Fakten & Mythen

Wenn das Immunsystem spinnt Allergien sind so verbreitet wie nie

31346813.jpg

Allergien können die Lebensqualität erheblich verringern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwischen 20 und 30 Millionen Menschen leiden allein in Deutschland unter Allergien. Um den Irrtum des Immunsystems ranken sich zahlreiche Mythen, von denen die meisten einfach nicht stimmen. Welche das sind, erklärt n-tv.de.

Allergien sind keine Krankheiten. Falsch!

Als Krankheit wird eine Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens bezeichnet. "Da Allergiker sehr oft Symptome haben, die das Wohlbefinden des Betroffenen erheblich beeinträchtigen können, müssen Allergien natürlich als Krankheiten eingestuft werden", erklärt der Allergologe Dr. Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin. Die Allergie ist eine Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems auf harmlose Stoffe aus der Umgebung. Sie kann zu verschiedenen Reaktionen im Körper führen, die individuell verschieden stark empfunden werden können. "Es gibt Allergiker, die Symptome haben ohne Beeinträchtigung des allgemeinen Wohlbefindens. Trotzdem bleibt die Allergie aus medizinischer Sicht eine Krankheit, die sogar chronisch werden kann", so Kleine-Tebbe weiter.

Allergien sind heilbar. Falsch!

31574837.jpg

Die meisten Pollenallergiker können sich nicht auf blühende Sommerwiesen legen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Da Allergien genetisch determiniert sind, kann man diese auch nicht heilen" erklärt der Arzt. Das gilt sowohl für die sogenannten Soforttyp-Allergien (allergischer Schnupfen, allergisches Asthma, Nahrungsmittelallergien, etc.), als auch für die Spättyp-Allergien (Kontaktallergien, zum Beispiel gegen Nickel). Für die Soforttyp-Allergiker gibt es die Therapiemöglichkeit der Hyposensibilisierung. Dieser Therapieansatz kann längerfristig die Beschwerden lindern, manchmal sogar vollständig verschwinden lassen. Allerdings können die Symptome nach einigen Jahren wieder auftreten, so dass diese Form der Therapie nicht einer vollständiger Heilung entspricht. Bei einer Spättyp-Allergie dagegen kann therapeutisch nicht mit einer Hyposensibilisierung vorgegangen werden. Hier hilft nur die strikte Meidung der ermittelten Allergieauslöser.

Einmal Allergiker, immer Allergiker. Richtig!

"Wir wissen heute, dass nicht die Krankheit Allergie an sich vererbt wird, sondern die Allergiebereitschaft, die auch als Sensibilisierung bezeichnet wird", erläutert der Experte. "Das bedeutet, rund 40 Prozent der Bevölkerung trägt die Gene als erhöhtes Allergierisiko in sich. Nur die Hälfte davon bekommt tatsächlich eine Allergie", so Kleine-Tebbe weiter. Warum das so ist, können Forscher bis heute nicht zweifelsfrei klären. Es scheint, als wären mehrere Faktoren beteiligt, damit das Immunsystem auf harmlose Stoffe mit Abwehr reagiert. Die genetische Disposition allerdings bleibt ja ein Leben lang bestehen. Auch jemand, der durch eine Hyposensibilisierung mehrere Jahre symptomfrei war, kann im Einzelfall die gleiche oder eine andere Allergie bekommen. Auch wenn bei Kindern beispielsweise Nahrungsmittelallergien mit zunehmendem Alter häufig verschwinden, bleiben diese besonders gefährdet, im Erwachsenenalter Allergien an den Atemwegen zu bekommen. "Es gibt heute keinen Weg vorherzusagen, ob jemand, der eine Allergiebereitschaft ins sich trägt, tatsächlich auch eine Allergie bekommt", betont der Berliner Allergologe.

Jede Unverträglichkeit ist eine Allergie. Falsch!

