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Kontrolliertes Risiko Experten bieten Strategie für Schulöffnungen

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Abstandsregeln alleine genügen für sichere Schulöffnungen nicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für die Schul- und Kita-Öffnungen nach den Ferien fehlt es noch an klaren Konzepten. Führende Fachgesellschaften stellen deshalb eine differenzierte Strategie vor, die Infektionen minimieren, pauschale Schließungen verhindern sowie Lehrkräfte, Betreuer und Angehörige schützen soll.

Schulen und Kitas sollten so weit wie möglich nach den Ferien wieder ihren Regelbetrieb aufnehmen, darin ist sich die große Mehrheit der Experten, Politiker, Eltern, Lehrer und Erzieher wohl einig. Doch die meist nur grob abgesteckten Pläne der Bundesländer gehen oft an den Realitäten in den Kommunen und Einrichtungen vorbei.

Deshalb haben jetzt wichtige Fachgesellschaften in Zusammenarbeit mit Experten eine differenzierte Strategie vorgestellt. Sie soll helfen, die Zahl der Infektionen zu minimieren und im Ernstfall pauschale Schließungen zu vermeiden. Außerdem gilt es die Gesundheit von Lehrkräften, Erziehern und Erzieherinnen zu schützen. Ob alle Vorschläge der Wissenschaftler umsetzbar sind, steht auf einem anderen Blatt. Sie können aber zumindest Behörden und Einrichtungen als roter Faden dienen.

Ältere Kinder vermutlich ansteckender

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Die vorgeschlagenen Maßnahmen unterscheiden zwischen jüngeren und älteren Kindern ab zehn Jahren.

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An dem Papier waren unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie beteiligt. Zu den beratenden Experten gehören Virologe Jonas Schmidt-Chanasit und RKI-Präsident Lothar Wieler.

Die Verfasser gehen "basierend auf den bisherigen Kenntnissen" grundsätzlich davon aus, dass sich Kinder und Jugendliche seltener anstecken und ein geringeres Risiko haben, schwer zu erkranken. Dass sie deswegen auch weniger ansteckend als Erwachsene sind, ist alles andere als bewiesen. Doch für die Wissenschaftler spricht vieles dafür, dass dies so ist. Sie unterscheiden dabei allerdings zwischen Altersgruppen. Die Daten für Kinder bis zehn Jahre "scheinen auf eine geringere Bedeutung für die Übertragungsdynamik (Transmissionsdynamik) hinzudeuten als für Jugendliche ab 14 Jahre", schreiben sie.

Dass es Infektionen an Schulen geben wird, steht für die Fachleute fest. Doch "das sichere Verhindern jeder einzelnen SARS-CoV-2-Infektion ist kein realistisches Ziel einer Präventionsstrategie, in der das gesellschaftliche Leben (und die alters- und entwicklungsgemäße Teilhabe von Kindern und Jugendlichen) aufrechterhalten wird", schreiben sie.

Lehrern und Erziehern wird viel abverlangt

Um Ansteckungen möglichst zu vermeiden, nehmen die Wissenschaftler das Personal in Verantwortung. Zum Eigenschutz soll es die AHA-Regeln einhalten. Das heißt, wann immer möglich Abstand halten, vor allem zu anderen Erwachsenen und Jugendlichen, Hände waschen und Alltagsmasken tragen, falls Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Bei Kita-Personal sei bei engem Kontakt zu den Kindern das durchgängige Tragen einer Maske nicht möglich, schreiben die Experten. Visiere seien hier eine Notlösung, die besser sei, als sich gar nicht zu schützen.

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Ob Lehrer und Schulleitung mit weniger Personal die zusätzlichen Aufgaben stemmen können, bleibt eine offene Frage.

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So weit, so gut. Doch dann wird es für Lehrer und Erzieher komplizierter. Sie sollen auch regelmäßig lüften und dafür gegebenenfalls den CO2-Gehalt der Raumluft messen. Dann sollen sie relevante Symptome bei sich, Kollegen sowie Kindern und Jugendlichen erkennen und entsprechende Konsequenzen zeitnah ziehen. Dabei fordern die Experten eine enge Kommunikation des Personals untereinander und eine Kooperation der Einrichtung mit den lokal zuständigen Behörden. Und schließlich sollen Kitas und Schulen Kinder, Jugendliche und Eltern in das Gesamtkonzept aktiv einbinden.

Keine Pauschallösungen

Dabei fordern die Wissenschaftler, das Vorgehen an "setting-spezifische Rahmenbedingungen" anzupassen. Soll heißen: Es gibt keine Pauschallösungen. Das Spektrum reiche von familienähnlichen Strukturen in Kitas bis hin zu Berufskollegs mit vierstelligen Schülerzahlen. Die Fachleute wünschen sich außerdem einen "begründeten strukturierten und transparenten Entscheidungsprozess. Allerdings sind in Mecklenburg-Vorpommern die Ferien bereits zu Ende, Nordrhein-Westfalen, Berlin und andere Bundesländer folgen in Kürze. Wie die Forderungen kurzfristig umgesetzt werden können, lässt das Papier offen.

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Für Berufsschulen gelten ganz andere Regeln als für Grundschulen oder Kitas.

