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"Der Meeresspiegel-Anstieg lässt sich nicht verbieten."
"Der Meeresspiegel-Anstieg lässt sich nicht verbieten."(Foto: imago stock&people)
Dienstag, 06. Oktober 2015

Widerstand zwecklos: Die Nordsee steigt. Was nun?

Es gibt kein Zurück: Der Meeresspiegel steigt und auch Deutschland ist davon betroffen. Prof. Karsten Reise, langjähriger Leiter der Wattenmeerstation auf Sylt, kennt sich aus mit der Nordsee-Küste. Mit n-tv.de spricht er über Häuser auf Pontons, transportable Hotels und einen neuen Lebensstil.

n-tv.de: Herr Reise, wie gefährdet sind die Nordsee-Inseln, wenn der Meeresspiegel in Folge des Klimawandels steigt?

Karsten Reise: Das wird eine sehr missliche Situation, wenn sich die Erhöhung in dem Rahmen bewegt, den die Klimaforscher verkünden. Da die Nordseeküste so extrem flach ist, zählt da quasi schon jeder Zentimeter. Und der Küstenschutz ist in den letzten Jahrhunderten so gut gewesen. Das ist vor diesem Hintergrund von Nachteil.

Wie kann Küstenschutz nachteilig sein?

Wenn eine Insel fest vermauert wird, hat sie keine Beweglichkeit mehr. Dann kann sie dem Ansturm der Wellen nicht mehr durch Verlagerung und einer Änderung ihrer Uferformen ausweichen. Sie ist starr geworden. Und dann sind da noch die Deiche. Die verhindern, dass Sturmfluten das Land überspülen - was natürlich gut ist für Bewohner und Landwirtschaft. Aber die Deiche verhindern auch, dass Marschböden mit dem Meer mitwachsen können. Denn jede Sturmflut setzt Sinkstoffe aus der Nordsee ab und so würden sich ein ansteigendes Meer und das flache Land in Balance halten - wären da nicht die Deiche.

Sind es allein Mauern und Deiche, die die Balance stören?

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Auch die Entwässerung der Marschböden spielt eine Rolle. Weil es an der Nordsee viel regnet, werden die Marschböden immer kräftig entwässert. Sonst könnte man dort keine Landwirtschaft betreiben und die Böden mit schweren Traktoren und Mähdreschern befahren. Je mehr man einen Marschboden entwässert, umso mehr schrumpft er aber, umso mehr sackt er, sodass weite Teile des Landes heute tiefer liegen als das Meer. Die Insel Pellworm ist dafür ein gutes Beispiel: Sie ist wie eine Schüssel. Die Mitte der Insel liegt unter dem mittleren Meeresspiegel. Das ist natürlich eine heikle Situation, wenn das Meer nun anfängt, schneller zu steigen.

Wie hoch steigt denn der Meeresspiegel? Es gibt dazu so viele verschiedene Angaben ...

Die Organisation der Klimaforscher rechnet damit, dass der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert weltweit um 30 bis 80 Zentimeter steigen könnte. Die exakten Zahlen kennen wir tatsächlich nicht. Wir können das Verhalten der Menschen nicht so recht vorhersagen: Wie viel der Kohlenstoffvorräte werden sie noch verbrennen? Und wie viel genau von den ungeheuren Eismassen, die auf Grönland und der Antarktis liegen, wird schmelzen? Wenn man sich nur ein kleines bisschen verkalkuliert in den Einschätzungen der Schmelzprozesse, liegt man mit den Berechnungen des Meeresspiegels unter Umständen erheblich daneben. Fest steht: Schmelzen von der Antarktis nur fünf Prozent des Eises, hebt sich das Meer weltweit um drei Meter. Das ist eine ziemliche Dimension. Und aktuell laufen die Schmelzprozesse schneller ab, als man es in den Modellen vorhergesehen hatte. Die niederländische Regierung geht daher für dieses Jahrhundert, um auf der sicheren Seite zu sein, bereits von einem Meeresspiegel-Anstieg um einen Meter aus.

Dieses Jahrhundert ist in 85 Jahren vorbei. Was kommt dann?

Prof. Karsten Reise - hier auf einer Muschelbank mit Austern in den Händen - leitete bis zu seinem Ruhestand in 2013 die Wattenmeerstation in List auf Sylt. Sie gehört zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.
Prof. Karsten Reise - hier auf einer Muschelbank mit Austern in den Händen - leitete bis zu seinem Ruhestand in 2013 die Wattenmeerstation in List auf Sylt. Sie gehört zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.(Foto: picture alliance / dpa)

Danach wird das Meer schneller steigen. An sich ist es sehr träge, viel langsamer als die Atmosphäre. Das Meer ist wie ein großes Schwungrad. Es kommt langsam in Gang. Aber wenn es erstmal in Gang ist, dann gelingt es uns nicht mehr, es aufzuhalten. Man nimmt an, dass das Meer bis 2200 oder 2300 noch um mindestens drei weitere Meter gestiegen ist. Darauf müssen wir uns einstellen.

