Wissen

Grippeimpfung kann Leben retten "Die Risiken werden grotesk überschätzt"

99411656.jpg

Die Grippeimpfung bieten Hausärzte, inzwischen aber auch viele Arbeitgeber an.

(Foto: picture alliance / Lukas Schulze)

Viele Menschen halten die Grippe für eine Spielart der Erkältung. Das ist ein großer Fehler, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut im Interview mit n-tv.de. Denn die Influenza tötet in manchen Wintern etwa 20.000 Menschen. Vor allem drei Risikogruppen sollten vorsorgen, auch wenn die Impfung keinen vollständigen Schutz bietet und im Internet viele falsche Behauptungen kursieren.

n-tv.de: Wenn ich bisher noch nicht zur Grippeschutzimpfung gegangen bin, ist es schon zu spät?

Susanne Glasmacher: Nein, das macht gar nichts. Der beste Zeitraum für die Impfung ist Oktober und November. Es ist also genug Zeit, sie noch nachzuholen.

Muss ich mich denn unbedingt impfen lassen? Oder kann ich darauf verzichten?

Wenn man sich gegen die Impfung entscheidet, kommt es sehr darauf an, welchen gesundheitlichen Hintergrund man hat. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Grippeschutzimpfung für chronisch Kranke jeder Altersstufe, für Schwangere und für alle, die älter sind als 60 Jahre. Außerdem sollten sich alle impfen lassen, die diese Risikogruppen betreuen – insbesondere medizinisches und Altenpflegepersonal.

Wie gefährlich ist es, auf die Impfung zu verzichten?

Wenn man jung und gesund oder jünger und gesund ist, ist die Impfung nicht ausdrücklich empfohlen, aber auch nicht ausdrücklich abgeraten. Es ist bei der Influenza so, dass etwa ein Drittel der Infizierten deutlich krank ist. Bei ihnen treten die üblichen Symptome auf wie schwere Kopf- und Gliederschmerzen, hohes Fieber, ein sehr abrupter Beginn, trockener Reizhusten. Das möchte man nicht unbedingt haben, aber wenn man gesund ist, überlebt und übersteht man das.

Und was erwartet die Risikogruppen?

Vor allem ältere Menschen riskieren bei einem schweren Verlauf der Influenza, daran zu sterben. In schweren Grippewellen wie zum Beispiel im Winter 2016/17 haben wir fast 23.000 Todesfälle geschätzt. Für den vergangenen Winter, als auch eine sehr schwere Grippewelle grassierte, liegen noch keine bundesweiten Daten vor. Aber Schätzungen für Berlin zeigen, dass die Werte über denen der Vorjahre liegen und es vermutlich auch bundesweit viele Todesfälle gegeben hat. Wenn man das weiß und sich nicht impfen lässt, ist es das gute Recht eines Jeden. Aber wer sich informiert, sollte sich eigentlich schon für die Impfung entscheiden. Es gibt auch viele Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten die Grippeschutzimpfung anbieten.

Und mit Impfung bin ich vor einer schweren Grippe geschützt?

Nein, die Wirksamkeit ist leider nicht so gut, wie wir es gerne hätten. Wenn es gut läuft, sind etwa 50 bis 60 Prozent der Geimpften vor Erkrankungen geschützt. Dass es nicht mehr sind, ist nicht gut, aber wir haben eben keine bessere Impfung. Und bei der Vielzahl der Erkrankten, die wir sehen – im vergangenen Jahr gab es neun Millionen Arztbesuche, die wir der Influenza zuschreiben –, kann auch eine vergleichsweise moderate Wirksamkeit eine Menge Erkrankungen und Todesfälle vermeiden. Außerdem legen viele Studien nahe, dass die Impfung selbst im Falle einer Erkrankung die Symptome meist mildert. Das kann bei alten Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.  

Viele Menschen sehen Impfungen grundsätzlich eher skeptisch, egal ob es um die Grippe oder typische Kinderkrankheiten wie Masern geht. Liegt das daran, dass es keinen vollständigen Schutz gibt? Oder wo kommt diese Bewegung her?

Grundsätzlich ist die Bewegung sehr viel älter, als den meisten Menschen bewusst ist. Das gab es schon im 19. Jahrhundert mit der Pflichtimpfung der preußischen Regierung gegen Pocken. Damals gab es einzelne Befürchtungen, man würde durch die Impfung Eigenschaften der Kuh annehmen, weil Kühe verwendet wurden, um den Impfstoff zu produzieren. Auch bei der Schweinegrippe-Pandemie 2009/10 gab es viele negative Berichte über Verstärker im Impfstoff. Außerdem verlief die Pandemie sehr viel moderater, als es weltweit erwartet wurde. Das hat die Bedenken gegen Impfungen verstärkt und vielleicht auch dazu beigetragen, dass viele Menschen die Grippe unterschätzen.  

Inwiefern unterschätzen?

Es denken meines Erachtens viele, dass die Grippe harmlos sei. Das ist sie in vielen Fällen auch. Wir wissen, dass etwa ein Drittel der Infektionen symptomlos verläuft und ein Drittel eher mild. Aber es sind eben ein Drittel der Infektionen, die schwer verlaufen mit etwa 20.000 Todesfällen in manchen Grippewellen allein in Deutschland. Man sollte die Influenza nicht unterschätzen. Dass das trotzdem passiert, hat vermutlich auch damit zu tun, dass im Volksmund Grippe, grippaler Infekt und Influenza in einen Topf geworfen werden und die Influenza dann als eine Spielart der Erkältung angesehen wird. Aber das ist sie definitiv nicht.

Tragen dazu auch dubiose Internetseiten bei?

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe bei Impfgegnern. Ein ganz großer Teil von ihnen hat eine gewisse Skepsis oder ein Unbehagen beim Impfen. Diese Menschen finden im Internet Behauptungen, bei denen für Laien nicht gut erkennbar ist, dass diese wissenschaftlich nicht belegt sind. Auf den Seiten wird viel mit Emotionen und Bildern gearbeitet. Wenn man zum Beispiel ein Kind im Rollstuhl sitzen sieht und darüber steht: "Das ist ein Impfschaden", dann ist es relativ schwer, danach noch unvoreingenommen Informationen zum Impfen zu bewerten.

Wo finde ich denn zuverlässige Informationen zum Impfen?

Das Robert-Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut haben auf www.rki.de/impfeinwaende.de die wichtigsten Behauptungen und die wissenschaftlichen Argumente dafür und dagegen zusammengestellt. Da gibt es tatsächlich auch einzelne Aspekte, bei denen Impfgegner Recht haben. Zum Beispiel bei Masern, dass der Schutz fürs Kind bei Schwangeren besser ist, wenn die werdende Mutter schon Masern hatte. Aber die Schlussfolgerung kann dann natürlich nicht sein, dass man auf die Impfung verzichtet und eine Erkrankung riskiert, die tödlich enden kann. Darüber hinaus gibt es auch wilde Behauptungen, wie die, dass es gar keine Viren gibt.

Wie lautet ihre Botschaft an Impfgegner?

Die Risiken werden grotesk überschätzt und die Gefährlichkeit der Erkrankung wird sehr häufig unterschätzt.

Mit Susanne Glasmacher sprach Christian Herrmann.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema