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Was KI der Menschheit bringt "Es ist fast eine Überlebensfrage"

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Maschinelles Lernen kann auch zum Klimaschutz beitragen, sagt Prof. Yoshua Bengio - etwa durch das Erstellen von Klimamodellen.

(Foto: imago images/William Putman/NASA)

Künstliche Intelligenz wird immer leistungsfähiger. Der weltweit führende Experte im Bereich Deep Learning, Prof. Yoshua Bengio, spricht über die Chancen und Risiken der Technologie. Welches Potenzial hat KI für Wissenschaft und Gesellschaft? Und wie können wir einen verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz entwickeln?

Am Forschungsinstitut Mila im kanadischen Montreal kommen über 1000 Forschende aus dem Bereich maschinelles Lernen zusammen, das Institut ist weltweit für seine maßgeblichen Beiträge zum Deep Learning anerkannt. Was steht hinter Milas großem Erfolg?

Prof. Yoshua Bengio: Als das Mila in seiner früheren Form noch an der Universität Montreal angesiedelt war, gab es dort ein paar Professoren für Deep Learning. Das war etwas ziemlich Besonderes, weil es zu der Zeit nur sehr wenige Leute gab, die sich mit Deep Learning befassten. So hatten wir eine kritische Masse zu einem sehr spezifischen Thema. Das war aus meiner Sicht ein entscheidender Faktor. Darüber hinaus publizierten wir einige der ersten Arbeiten, die sich als sehr prägend erweisen sollten.

Wissenschaftler in Kanada haben dort von der intensiven Förderung der KI-Forschung und der Strategie für künstliche Intelligenz profitiert. War das ein weiterer Faktor, der zum Erfolg des Mila beigetragen hat?

Definitiv. Sowohl die Regierung von Quebec als auch die kanadische Bundesregierung haben im Vergleich zu anderen Wissenschaften und Bereichen überproportional viel in maschinelles Lernen und KI investiert. Das war eine politische Entscheidung, die die Infrastruktur, die wir hier haben, die Forschungslehrstühle und deren überaus großzügige Finanzausstattung für Professoren überhaupt erst ermöglicht hat. Es ist uns gelungen, einige der besten Forschenden für Professuren zu gewinnen.

Darüber hinaus sind die Institute mit der Gesellschaft vernetzt - mit Startups und Unternehmen, und das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Mission. Wir stehen mit Regierungen und zwischenstaatlichen Organisationen aus aller Welt im Austausch. Und wir investieren auch in die Frage, wie wir gewährleisten können, dass KI der Gesellschaft tatsächlich nützt und nicht etwa missbraucht wird.

Was haben Sie getan, um einen verantwortungsvollen KI-Ansatz zu entwickeln?

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Prof. Yoshua Bengio gilt weltweit als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und ist vor allem für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet des Deep Learning bekannt.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Wir haben in unseren Reihen nicht nur Informatiker, sondern auch Soziologen, Philosophen und Rechtsexperten, denn diese Technologien sind schon jetzt sehr wirkmächtig, und was mir noch mehr Angst macht, ist die Tatsache, dass sie in Zukunft sogar noch leistungsfähiger sein werden.

Ich glaube, dass selbst in unseren Ländern der wirtschaftliche, politische und soziale Kontext für die potenziell weitreichenden negativen Auswirkungen dieser Technologien, zum Beispiel im militärischen Bereich oder bei der Kontrolle der Menschen, noch nicht reif ist.

Wir müssen intensiv darüber nachdenken, wie wir Technologien entwickeln können, die sich besser mit menschlichen Werten und Menschenrechten vereinbaren lassen. Zudem müssen wir gegenüber den Medien, den Bürgern und Politikern auch auf die Gefahren hinweisen. Darüber hinaus müssen wir in Anwendungen investieren, die potenziell bahnbrechend sind und sich dabei positiv auf die Menschheit auswirken könnten.

Eine Gefahr ist sicherlich die Manipulation von Menschen mithilfe von KI.

Ganz genau. Bringt man Unternehmen wie Facebook und Google mit leistungsstarker KI zusammen, sind sie potenziell imstande, uns durch personalisierte Werbung zu manipulieren. Menschen durch Manipulation zum Kauf einer Marke und nicht einer anderen Marke zu bewegen, mag vielleicht nicht so gravierend sein, aber ebenso könnte man auf diese Weise auch unsere politische Einstellung beeinflussen. Und das ist wirklich beängstigend. Wie viel es davon tatsächlich schon gibt? Ich weiß es nicht.

