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Dichtung und Wahrheit Neues von der CO2-Lüge

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"Die globale Erwärmung wird bis Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad Celsius bleiben", sagt Vahrenholt.

(Foto: picture alliance / dpa)

RWE-Manager Fritz Vahrenholt schreibt ein Buch über den Klimawandel, die Botschaft lautet: Die globale Erwärmung findet nicht statt, vorerst jedenfalls nicht, der Sonne sei Dank. Platz 1 der Bestsellerlisten dürfte dem Titel sicher sein. Schade nur, dass die Botschaft nicht stimmt.

Es gibt viele Möglichkeiten, den Klimawandel in Zweifel zu ziehen. Man kann beispielsweise behaupten, dass es die Erderwärmung nicht gibt oder dass sie eine Pause macht. Wenn das nicht funktioniert, kann man andere Ursachen für die Erwärmung suchen oder bestreiten, dass ihre Folgen wirklich gravierend sein werden. Und natürlich kann man den Überbringer der Nachricht diskreditieren, den Weltklimarat IPCC oder die "etablierte Klimawissenschaft". Schließlich kann man auch für eine Verschiebung von Klimaschutzmaßnahmen plädieren: Wir haben schließlich genug Zeit, uns auf den Klimawandel einzustellen. Bei alldem darf der Hinweis nicht fehlen, dass Klimaschutz Verzicht und also "Ökodiktatur" bedeute.

Fritz Vahrenholt macht das alles, und damit es nicht lächerlich wirkt, konzentriert er sich auf die Sonne. "Die kalte Sonne" heißt das Buch, das der Chemiker und RWE-Manager zusammen mit dem Geologen Sebastian Lüning geschrieben hat, der eine einschlägige Website betreibt und ebenfalls in Diensten von RWE steht. Das Ergebnis der Zusammenarbeit sei "kein RWE-Buch", betont Vahrenholt im Interview mit dem "Spiegel". Wer nun glaubt, der sehr hohe CO2-Ausstoß von RWE habe quasi Pate gestanden bei der Idee zu dem Buch, dem macht Vahrenholt klar, dass es gerade andersrum ist. Über seine Kritiker sagt er: "Fürchtet hier eine Allianz von Instituten, NGOs, Photovoltaik-Lobbyisten und Politikern um ihren Einfluss?"

Vahrenholt, der SPD-Mitglied ist und in den 1990er Jahren mal Umweltsenator in Hamburg war, inszeniert sich als Tabu-Brecher. Den naheliegenden Vergleich mit einem anderen sozialdemokratischen Ex-Senator lehnt er ab: Thilo Sarrazin brauche er nicht als Vorbild. Die "Zeit" und die "taz" nennen Vahrenholt dennoch "Klima-Sarrazin". Wahr daran ist, dass die "etablierte Klimawissenschaft" die Kernaussagen des Buches für falsch erklärt. Wahr daran ist wohl aber auch, dass das Buch sein Publikum finden wird. Schließlich liefen in dieser Woche Vahrenholt-Festspiele in der (bislang übrigens nicht klimaskeptischen) "Bild"-Zeitung. Titel: "Die CO2-Lüge".

Warten bis 2020?

Es wäre ja schön, wenn Vahrenholt recht hätte. "Die globale Erwärmung wird bis Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad Celsius bleiben", sagt er. Denn die Abkühlung der Sonne gleiche aus, was wir Menschen an Temperaturanstieg bewirken.

Aber was, wenn Vahrenholt falsch liegt? "Dann werde ich im Jahr 2020 dem 'Spiegel' ein Interview geben und öffentlich bekennen: 'Jawohl, ich habe mich geirrt.'" So lange muss man nicht warten, schon heute kann man Wissenschaftler, die von ihrer Ausbildung her ein wenig näher am Stoff sind, fragen, wie plausibel Vahrenholts Annahme ist.

Beginnen wir mit einer These, die sich bei Klimaskeptikern größter Beliebtheit erfreut - doch halt, eine Warnung vorweg: Befragt haben wir Georg Feulner. Der Mann ist Klimawissenschaftler und Astrophysiker und folglich der richtige, um Auskunft über die Sonne zu geben. Und er arbeitet am PIK, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das PIK ist eines der großen deutschen Klimaforschungsinstitute und zugleich eines der bevorzugten, wenn nicht das liebste Feindbild der kleinen deutschen Klimaskeptikerszene. Das wiederum liegt schlicht daran, dass einige Mitarbeiter des PIK, darunter der Chef und sein Stellvertreter, sich gelegentlich öffentlich äußern.

