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Kohl hat Köpfchen So pfiffig sind Pflanzen

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Kohl weiß, zu welcher Tageszeit die meisten Fraßfeinde zu erwarten sind. Die Pflanze begegnet den Schädlingen dann mit einer Extraportion Abwehrstoffen.

(Foto: REUTERS)

Zugegeben, rechnen können sie wohl nicht. Dennoch sind Pflanzen alles andere als dumm. Forscher, die sich mit den Fähigkeiten von Bäumen, Blumen & Co. befassen, fördern Erstaunliches zutage: Pflanzen sind kommunikativ, lernfähig und können sogar vorausplanen.

Sind Pflanzen intelligent? František Baluška vom Institut für zelluläre und molekulare Botanik der Universität Bonn hat auf diese Frage eine klare Antwort: "Um ihre Probleme zu lösen, müssen Pflanzen intelligent sein", sagt der Biologe. "Sonst könnten sie nicht überleben." Ja, tatsächlich: Baluška spricht von pflanzlichen Problemen. Wer meint, das Problemmonopol liege beim Menschen, betreffe die Tierwelt in geringerem Maße und Salat und Heckenrose überhaupt nicht, irrt offenbar. Auch Pflanzen haben Stress. In ihrer Welt geht es zum Beispiel um Wassermangel, es geht um Fraßfeinde oder um veränderte Umweltbedingungen.

Als Baum oder Blume mit solchen Problemen fertig zu werden, ist eine besondere Herausforderung. Schließlich können sich Pflanzen nicht vom Fleck bewegen. Wird es brenzlig, haben sie keine Wahl. Sie müssen sich der Gefahr stellen, Davonlaufen geht nicht. "Sie befinden sich in einer extrem schwierigen Situation", sagt Baluška. Aber sie haben eben ihre Strategien, um die Probleme zu bewältigen. "Pflanzen sammeln ständig Informationen aus der Umwelt und passen sich an", so der Experte. "Das geht nur mit Intelligenz. Denn sie müssen die Information speichern und unterschiedlichste Informationstypen zusammenbringen können. Das ist keine einfache Aufgabe."

Kommunikation zur Verteidigung

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Unsichtbar für den Betrachter, spielt sich auch unter der Erde einiges ab: Mit ihren Wurzeln können Pflanzen herausfinden, ob sie mit dem Nachbargewächs verwandt sind oder nicht. Verwandte werden geschont. Sie müssen weder Platz noch Nahrung abtreten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Konkret kann das zum Beispiel so aussehen wie bei den Akazien in Afrika. Machen sich Antilopen an ihnen zu schaffen, produzieren die Akazien mehr Tannin, einen giftigen Bitterstoff. Zugleich verströmen sie ein Gas, das mit dem Wind weitergetragen wird. Dieses Gas ist für andere Akazien ein Signal. Es hält sie dazu an, ebenfalls die Tannin-Konzentration zu erhöhen – und zwar umso mehr, je häufiger an ihnen geknabbert wird. Der Trick der Antilopen nun besteht darin, beim Fressen gegen die Windrichtung zu laufen. Denn so stellen sie sicher, dass sie auf Akazien treffen, die noch nicht durch das Gas gewarnt worden sind. Das funktioniert natürlich nur in freier Wildbahn. In einem Gehege, in dem die Antilopen nicht weiterziehen können und immer wieder an denselben Bäumen rupfen, werden die Akazien nach und nach zum tödlichen Feind. Dass sie sich erfolgreich gegen Angriffe wehren können, verdanken die Akazien ihrer Fähigkeit zur Kommunikation.

"Pflanzen kommunizieren hauptsächlich chemisch", erläutert Baluška. "Also über Gas oder Duftstoffe." Die werden dann in einer bestimmten Situation freigesetzt, sind folglich mit einer bestimmten Information verbunden. Die anderen Pflanzen können das Signal dekodieren, sie verstehen diese Sprache. Dann reagieren sie entsprechend. "Es kann sein", so der Biologe, "dass Pflanzen noch andere Kommunikationsmöglichkeiten haben. Neben dem chemischen Informationsaustausch zum Beispiel einen über Strahlung oder Geräusche. Aber da sind wir noch ganz am Anfang der Forschung."

Aus Erfahrung wird man klug

Pflanzen übermitteln untereinander Nachrichten. Das allein ist schon verblüffend genug. Dass sie reagieren und sich anpassen können, liegt aber auch daran, dass sie, wie Baluška betont hat, Information speichern können. Und das erstaunt erst recht. Denn im Klartext bedeutet es, dass Pflanzen so etwas wie ein Gedächtnis haben. "Ja", sagt der Pflanzenexperte. "Sie müssen sich erinnern können. Und sie sind lernfähig." Doch auch damit ist die pflanzliche Intelligenz noch nicht erschöpft. "Pflanzen können sogar im Voraus planen", so der Biologe.

