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UIrichs bei ntv "Trendumkehr kam etwas früher als berechnet"

Eine Klinik-Mitarbeiterin zieht den Covid-19-Impfstoff für eine Impfung auf eine Spritze. Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild

Das Impftempo ist hoch, die neuen Fälle werden weniger - doch noch sollte Vorsicht walten, empfiehlt Professor Ulrichs.

(Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild)

Die Zahl der gemeldeten neuen Corona-Infektionen geht kontinuierlich zurück, die dritte Welle scheint abzuflauen. Im Gespräch mit ntv erklärt Professor Timo Ulrichs, welchen Anteil das Verhalten der Menschen daran hatte.

ntv.de: Alle Eilanträge gegen die nächtliche Ausganssperre wurden gekippt. Ist das ein gutes Zeichen?

Timo Ulrichs: Auf jeden Fall. Die Tage, die man nutzen kann, um diese Ausgangssperre als eine Maßnahme des harten Lockdowns weiterzuführen, sind ganz wichtig. Dass wir diese Trendumkehr, die wir jetzt stabil sehen, dann weiter fortführen können in Richtung einer starken Abnahme der Fallzahlen. Da arbeitet die Zeit ja auch für uns, weil wir in den Frühling reingehen und dann auch weitere Faktoren uns zuarbeiten gegen das Virus. Von daher ist da jeder Tag, an dem das länger gemacht werden kann, gut. Und deswegen ist das Ablehnen der Eilanträge schon mal eine gute Nachricht.

Wie läuft das denn zeitlich? Wenn so ein Lockdown geschieht, wann sehen wir das in den Inzidenzen, den Krankenhäusern und den Todeszahlen?

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Der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs lehrt an der Berliner Akkon-Hochschule.

(Foto: Timo Ulrichs)

Das ist immer zeitversetzt, das haben wir beim ersten Lockdown gelernt. Es braucht erstmal die Inkubationszeit, und dann braucht es noch Zeit für den PCR-Test, damit die Meldung ans Robert-Koch-Institut geht. Mit etwa zehn bis vierzehn Tagen muss man rechnen. Das heißt, mit Einsetzen einer Maßnahme sieht man etwa zwei Wochen später eine Wirkung. Wir haben das jetzt schon etwas früher gesehen, ähnlich wie vor einem Jahr beim ersten Lockdown, weil die Menschen durch die Diskussion über die Maßnahmen sich schon vorab so verhalten haben, als hätten wir sie schon. Das ist sehr, sehr gut. Und deswegen kam diese Trendumkehr auch schon etwas früher als eigentlich berechnet.

Aber würde dieser Effekt nicht auch umgekehrt funktionieren, sprich, wenn die Länder jetzt über Öffnungen diskutieren? Passt das denn alles zusammen?

Wenn das wieder passiert, haben wir einen ähnlichen Effekt, wie wir ihn schon bei der Abnahme der Fallzahlen nach der zweiten Welle beobachtet haben. Wir sind ja mit den Fallzahlen nicht ganz runter gekommen und hatten schon ganz tolle Pläne für die Zeit, wenn wir dann 50 Neuinfizierte haben, oder sogar 35, diese Grenze wurde schon diskutiert. Doch dann ist dieser Trend dadurch gestoppt worden, dass man zu schnell zu viel geöffnet hat. Deswegen müssen wir jetzt sehr vorsichtig sein. Eigentlich spricht sehr viel dafür, dass wir es schaffen werden, ganz runter zu kommen. Aber wir müssen wirklich noch sehr zurückhaltend sein, was die Öffnungen angeht.

Der Immunologe Professor Kern hat gesagt, B.1.1.7 ist eigentlich ein Glücksfall für uns, da es andere Mutanten durch die Verbreitung von B.1.1.7 schwerer haben. Können Sie uns das erklären?