Die Überraschung bleibt aus. Feulner bestätigt Teilaussagen von Vahrenholt, doch die zentralen Punkte sind ganz offensichtlich von der Forschung nicht gedeckt. Ein Beispiel: Vahrenholt sagt, wir stünden vor "einem leichten Abschwingen der Sonnenaktivität, wie wir sie alle 87 und alle 210 Jahre sehen".

Die Sache mit dem Maunder-Minimum

In diesem kurzen Satz verstecken sich eine plausible Annahme und eine weniger plausible Behauptung. Die von Vahrenholt genannten Zyklen seien in der Wissenschaft umstritten, sagt Feulner. Man könne sie statistisch finden, "aber es ist noch unklar, ob es tatsächlich Zyklen sind, die streng periodisch auftreten". Es ist also keineswegs sicher, ob wir vor einer Phase der solaren Abkühlung stehen.

Allerdings sagt Feulner auch, dass es durchaus immer wieder Zeiten gebe, in denen die Sonne nicht so stark sei. "Ein berühmtes Beispiel ist das Maunder-Minimum. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es über einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren fast keine Sonnenflecken." In diese Zeit fiel die sogenannte kleine Eiszeit - die man allerdings nicht vollständig auf die schwache Sonnenaktivität zurückführen kann: Damals gab es eine Häufung von starken Vulkanausbrüchen. "Eine ganze Reihe von Studien sagt übereinstimmend, dass diese Vulkanausbrüche einen größeren Beitrag zur Abkühlung geleistet haben als die Sonnenaktivität. Es war zwar ein halbes Grad kühler, aber rund 80 Prozent davon gingen wahrscheinlich auf die Vulkanausbrüche zurück."

Feulner selbst hat untersucht, was passieren würde, wenn die Sonne im 21. Jahrhundert in ein Maunder-Minimum fallen sollte. Das Ergebnis: Wahrscheinlich würde ein solches Minimum zu einer globalen Abkühlung von 0,1 Grad führen, maximal von 0,3 Grad. Nicht viel, wenn 2 Grad die Grenze ist, die man nicht überschreiten will. Kurzum: Feulner schließt keineswegs aus, dass wir vor einem Abschwingen der Sonnenaktivität stehen. Nur wird es nicht den Effekt haben, an den Vahrenholt zu glauben scheint.

Die Sache mit dem Jahr 1998

Noch ein Beispiel: Vahrenholt sagt, seit fast 14 Jahren sei es nicht mehr wärmer geworden. Dazu muss man wissen, dass die Top Ten der wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen im 19. Jahrhundert fast ausschließlich von Jahren belegt werden, die im 21. Jahrhundert liegen.

Der Trick ist, dass Vahrenholt nicht, wie in der Klimawissenschaft üblich, einen Zeitraum von 30 Jahren wählt, sondern im Ausnahmejahr 1998 beginnt, einem besonders warmen Jahr, das immerhin Platz 6 der wärmsten Jahre einnimmt. "Nur wenn man die Berechnung in dem sehr warmen El-Niño-Jahr 1998 beginnt, kann man suggerieren, dass es seither nicht wärmer geworden ist", sagt Feulner.

Für den Zeitraum bis 2008 kann man dann sogar eine fallende Erwärmung konstruieren. Der Trick klappt mehrfach, wie diese Grafik sehr schön illustriert, was allerdings nichts daran ändert, dass es insgesamt wärmer wird. Für den Zeitraum ab 1998 kommt man bereits dann wieder auf eine Erwärmung, wenn man die sehr warmen Jahre 2009 und 2010 ebenfalls berücksichtigt. Dann lautet das Ergebnis zwar nicht (je nach Datensatz) 0,16 bis 0,18 Grad Celsius pro Jahrzehnt, wie in den vergangenen 30 Jahren. Aber es sind immerhin noch zwischen 0,04 und 0,14 Grad.

2011 war übrigens wieder ein relativ kühles Jahr: Platz 9 in den Top Ten seit 1880, so die Nasa. Kein Grund zur Entwarnung: "Wir ziehen die Schlussfolgerung, dass die Verlangsamung der Erwärmung sich voraussichtlich als Illusion erweisen wird, und dass eine schnellere Erwärmung in den nächsten Jahren auftreten wird."

Vahrenholt bezeichnet das PIK als "Wahrheitsministerium" - selbstverständlich weiß er, dass dieses Ministerium George Orwells Roman "1984" entstammt und dass es dort zur Aufgabe hat, Fiktion und Realität so zu frisieren, dass das Weltbild der Diktatur nicht gestört wird. Ein faszinierender Vergleich. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wenn man sich mit Vahrenholts Thesen beschäftigt.

Das vollständige Interview mit Georg Feulner finden Sie hier.

 

Quelle: n-tv.de