Ich bin mir sicher, dass viele Unternehmen versuchen, die Technologie in diese Richtung zu drängen. Es ist gut, dass Regierungen überall auf der Welt versuchen, Spielregeln zu formulieren, die dafür sorgen sollen, dass zumindest einige dieser Dinge illegal werden.

Um diese Bemühungen zu unterstützen, engagieren Sie sich in einer Organisation mit dem Namen The Global Partnership on AI.

Das ist eine Organisation, die an die OECD angebunden ist, aber eine größere Gruppe von Ländern umfasst, die in solchen Fragen wie einer verantwortungsvollen KI kooperieren wollen. Wir sprechen Empfehlungen an Regierungen aus, wie sich die potenziellen Gefahren, unter anderem durch soziale Medien und Ähnliches, reduzieren lassen. Andererseits unterbreiten wir auch Vorschläge dazu, wie wir maximal von KI profitieren können, zum Beispiel in den Bereichen Umwelt und Gesundheit.

Gibt es eine globale Herausforderung, bei der Sie selbst gern etwas bewirken würden?

Ja, und zwar das zunehmende Problem der sogenannten antimikrobiellen Resistenzen. Wir haben schon jetzt eine Krise. Derzeit gibt es 1,2 Millionen Todesfälle pro Jahr. Und diese Zahl wird bis 2050 auf 10 Millionen Todesfälle pro Jahr ansteigen. Das Problem wird bis 2050 Kosten von schätzungsweise hundert Billionen US-Dollar verursachen, weil es unsere Gesundheitssysteme lahmlegen wird. Und die Industrie arbeitet nicht wirklich intensiv daran, weil das derzeit als nicht rentabel gilt.

Wie könnte KI da etwas bewirken?

Etwa, indem sie dazu beiträgt, die Entdeckung neuer Antibiotika zu beschleunigen und die Kosten zu senken. Oder den Bereich der Antibiotika zu untersuchen, der im Rahmen der derzeitigen Verfahren noch gar nicht berücksichtigt wird. Wir müssen in der Lage sein, neue Antibiotika schneller herzustellen, als die Erreger mutieren und gefährlich werden. Das ist ein Krieg zwischen uns und ihnen.

In welchen anderen Bereichen sehen Sie konkrete Möglichkeiten, große Herausforderungen mithilfe von KI zu bewältigen?

Da gibt es so viele. Wir haben vor einigen Jahren einen Artikel zum Klimawandel und KI geschrieben, der gerade erst in einer Fachzeitschrift erschienen ist. Dieser Beitrag von einhundert Seiten Umfang liefert einen Überblick über alle Arbeiten zum vielfältigen Einsatz maschinellen Lernens, um vor allem zum Klimaschutz, aber auch zur Klimafolgen-Anpassung beizutragen.

Zum Beispiel Energiemanagement, Entwicklung neuer Materialien, CO2-Abscheidung, Methoden zur Verringerung unseres Verbrauchs, Klimamodelle, bessere Modellierung, die Frage, wie sich Arten im Hinblick auf das Klima verändern, wie wir die Natur dazu nutzen können, Kohlenstoff, der sich bereits im Boden befindet, abzuscheiden oder nicht freizusetzen.

Die Gesundheit ist ein noch größerer Bereich. Die Menschheit braucht mehr Köpfe, die sich über diese Herausforderungen und Chancen Gedanken machen und verschiedenste Ideen ausprobieren. Es ist fast so etwas wie eine Überlebensfrage. Abgesehen davon, was wir alles erreichen könnten, vermittelt unsere Arbeit uns aber auch ein gutes Gefühl. Sie motiviert Studierende und Forschende. Sie führt uns vor Augen, dass wir alle an einem Strang ziehen. Das gibt unserer Arbeit so viel mehr Sinn.

Weiterlesen: Das ganze Interview finden sie auf helmholtz-hida.de.

Quelle: Mit Yoshua Bengio sprach Xenia von Polier (HIDA - Helmholtz Information & Data Science Academy)

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