Das wäre das Prinzip, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. In Europa herrschte eine Wildtyp-Variante vor, die uns schon genug Probleme gemacht hat. Dann kam eine, die noch fitter ist, die aus Südengland, zumindest wurde sie dort zuerst entdeckt. Parallel sind weitere Varianten aufgetaucht, von denen man jetzt auch schon etwas mehr weiß. Die britische Variante, das ist wohl die These von Herrn Kern, ist zwar ansteckender, aber ansonsten nicht schlimmer. Wobei ansteckender schon reicht, um die ganze Sache gefährlicher zu machen, denn dann erhöht sich auch der Anteil derjenigen Infizierten, die schwere Covid-19-Verläufe haben, bis hin zum Tod. Das alleine ist etwas, was die Situation verschärft hat. Wenn sich andere Varianten früher durchgesetzt hätten, das ist ja auch eine Zeitfrage, dann hätten wir möglicherweise auch andere Bedingungen. Von daher könnte man ihm zustimmen. Aber gleichzeitig muss man natürlich auch sehen, dass die britische Variante uns sehr viele Probleme bereitet hat.

Gesundheitsminister Jens Spahn will heute den Impfstoff Astrazeneca für alle freigeben. Würde uns das beim Impftempo helfen?

Das sind Maßnahmen, die ein bisschen dazu beitragen können noch weiter in die Breite zu gehen und auch möglicherweise schon Personen mit einzubeziehen, die in der dritten Gruppe nicht so schnell einen Termin bekommen können. Das hilft natürlich alles, um die Impfrate nochmal weiter zu erhöhen. Jetzt kommen wir auch mit den weiteren Lieferungen in die glückliche Lage, dass die Impfstoffverfügbarkeit nicht mehr der Flaschenhals sein wird, sondern nur noch die Frage, wie schnell wir die Impfstoffe in die Oberarme kriegen. Und dass auch die Impfbereitschaft hoch bleibt. Das sind die Bedingungen, die erfüllt bleiben müssen, damit wir erfolgreich sind Richtung Frühsommer, dass wir dann tatsächlich so eine starke Durchimpfung haben, dass wir damit die Pandemie in Deutschland beenden können.

Die amerikanische Regierung setzt sich dafür ein, den Patentschutz für Corona-Impfungen auszusetzen. Die WHO begrüßt das auch. Was würde das bringen?

Die Pandemie in Deutschland zu beenden, ist natürlich viel zu kurz gedacht, denn eine Pandemie ist ein globales Geschehen und kann eben auch nur global, mit vereinten Kräften, wirksam bekämpft werden. Das heißt, wir müssen eine Immunität in der gesamten Menschheit herstellen. Das geht, indem wir die Impfstoffe gleich und gerecht verteilen, und wir haben ja viel mehr als wir in Deutschland und der EU benötigen. Das alles zusammen genommen hilft schon mal. Aber natürlich würde es noch schneller gehen, noch effektiver sein, wenn man dezentral von bestimmten Fabriken und Firmen produzieren könnte und Impfstoff sofort vor Ort zur Verfügung hätte, statt ihn erst aus den Ländern, die ganz viel davon haben, zu verteilen - nämlich die reichen westlichen Industriestaaten. Von daher wäre das eine sehr gute Idee und hätte auch Signalwirkung für andere Infektionskrankheiten, die auch eher armutsassoziiert sind, um auch da schneller und effektiver die Verfügbarkeit von Medikamenten sicherzustellen.

Hat es das schon einmal gegeben, dass man den Patentschutz aufgehoben hat, denn schließlich ist das ja auch das Geschäftsmodell der Pharmafirmen.

Ja, und das ist auch das, was die Entwicklung vorantreibt. Natürlich ist das alles nicht für die Wohlfahrt, die Unternehmen müssen ja auch am Markt bestehen können. Von daher ist das alles nachvollziehbar. Aber wenn wir solche Notlagen haben und eine sehr ungerecht Verteilung, die die WHO nicht einfach ausgleichen kann, dann ist das natürlich ein sehr gutes Mittel. Dafür kämpfen zu Recht viele Nicht-Regierungsorganisationen, dass eben - mit nur wenig Aufwand, auch finanziellem Aufwand - schon sehr viel erreicht werden könnte in der Behandlung von armutsassoziierten Infektionskrankheiten.

Mit Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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