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Seismologe erklärt Wissensstand "Erdbeben-Vorhersagen funktionieren nicht"

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(Foto: imago/China Foto Press)

Schneestürme, Hochwasser und Hitzewellen lassen sich ziemlich gut vorhersagen. Auch Warnungen vor einem Tsunami sind möglich. Anders ist es bei Erdbeben - trotz modernster Technik.

Radar- und Satellitensysteme liefern wichtige Daten für die Erdbebenforschung. Doch trotz modernster Technik können Erbeben nicht vorhergesagt werden. Die Vorgänge sind zu komplex, erklärt Seismologe Marco Bohnhoff vom Potsdamer Geoforschungszentrum.

Warum lassen sich Erdbeben nicht vorhersagen?
Bohnhoff: Die Vorhersagbarkeit von Erdbeben ist ein lange diskutiertes Thema. Nach heutigem Stand der Wissenschaft können Erdbeben nicht vorhergesagt werden. Es gibt verschiedene Vorläuferphänomene, die immer mal wieder durch die Medienwelt geistern. Es gibt diese Vorläuferphänomene auch. Aber es gibt keines, dass eine kurzfristige Vorhersagbarkeit auf den Punkt - insbesondere auf den Zeitpunkt - zulässt.

Warum ist das so?
Das hat verschiedene Gründe. Der Erdbebenprozess ist ein sehr komplexer. Zunächst finden diese Prozesse unter der Erdoberfläche statt. Das heißt, wir haben keinen direkten Zugriff. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Wetter und Klima. Wir sind auf indirekte Informationen angewiesen. Mit dem Stand der Technik von heute können wir aber gute Aussagen treffen, mit welcher Wahrscheinlichkeit in welchen Bereichen weltweit Erdbeben auftreten können. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit umso genauer, je mehr historische Aufzeichnungen über frühere Erdbeben es in einem Gebiet gibt. Die zuverlässigste Angabe zu dem Thema erfolgt in Prozent. Um ein Beispiel zu nennen: Wir wissen, dass es in Istanbul früher oder später zu einem Erdbeben kommen wird. Dort liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Erdbeben der Magnitude sieben in den nächsten 30 Jahren bei 30 bis 40 Prozent. Das hört sich technisch an, ist aber die einzig mögliche zuverlässige Angabe.

Sie sprechen von Jahren. Enger lässt sich dies nicht eingrenzen?
So ist es. So wünschenswert eine Vorhersagbarkeit von einem Tag auch wäre - das ist heute nicht möglich. Und nach allem, was wir wissen, wird dies auch über Jahre hinaus noch nicht möglich sein. Der beste Schutz gegen Erdbeben ist und bleibt eine sichere Bauweise von Gebäuden - und die ist leider sehr teuer.

Welche Technik bräuchte es denn, um Erdbeben vorhersagen zu können?
Man bräuchte ein vollumfassendes Bild von Prozessen und vom Status des Systems in bis zu 20 Kilometer Tiefe. Zudem spielt sich ein Erdbeben nicht an einem Punkt ab, sondern es verschieben sich zwei Flächen gegeneinander. Diese Flächen können Hunderte Kilometer lang und 20 bis 30 Kilometer tief sein. Das heißt, wir haben es mit einer Fläche von mehreren tausend Quadratkilometern zu tun. Wir wissen, dass so eine Fläche über lange Zeiträume hinweg durch die Bewegung der Erdplatten aufgeladen wird - und dann startet irgendwann an irgendeinem Punkt das Beben. Das ist ein Anspruch, dem wir auf lange Sicht nicht gerecht werden können. Das ist der Stand der Technik.

(Professor Marco Bohnhoff ist Seismologe und hat 1997 sein Diplom in Geophysik an der Universität Hamburg abgelegt, drei Jahre später promovierte er dort. Seit 2003 ist der 44-Jährige am GFZ in Potsdam tätig, wo er eine Arbeitsgruppe zum Thema Experimentelle und Bohrloch-Seismologie leitet. Seit 2013 ist er Sprecher der GFZ-Zukunftskommission.)

Quelle: n-tv.de, Marion van der Kraats, dpa

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