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Dass es an Einrichtungen auch zu Engpässen kommen kann, weil Lehrer und Erzieher zu Risikogruppen gehören, sehen die Experten, erkennen darin aber offenbar kein quantitatives Problem. "Nicht begründete Befürchtungen" sollen dem Personal durch "sachlich fundierte professionelle Aufklärung und Beratung" genommen werden, damit sie sich nicht selbst "ohne nachweislichen medizinischen Grund selbst in einer 'Risikogruppe' verorten und ihren dienstlichen Aufgaben nicht mehr nachkommen", schreiben die Wissenschaftler. Im Zweifel sollen Betriebsärzte in Abstimmung mit behandelnden Ärzten entscheiden.

Komplettschließungen als letztes Mittel

Wenn es zu Infektionen kommt, möchten die Experten pauschale Schließungen vermeiden. Das primäre Ziel sei "die Eingrenzung des Infektionsgeschehens auf eine Kitagruppe, eine Schulklasse, ein Kurssystem oder einen Jahrgang. Unter anderem soll dies durch die Bildung fester Gruppen geschehen. Sei dies beispielsweise in höheren Klassenstufen nicht möglich, seien diese Altersgruppen "durchaus in der Lage, allgemeine Maßnahmen der Infektionsprävention konsequent umzusetzen", heißt es in dem Papier. Hier seien aber auch ergänzende Unterrichtsformen wie digitales Lernen möglich.

*Datenschutz

Schwierig wird für viele Schulen und Kitas sein, im Vorfeld der Öffnung Konzepte mit den zuständigen Gesundheitsämtern zu erarbeiten, wie es sich die Experten wünschen. Denn auch hier gilt: Die Zeit wird knapp oder ist bereits abgelaufen. Die Behörden sollen außerdem mit der Leitung der Einrichtung ein strukturiertes Ausbruchsmanagement durchführen. Unter anderem soll dazu eine Analyse der Transmissionswege gehören.

Tests und Impfungen

Schließlich setzt die Strategie der Experten auf Tests. Sie sollen bei Infektionsfällen schnell zur Verfügung stehen, um Schließungen oder Quarantänen zügig beenden zu können. Wichtig finden sie auch, dass bei besonderen Anlässen getestet werden kann, beispielsweise bei Rückkehrern aus Risikogebieten oder regionalen Ausbrüchen. Für begleitende wissenschaftliche Studien sollen außerdem Sentinel-Tests gemacht werden, also bestimmte Gruppen komplett getestet werden.

Dabei geht es den Wissenschaftlern auch darum, eine mögliche Covid-19-Erkrankung von Schnupfen und anderen Erkrankungen zu unterscheiden. Es soll deswegen dafür gesorgt werden, dass alle Kinder vollständig geimpft sind. Für Kinder unter zehn Jahren fordern die Experten alternative Tests zum Nasenrachenabstrich, der in diesem Alter sehr unangenehm und sogar traumatisierend sein könne.

Rotznasen müssen nicht getestet werden

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Tests über Nase oder Rachen sind für kleine Kinder nur schwer zu ertragen.

(Foto: imago images/Hindustan Times)

Generell alle symptomatischen Kinder und Jugendliche zu testen, lehnen die Fachleute ab. Dies sei bei zu erwartenden 4,2 Millionen Tests in den Wintermonaten logistisch und kapazitiv nicht möglich. Außerdem betrügen die Kosten rund 200 Millionen Euro.

Kranke Kinder gehörten grundsätzlich nicht in die Schule, sondern müssten sich zu Hause auskurieren, schreiben sie. Wegen einer Rotznase müsse kein Kind getestet werden. Die sei lediglich bei einem "reduziertem Allgemeinzustand" und Symptomen einer Infektion wie Fieber oder Husten von mehr als zwei Tagen nötig, "solange nach ärztlichem Urteil keine andere Erklärung hierfür vorliegt."

Ein ärztliches Attest zur Rückkehr in die Schule oder die Kita sei nur nach einer Covid-19-Infektion notwendig oder wenn das Kind wegen eines Kontakts zu einer infizierten Person in Quarantäne war. Darüber hinaus seien die Einrichtungen gar nicht berechtigt, einen negativen Test zur Voraussetzung für die Wiederaufnahme zu verlangen.

Maßnahmen nach Alter und Inzidenzen

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Bei allen Maßnahmen unterscheiden die Fachleute grundsätzlich zwischen Kindern, die jünger oder älter als zehn Jahre sind. Außerdem berücksichtigen sie unterschiedliche Inzidenzen in Landkreisen. So sollen Schüler unter zehn Jahren erst bei mehr als durchschnittlich 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern Masken tragen, während dies für ältere Kinder grundsätzlich gilt. In Kitas soll es keine Maskenpflicht geben, man könnte das Tragen dort aber spielerisch einüben, schreiben die Wissenschaftler.

Bei einer Inzidenz unter 25 schlagen die Fachleute einen weitgehend normalen Unterricht vor. Mehr als Masken für die Älteren, Lüften und Händewaschen ist dann nicht vorgesehen. Darüber hinaus soll es feste Klassenverbände und separate Pausengruppen geben. Steigt die Inzidenz über 50, sollen alle Maßnahmen greifen, inklusive Flächendesinfektionen. In Kitas gelten die Regeln hauptsächlich für Betreuer, auch bei hohen Inzidenzen sollen die Kinder nur Hände waschen und müssen in festen Gruppen bleiben.

Quelle: ntv.de