Medizinisch gibt es einen klaren Unterschied zwischen einer (nicht-allergischen) Unverträglichkeit oder Intoleranz und einer Allergie. Beide werden zwar als Überempfindlichkeiten bezeichnet, allerdings ist bei einer Intoleranz das Immunsystem des Körpers unbeteiligt, bei einer Allergie dagegen kann die Beteiligung des Immunsystems nachgewiesen werden. Eine Laktoseinterolanz beispielsweise geht ja auf einen Mangel an Laktase, also einen Enzymmangel, zurück. Aus diesem Grund kann der Milchzucker im Dünndarm nicht aufgespalten werden, die Darmbakterien fallen darüber her, produzieren Stoffwechselgase und das kann, muss aber nicht, zu unangenehmen Folgen, wie Blähungen und Bauchschmerzen, manchmal auch Durchfall führen. Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind wesentlich häufiger als echte Nahrungsmittelallergien.

Dreck hilft, Allergien vorzubeugen. Falsch!

24636153.jpg

Der Dreck der Stadt kann Kinder wahrscheinlich nicht vor Allergien bewahren.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Immer wieder ist dieser Satz zu lesen, den ich sehr bedenklich finde", so Kleine-Tebbe. Richtig ist, dass Kinder, die auf Bauernhöfen mit Viehzucht aufwachsen und demzufolge mit einer Vielzahl von Keimen in Kontakt kommen, ein wesentlich geringeres Risiko haben, eine Allergie zu bekommen, als Kinder, die in Städten aufwachsen. Das ist vor allem auf den Kontakt mit Tieren im Stall zurückzuführen. Unklar ist jedoch bis heute, wann genau das Immunsystem so programmiert wird, dass es sich nur gegen gefährliche Stoffe und nicht gegen harmlose Allergene auflehnt. "Ein Kind zum Spielen in den Dreck der Großstadt zu schicken oder während der Ferien auf dem Bauernhof auf einen Misthaufen zu stellen, ist nicht der richtige Weg. Die vorherrschenden Hygienestandards deswegen in Frage zu stellen, ist grob fahrlässig, denn noch vor hundert Jahren starben rund 50 Prozent aller Kinder an Infektionen", betont der Arzt.

Allergien sind ein Phänomen der Neuzeit. Falsch!

Allergien gibt es ja nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Das belegt, dass Allergien schon in der Evolution angelegt und keine Erfindung der Neuzeit sind. Die extreme Ausbreitung in den letzten Jahrzehnten unter den Menschen, vor allem in den westlichen Industriestaaten, ist tatsächlich ein Phänomen der Gegenwart. Bisher konnte über die genauen Gründe jedoch nur spekuliert werden. "Diese Zunahme kann man nicht auf die Erbanalagen zurückführen, denn diese ändern sich ja viel langsamer", erklärt der Experte. Die Erhöhung von Hygienestandards und die Veränderung des Lebensstils scheinen Ansatzpunkte für die Ursachenforschung zu sein. Wahrscheinlich sind es diverse Faktoren, die hinter der Zunahme der Allergien stecken.

Im Alter bekommt man keine Allergien mehr. Falsch!

In den letzten Jahrzehnten werden immer mehr 40- bis 50-Jährige durch eine Allergiediagnose überrascht. Aber auch bei über 65-Jährigen, die ihr Leben lang allergiefrei waren, können noch allergische Erkrankungen entwickeln. "Auch hier scheinen Faktoren des Lebensstils und Umweltfaktoren eine Rolle zu spielen", so Kleine-Tebbe.

Wer bereits eine Allergie hat, bekommt keine weitere dazu. Falsch!

