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Amazoniens Bevölkerungsrückgang Nebelwälder verbergen grausame Geschichte

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Mosaik aus Kulturflächen und Nebelwald in den östlichen Anden.

(Foto: Nicholas Loughlin/dpa)

Amazonien - eine jahrhundertelang unberührte Wildnis, besiedelt nur von Urvölkern: An diesem Bild wird mächtig gerüttelt. Eine Studie zeigt: Die Menschen dort rodeten einst gewaltige Waldflächen, bis die Europäer kamen. Dann sank ihre Zahl immens, teils um 90 Prozent.

Auf Reisende im 19. Jahrhundert wirkten die Nebelwälder des Quijos-Tals im Norden Ecuadors unberührt und menschenleer. Weit gefehlt, haben Forscher herausgefunden. In der Region haben demnach jahrhundertelang Menschen gelebt und Äcker bewirtschaftet - bis die Europäer auf dem Kontinent einfielen. Die Besiedlung endete um 1588 herum, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution". Damit bestätigt eine weitere Studie, dass der Mythos eines lange menschenleeren Amazoniens zu den Akten gelegt werden muss.

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Bohrkern-Entnahme am Huila-See.

(Foto: Nicholas Loughlin/dpa)

In der Region an der Ostflanke der Anden sei vor Ankunft der Europäer in größerem Ausmaß Wald gerodet worden als für die modernen Rinderfarmen nach 1950, schließen die Forscher aus ihren Daten. Mindestens 500 Jahre lang seien dort Nutzpflanzen wie Mais angebaut und Keramik hergestellt worden. Um 1588 herum habe es dann einen katastrophalen Bevölkerungsrückgang gegeben. In den 130 Jahren danach eroberte der Wald die gerodeten Flächen zurück, so dass Reisende des 19. Jahrhunderts nicht mehr bemerkten, dass sie über knapp 250 Jahre zuvor noch dicht besiedelten Boden liefen.

Das Team um Nicholas Loughlin von The Open University in Milton Keynes (Großbritannien) hatte gut zwei Meter lange Bohrkerne vom Sediment des kleinen Huila-Sees im Quijos-Tal untersucht. Die Nebelwälder der Region liegen an einer früheren Handelsroute zwischen dem Reich der Inka und den Bewohnern Amazoniens. Aus Pollen, Pilzsporen, verkohltem Holz und Keramikscherben schlossen die Forscher auf die Entwicklung der Region in den vergangenen rund 700 Jahren.

Kämpfe zwischen Einwohnern und Europäern

Im Sediment aus der Zeit um 1588 fanden sich besonders viele Rückstände verkohlten Holzes - ein Hinweis auf Brände im Zuge der Kämpfe zwischen Einwohnern und Europäern. Die Forscher schließen aus der veränderten Pollenzusammensetzung im Bohrkern, dass die Gegend danach verlassen wurde. Für 1718 fanden sich schließlich überwiegend für Nebelwald-Arten typische Pollen im Sediment. Der Wald hatte die Ackerflächen komplett überwuchert, und die Region sah nun wohl wieder ähnlich aus wie vor der Ankunft der ersten Siedler Südamerikas.

Zumindest für einige Regionen werde derzeit noch unterschätzt, welch großen Einfluss die Bewohner des Kontinents schon vor Ankunft der Europäer auf die Ökosysteme hatten, sind die Forscher überzeugt. Heutzutage zählen die tropischen Bergwälder der östlichen Anden, 2000 bis 2900 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, zu den Lebensräumen mit der größten Artenvielfalt - und zu den bedrohtesten der Erde. Touristen kommen für Dschungelwanderungen und zum Wildwasserraften in die Region.

Mit Eroberung des Kontinents drastischer Bevölkerungsrückgang

Der Seefahrer Christoph Kolumbus hatte 1492 Amerika entdeckt - eigentlich hatte er einen Seeweg nach Indien ausfindig machen wollen. Schätzungen zufolge lebten 1491 zwischen 90 und 112 Millionen Indianer in Nord- und Südamerika - mehr Menschen als damals in Europa. Mit der Eroberung des Kontinents schwand ihre Zahl immens, in einigen Regionen wohl um 90 Prozent und mehr.

Hauptursache waren nicht die vielen Gemetzel, sondern eingeschleppte Infektionskrankheiten wie Typhus, Grippe, Pocken, Diphtherie und Masern. Schätzungen zufolge töteten die Epidemien in Amerika binnen Jahrzehnten ungefähr einen von fünf Bewohnern der Erde.

Das heute oft als so idyllisch und natürlich wahrgenommene Dasein südamerikanischer Ur-Völker könnte in Wahrheit ein Leben in ärmlichen Verhältnissen gewesen sein, vermuten Wissenschaftler. Es seien klägliche Reste ursprünglich weit größerer und wesentlich komplexerer Gemeinschaften etwa so ethnographischer Berühmtheiten wie der Yanomami.

Zeugnisse der Hochkulturen gibt es in Amazonien demnach deshalb kaum, weil die Region kaum Gestein oder Metall besaß und damit 99 Prozent der materiellen Kultur verderblich waren - Bambusrohr, Knochen, Korbwaren und Holz zum Beispiel. Weil sie sich kaum auf einzelne Stätten und Relikte stützen kann, untersucht die Forschung in dem Bereich vermehrt ganze Landschaften. Ein Beispiel sind die sogenannten Mounds in Beni im heutigen Bolivien - Dutzende Meter hohe Hügel, die enorme Flächen bedecken.

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

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