Wie kann man die Küsten schützen?

Im Moment konzentriert sich der Küstenschutz auf die nächsten Jahrzehnte und erhöht entsprechend die Deiche. Blickt man aber nicht auf Jahrzehnte, sondern auf Jahrhunderte, muss man sich fragen, ob das die richtige Strategie ist.

Welche Strategie wäre besser?

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Eigentlich bräuchten wir wieder Inseln, die beweglicher werden können, die also nicht in ein so starres Korsett gegossen sind. Inseln, auf denen Dünen wieder wandern können - mit all den Problemen, die das mit sich bringt, wie etwa Sand auf den Straßen. Und Marschböden müssten wieder aufschlicken können. Dafür brauchen wir Deiche, bei denen wir kontrolliert die Gezeiten ein- und ausfließen lassen können, damit die Nordsee diese Marschböden nach und nach, über Jahrzehnte hinweg, wieder erhöhen kann. Aber so einfach geht das nicht, da wohnen ja Menschen, und Landwirte bauen dort Mais, Rüben und Kohl an. Da kann man die Böden nicht einfach unter Wasser setzen. Was geht, ist, mit den Betroffenen Konzepte zu entwickeln.

Wenn das Mitwachsen der Marschböden Jahrzehnte dauert und Landwirtschaft dort dann nicht mehr möglich ist – wovon sollen die Menschen leben?

Man könnte dort zum Beispiel eine Erholungslandschaft gestalten, in der man dann zum Beispiel windsurfen kann. Oder man baut Feriensiedlungen, die dort auf dem Wasser schwimmen und schafft ein Wasserparadies. Man kann auch Sumpfpflanzen anbauen oder dort Wasserbüffel halten. Es muss nicht so sein, dass das Land dann verloren oder nutzlos ist.

Kontrolliert durchlässige Deiche und mitwachsende Marschböden - welche Möglichkeiten gäbe es noch?

Wenn in der Elbe das Wasser immer höher steigt, kann man sich immer höher verbarrikadieren - oder man schaut auf Venedig und überlegt sich, ob man sich damit arrangieren kann, dass das Wasser bei Sturmfluten durch die Straßen fließt und die Häuser erst ab dem zweiten oder dritten Stockwerk bewohnt werden. Sodass wir wieder zu Bauweisen zurückkehren, bei denen die für uns wichtigen Häuser auf Hügeln stehen, so wie es auch heute noch auf Halligen der Fall ist. Oder man setzt sie, das wäre moderner, auf hydraulische Pfähle, dann kann man die Häuser hochfahren, wenn die Sturmflut kommt. Oder man baut neue Häuser auf schwimmende Pontons, und wenn das Wasser durch den Deich kommen sollte, dann schwimmt das Haus einfach auf. Dafür muss man es bloß gut verankert haben.

Wann könnte und müsste man mit der Umsetzung einzelner Konzepte beginnen?

Ein Beispiel: Damit Sylt da bleibt, wo es ist, spült man ja bereits jedes Jahr etwa eine Million Kubikmeter neuen Sand vor die Strände. So etwas muss man wahrscheinlich langfristig auch fürs Wattenmeer machen, damit es als kilometerweite Schutzzone erhalten bleibt. Das Wattenmeer sorgt ja dafür, dass die Sturmfluten nicht mit voller Wucht auf die Küste prallen. Damit könnte man schon jetzt beginnen, man könnte also hier und da schonmal in kleinen Dosen Sandsedimente mit Spülschiffen aus der Nordsee reinbringen und das Wattenmeer nach und nach erhöhen. Das ist langfristig eine bessere Maßnahme als Steinmauern entlang der Küste. Vor Sylt könnte man so viel Sand spülen, dass sich dort neue Dünen bilden. Dann ist man schon raus aus dem Schneider. Natürlich hat man dann auch mit den wandernden Dünen Probleme, aber auf eine bewegliche Landschaft könnte man sich einstellen. Hotels und Appartements könnte man ja zum Beispiel auch transportabel bauen. Aber das sind gesellschaftliche Entscheidungen, das kann man niemandem vorschreiben.

Ein Fazit?

Wir haben es ein bisschen verlernt, mit Wasser zu leben. Über Jahrhunderte haben wir immer nur entwässert, weil wir Wasser als etwas Böses angesehen haben. Wir müssen also vielleicht unseren Lebensstil ändern. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn wir mehr Wasser unmittelbar um uns herum haben? Können wir uns nicht vielleicht auch darauf einlassen und uns damit arrangieren? Der Meeresspiegel-Anstieg lässt sich nicht verbieten. Man muss sich mit dieser langfristigen Thematik auseinandersetzen. Und je früher wir anfangen, umso leichter können wir noch Lösungen finden.

Mit Karsten Reise sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de