33345331.jpg

Viele Birkenpollenallergiker müssen auf den Genuss von rohen Äpfeln verzichten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor allem Pollenallergiker wissen, dass das Immunsystem im Laufe der Zeit auf immer mehr Allergieauslöser reagiert. Sogenannte Kreuzallergien können entstehen, das bedeutet, jemand der eine Pollenallergie hat, auch auf andere Pollen oder allergisch auf Nahrungsmittel reagiert. Birkenpollenallergiker beispielsweise vertragen häufig rohe Äpfel oder Haselnüsse nicht, weil beide Nahrungsmittel ähnliche Hauptallergene wie die Pollen enthalten und das Immunsystem sie nicht unterscheiden kann und schließlich auf Kern- und Steinobst oder Nüsse (sogenannte. Schalenfrüchte!) mit Abwehr reagiert.

Eine Hyposensibilisierung kann eine neue Allergie auslösen. Falsch!

"Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Allergiebereitschaft gegenüber anderen Allergien und das Asthmarisiko werden durch die Hyposensiblisierung eher gemildert, das wurde in Untersuchungen mit Kindern gezeigt", sagt Kleine-Tebbe, der für die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie die wissenschaftlichen Leitlinien koordiniert hat. Dazu kommt, dass die verabreichten Präparate speziell aufbereitet werden und nur nach einem Allergietest in einer Fachpraxis rezeptiert werden. Die Präparate enthalten also nur Allergene, die für den jeweiligen Allergiker von Bedeutung sind. Eine Hyposensibilisierung kann in jedem Alter gestartet werden; aus psychologischen Gründen häufig erst ab dem Schulalter. Es gibt mittlerweile nicht nur Präparate, die gespritzt werden, sondern auch Tabletten oder Tropfen, die unter die Zunge gegeben werden - gut untersucht für die Gräserpollenallergie. Welche Therapieart die geeignete ist, entscheidet der Allergologe mit dem Patienten gemeinsam

Impfungen erhöhen das Allergie-Risiko. Falsch!

31319194.jpg

Impfungen sollen schweren Infektionen vorbeugen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Impfungen haben gar nichts mit Allergien zu tun, denn Impfungen tun das, was sie sollen, nämlich vor Infektionen zu schützen", betont der Spezialist. Zudem konnte man in den 1990er Jahren feststellen, dass die Kinder aus der ehemaligen DDR wesentlich weniger Allergien hatten, als die Kinder aus dem Westen. Dabei wurden die Kinder in der DDR fast lückenlos "durchgeimpft", in Westdeutschland dagegen weitaus weniger.

Allergien sind rein körperlich und haben nichts mit der Psyche zu tun. Falsch!

Bei einer Allergie spielt das Immunsystem verrückt, also geht es erst einmal um ein körperliches Geschehen. Allerdings gibt es offenbar Wechselbeziehungen zwischen dem Immunsystem und dem Nervensystem. "Mit diesem relativ neuen Wissenschaftsfeld beschäftigt sich die Neuroimmunologie", erklärt der Allergologe. Die Befindlichkeit und die seelische Verfassung haben also tatsächlich einen Einfluss auf das Immunsystem – und umgekehrt!. Man weiß von Allergikern, je wohler sie sich psychisch fühlen, umso erträglicher sind die Allergiesymptome.

Allergien können durch Bioresonanztherapien geheilt werden. Falsch!

In der Theorie der Bioresonanztherapie geht man davon aus, dass Allergien auf falschen Schwingungen im Körper beruhen, die durch entgegengesetzte Schwingungen wieder normalisiert und damit geheilt werden können. "Das ist eine absurde Vorstellung und kann für die Betroffenen sogar gefährlich werden, wenn andere Tests oder Therapien unterbleiben", betont der Experte. "Da Allergien so früh wie möglich fachgerecht behandelt werden sollten, damit erst gar keine Kreuzallergien oder ein allergisch bedingtes Asthma entstehen, kann eine solche Behandlung wertvolle Zeit stehlen. Zudem sind die Behandlungen sehr teuer und werden von der Krankenkasse zu Recht nicht bezahlt", so der Allergologe.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema