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Endstation Spanien Müllkippen bieten Störchen üppiges Büffet

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Die großen Mengen weggeworfener Nahrungsmittel ziehen die anpassungsfähigen Störche an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eigentlich gehören Störche zu den klassischen Zugvögeln, die in Afrika überwintern und im Frühjahr nach Europa zurückkehren. Doch viele der Tiere verlassen den Kontinent nicht mehr. Sie bleiben in Spanien. Auf den dortigen Müllkippen ist für sie reichlich gedeckt.

Für die Arbeiter und Müllwagenfahrer auf einer Deponie bei Madrid ist es ein alltägliches Bild: Hunderte von Weißstörchen spazieren zwischen den Fahrzeugen herum - auf der Suche nach Essensresten, die sie aus den Abfallsäcken picken. Inzwischen sind sie hier zu allen Jahreszeiten anzutreffen.

In der Vergangenheit sind die Störche noch als klassische Zugvögel im europäischen Winter nach Afrika geflogen und im Frühjahr wieder zurückgekehrt. Aber das hat sich geändert, seit es in Europa immer wärmer wird und große Mengen Nahrungsmittel im Abfall landen und den anpassungsfähigen Störchen Futter bieten. Immer mehr von ihnen schenken sich inzwischen die mühsame Reise über Tausende von Kilometern und bleiben lieber in Spanien.

"Für uns gehören sie schon dazu", sagt Carlos Pinto, der in der etwa 30 Kilometer südlich von Madrid gelegenen Mülldeponie von Pinto arbeitet. Dort landen täglich zwischen 200 und 300 Tonnen Essensabfälle, und die Störche machen sich sofort dahin auf, "wo die frischen Mülltüten zu finden sind", berichtet Pinto.

109 Storchennester in Cervantes' Geburtsort

Ein ähnliches Bild präsentiert sich in zahlreichen Gegenden Spaniens, wo Störche mittlerweile das ganze Jahr hindurch in der Nähe von Müllhalden nisten. In Alcalá de Henares beispielsweise, dem Geburtsort von "Don Quijote"-Autor Miguel Cervantes, sind Weißstörche zum Symbol der Stadt geworden, weil sie so omnipräsent sind.

"Wo man auch hinschaut, überall sind Störche", sagt Tierärztin Almudena Soriano. Storchennester zieren die Glockentürme, und in der ganzen Stadt ist das Klappern ihrer langen Schnäbel zu hören. 1970 gab es in Alcalá nur zehn Nester - im vergangenen Jahr waren es laut einer Zählung 109 Nester mit bis zu 300 Störchen.

Veterinärin Soriano schätzt, dass "ungefähr 70 Prozent der Störche nicht mehr nach Afrika ziehen", weil in Spaniens Mülldeponien so üppig für sie gedeckt ist. Deshalb müssen sie nicht mehr über die gefährliche Meerenge von Gibraltar fliegen, die zwar nur 14 Kilometer breit ist, wo aber oft heftige Sturmböen peitschen. "Viele Störche sterben unterwegs", sagt Soriano. "Die erwachsenen Tiere, die schon einmal nach Afrika geflogen sind, wollen diese Erfahrung nicht noch einmal machen." Für sie seien "offene Mülldeponien ein wahres All-you-can-eat-Büffet", sagt die Tierärztin. "Warum sollten sie da noch weiterziehen?"

Junge Störche folgen noch ihrem Instinkt

Die Vogelschutzorganisation SEO Birdlife zählte im Jahr 2020 genau 36.217 Weißstörche in Spanien. In früheren Jahren war das Land nur eine Etappe auf dem Zug nach Afrika, aber laut SEO Birdlife bleiben heute sehr viele der Großvögel da. Das gilt für Störche, die in Spanien geboren wurden, genauso wie für ihre Verwandten aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden.

Jüngere Störche haben noch den Instinkt, nach Afrika zu ziehen, müssen die Reise dann aber ohne ihre Eltern machen, erzählt der Ornithologe Blas Molina von SEO Birdlife. Einige der erwachsenen Störche fliegen im Frühling wieder zurück in den Norden, aber viele bleiben ganzjährig in Spanien.

Die Vogelschützer glauben zwar, dass der Überfluss an Nahrung der Hauptgrund dafür ist, dass viele Störche keine Zugvögel mehr sind. Aber in einem von SEO Birdlife kürzlich veröffentlichten Bericht heißt es auch, dass "vermutlich die Tendenz zu höheren Temperaturen" infolge des Klimawandels zur Verhaltensänderung beigetragen hat.

Gefahr durch Plastikteile

Während sie früher im Südosten, in der Extremadura, und im Süden, in Andalusien, Zwischenhalt eingelegt haben, bleiben erwachsene Störche jetzt "etwas weiter nördlich" auf der iberischen Halbinsel. Die neuen Vorlieben der Störche sind nach den Worten Molinas eindeutiges Beispiel für "die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Biodiversität".

In Pinto erwägt die Gemeindeverwaltung jetzt, die Mülldeponie abzudecken, um zu verhindern, dass die Störche Plastik oder andere möglicherweise schädliche Stoffe zu sich nehmen. Dann könnte es sein, dass die Störche weiterziehen. Alcalá de Henares hat seine Deponie schon im vergangenen Jahr geschlossen und stattdessen riesige Futterstellen eingerichtet, damit die Störche bleiben. Das scheint zu funktionieren, denn alle Vögel sind noch da.

Quelle: ntv.de, Marie Giffard, AFP

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