Das klingt einigermaßen abwegig. Mit welchen Plänen, bitte, sollte denn das Grünzeug im Garten gerade beschäftigt sein? Wie stellt sich der Klatschmohn seine Zukunft vor? Und was will die Sonnenblume heute Abend machen?
Plausibel wird es, wenn man weiß, dass das Planen mit bestimmten Erwartungen der Pflanze einhergeht und diese ihr Verhalten beeinflussen. "Die meisten Informationen", führt Baluška aus, "kommen in Zyklen. Und jeder Zyklus folgt einem bestimmten Muster. Wenn dieses Muster abläuft, erwarten Pflanzen den bekannten Ablauf. Nach der Nacht zum Beispiel erwarten sie Licht. Aber es gibt eben nicht nur den Tag-Nacht-Zyklus, sondern auch monatliche Zyklen und Jahreszyklen."

Rhythmen sind etwas sehr Wichtiges im Leben einer Pflanze. Folgt die Nahrungszufuhr einem bestimmten Rhythmus, reagieren junge Bäume schon im Vorfeld mit Wachstum. Will heißen: Wenn sie regelmäßig mit Wasser versorgt werden, verinnerlichen sie diesen Rhythmus so sehr, dass sie sogar dann ein Stück in die Höhe schießen, wenn das Gießen mal ausfällt. Sie planen die Wasserzufuhr tatsächlich ein. Bleibt diese jedoch häufiger aus, stecken die Bäume nicht mehr so viel Energie ins Wachstum. Pflanzen können ihr Verhalten eben ändern.

Gemüse mit Biorhythmus

Dass jeder Kohlkopf seinen eigenen Rhythmus hat – und das auch nach der Ernte noch – fanden jüngst Forscher der Rice Universität in Houston, USA, heraus. Selbst von den Wurzeln getrennt im Supermarktregal, lebe das Gemüse weiter und richte seine biologischen Vorgänge nach dem Wechsel der Tages- und Nachtzeiten, berichten die Biologen in der Zeitschrift "Current Biology". So verändert sich über den Tag zum Beispiel die Menge der Abwehrstoffe, mit der der Kohl gegen Raupen vorgeht.

Kommunizieren, erinnern, planen. Werfen wir einen Blick auf unsere Balkonpflanzen, bleiben uns ihre Fähigkeiten meist verborgen. Baluška kann erklären, woran das liegt: "Pflanzen leben in anderen Zeiträumen als wir. Sie sind sehr langsam. Sie bewegen sich ständig, drehen sich zum Beispiel Richtung Licht. Aber das sehen wir nicht, weil es so langsam geschieht. Normalerweise brauchen Pflanzen keine schnellen Bewegungen, daher machen sie sie nicht." Dass Pflanzen durchaus zu schnellen Reaktionen in der Lage sind, zeigt zum Beispiel die Venusfliegenfalle. Die schnappt blitzschnell zu, wenn Beute auf ihre Fangblätter geraten ist.

Signale aus der Wurzelspitze

Wie ist das alles möglich? Wie können Pflanzen Reize verarbeiten? Wo haben sie ihr "Gehirn"? Stefano Mancuso, Gründer der durchaus umstrittenen pflanzlichen Neurobiologie, geht nach diversen Studien davon aus, dass das pflanzliche Gehirn in den Wurzeln steckt. "Jede einzelne Wurzelspitze ist in der Lage, mindestens 15 verschiedene chemische und physikalische Parameter gleichzeitig zu erkennen und zu überwachen", sagt Mancuso. Mit seinem internationalen Team an der Universität Florenz konnte er in Wurzelspitzen elektrische Signale nachweisen; Signale, die auch die Neuronen im menschlichen Gehirn nutzen, um Informationen auszutauschen. Doch eindeutig geortet ist das vegetabile Wahrnehmungszentrum noch nicht.

Wie auch immer sie es machen: Ganz ohne Sinnesorgane ist es Pflanzen möglich, differenziert auf die Umwelt zu reagieren. "Sie nehmen alles wahr, was dort draußen geschieht", resümiert Baluška. "Seien es Duftstoffe, die Temperatur oder Schallwellen." Apropos Schallwellen: Darf man nun, da man von den kommunikativen Fähigkeiten der Pflanzen weiß, davon ausgehen, dass Gewächse, mit denen man spricht, tatsächlich besser gedeihen? "Schallwellen stimulieren Pflanzen. Sie nehmen die Frequenzen wahr", sagt Baluška dazu. "Aber ob sie durch Zureden oder Musik tatsächlich besser wachsen, ist noch nicht geklärt. Es sieht so aus. Aber Wissenschaftler wollen gesicherte Erkenntnisse, und die gibt es noch nicht." Alles Hokuspokus? Nicht unbedingt. Denn im Umkehrschluss heißt das: Für die Behauptung, dass Mozart bei Pflanzen nichts bewirkt, fehlen ebenfalls die Beweise.

Quelle: n-tv.de

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