlerche porträtieren und sie auch am Nest filmen. Aber eine Feldlerche und ein Feldlerchennest zu finden, ist unglaublich schwer. Wir hatten die Genehmigungen und dann ging es los. Wir haben Feldlerchen mit dem Fernglas beobachtet. Wo sie landet, muss ja auch ihr Nest sein, dachte ich, aber von wegen. Die Feldlerche landet irgendwo, geht dann geduckt durch den Grasdschungel zu ihrem Nest, versorgt ihre Jungen, läuft woanders hin und fliegt wieder auf. Das heißt, wir mussten einen Ornithologen beschäftigen, der zwei Wochen nichts anderes gemacht hat, außer Feldlerchen zu stalken und zu beobachten.

Wie wichtig sind denn Wiesen für Flora und Fauna in Deutschland?

Die Wiese ist ja viel mehr als nur ein Grasacker mit ein paar bunten Blumen drin. Immerhin 3000 Tierarten und über ein Drittel der heimischen Farn- und Blütenpflanzen sind hauptsächlich in Wiesen zu Hause. Da ist so eine große Artenvielfalt zu finden, dass man durchaus sagen kann: Es ist vielleicht unser buntester und vielfältigster und artenreichster Lebensraum. Und der droht gerade zu verschwinden. Bunte Blumenwiesen gab es früher nämlich wirklich viel häufiger, da täuscht der Eindruck nicht. Untersuchungen zu Folge sind die bunten Blumenwiesen in den letzten Jahrzehnten um 98 Prozent zurückgegangen.

Warum ist das so?

Die echten Blumenwiesen sind ja eigentlich die, die auf gutem Boden wachsen, dann nur zweimal im Jahr gemäht und nicht oder nur wenig gedüngt werden. Das kann sich heute aber kaum mehr ein Bauer leisten. Die stehen alle unter einem Erfolgsdruck, die müssen schauen, wo ihr Geld herkommt, wo das Futter für ihr Vieh herkommt. Und so wird heute fast jede Wiese relativ stark gedüngt, meist mit Gülle, und mehrmals im Jahr gemäht. Und an diesen Rhythmus aus düngen und mähen können sich fast keine Tierarten und nur sehr wenige Pflanzenarten anpassen.

Was bedeutet das für die Artenvielfalt in Deutschland?

Wenn man Dünger auf eine Wiese fährt, dann wachsen die Pflanzen, die Nährstoffe vertragen, stärker, werden höher und größer und verdrängen die kleinen empfindlichen Kräuter. Sie wachsen auch dichter und werfen mehr Schatten auf den Wiesenboden. Und fast alle Insekten, die auf der Wiese leben, Schmetterlingsraupen oder Heuschrecken zum Beispiel, die brauchen die Wärme, die brauchen die Sonne, die auf den Boden der Wiese scheint, die brauchen die bunte Vielfalt der Kräuter. Sehr viele Insekten sind auf ganz bestimmte Gräser oder ganz bestimmte Blühkräuter angewiesen. Und wenn die in so einer industriell bewirtschafteten Wiese fehlen, dann verschwinden unweigerlich auch diese Insekten.

Was könnte man dagegen tun? Und welchen Beitrag kann jeder Einzelne leisten?

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Regisseur Jan Haft macht der Wiese mit seinem Film eine echte Liebeserklärung.

(Foto: nautilusfilm / polyband Medien GmbH)

Die bunten Blumenwiesen zu retten, wäre meiner Einschätzung nach ganz einfach. Man müsste die Subventionen, die wir haben für die Landwirtschaft und die ich gerechtfertigt finde, umbauen. Fakt ist, dass die kleinen Bauern mehr Geld brauchen, wenn sie auf Einkommen verzichten, weil eine artenreiche Wiese weniger Geld abwirft. Wenn wir möchten, dass wir bunte, blühende Wiesen haben, voller Heuschrecken, Schmetterlinge, Rehkitze und wiesenbrütender Vögel, dann müssen wir dafür eben bezahlen. Im Großen und Ganzen ist das die frohe Botschaft. Wenn der Regenwald mal weg ist, ist er weg. Wenn der Gletscher mal abgeschmolzen ist, dann ist er weg. Den kann man nicht wieder hinzaubern. Eine Blumenwiese ist im Prinzip leicht zu erhalten.

Und wer einen Balkon hat, kann sich vielleicht einen Balkonkasten anlegen mit heimischen Wildblumen. Da werden vielleicht Wildbienen zur Nahrungsaufnahme kommen. Wer einen Garten hat, kann wilde Ecken zulassen. Und wenn ich Landwirt bin und mehrere Hektar zur Verfügung habe, kann ich vielleicht den einen oder anderen Hektar naturnah gestalten und schauen, ob ich nicht auch da eine Blumenwiese anlegen kann, wie es sie früher einmal gab.

Was würden Sie sich denn wünschen, das Ihr Kinofilm "Die Wiese" bewirkt?

Was ich mir wirklich wünschen würde, dass die Leute neugierig werden und vielleicht mit einem wachen Auge rausgehen, durch die Landschaft gehen, dass auch Kinder rausgehen und sich die Natur selber angucken. Denn fernsehen und ins Kino gehen und ein Buch lesen alleine genügt nicht. Die Menschen müssen schon raus und diese wunderbare Natur da draußen selber erleben.

Mit Jan Haft sprach Andreas Popp

Der Film "Die Wiese - Ein Paradies nebenan" läuft ab 4. April in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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