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Donnerstag, 07. Juli 2016

Klare Spuren an Knochen: Neandertaler waren Kannibalen

Die Menschenart der Neandertaler starb vor 30.000 Jahren aus. Dass sie Inzucht betrieben, Werkzeuge benutzten und ihre Toten teilweise bestatteten, ist bereits bekannt. Aus Knochenfunden in Belgien wird nun klar: Es gab unter Neandertalern auch Kannibalismus.

Verschiedene Kategorien menschgemachter Veränderungen an 40.500 bis 45.500 Jahre alten Neandertalerknochen aus Goyet.
Verschiedene Kategorien menschgemachter Veränderungen an 40.500 bis 45.500 Jahre alten Neandertalerknochen aus Goyet.(Foto: Royal Belgian Institute of Natural Sciences/dpa)

Unter den Neandertalern im nördlichen Europa hat es Forschern zufolge Kannibalismus gegeben. Darauf wiesen bestimmte Schnitt- und Schlagspuren an bis zu 45.500 Jahre alten Knochen aus den Höhlen von Goyet in Belgien hin, berichten Wissenschaftler um Hervé Bocherens von der Universität Tübingen im Fachjournal "Scientific Reports".

"Die Überreste wurden sehr intensiv genutzt und tragen Hinweise auf Enthäutung, Zerteilung und Extraktion des Knochenmarks", heißt es in einer Mitteilung der Universität zur Studie. Ob sie symbolischen Handlungen oder als Nahrung dienten, sei unklar.

Nutzung als Werkzeug

Vermutlich hätten die Neandertaler die Knochen ihrer Mitmenschen auch als Werkzeuge benutzt, hieß es weiter. Das zeigten unter anderem vier Knochen, die zur Nachbesserung der Kanten von Steinwerkzeugen dienten. "Solche Werkzeuge für die Nachbearbeitung wurden sonst häufig aus Tierknochen gefertigt."

Ähnliche Rückschlüsse auf Kannibalismus unter Neandertalern waren zuvor bereits für Knochen in Spanien und Frankreich gezogen worden - von den beiden Ausgrabungsstätten El Sidrón und Zafarraya in Spanien und zwei weiteren in Moula-Guercy und Les Pradelles in Frankreich. Ob diese Nachweise für Kannibalismus unter Neandertalern waren, ist unter Wissenschaftlern allerdings umstritten.

Erster Kannibalismus-Nachweis unter Neandertalern im nördlichen Europa

Die Funde in den Goyet-Höhlen in der Nähe von Namur sind die ersten, die auf Kannibalismus unter Neandertalern nördlich der Alpen hinweisen. Eine Überprüfung der Funde durch Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ergab, dass 99 Knochenteile, die vorher noch nicht zugeordnet werden konnten, zu Neandertalern gehörten. Damit erbrachte die Fundstelle den größten Bestand an Neandertaler-Überresten im nördlichen Europa.

Durch eine DNA-Analyse von zehn Neandertalern verdoppelten die Forscher den genetischen Datenbestand zu dieser vor rund 30.000 Jahren ausgestorbenen Menschenart. Sie bestätigten die Ergebnisse vorangegangener Studien, die untereinander eine geringe genetische Vielfalt beziehungsweise eine enge Verwandtschaft der späten Neandertaler in Europa ergeben hatten.

Quelle: n-tv.de

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