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Nicht nur im Zweiten Weltkrieg Überflutungen wurden als Waffe eingesetzt

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Gewaltige Wassermassen: Im Krieg gezielt eingesetzt, haben sie verheerende Auswirkungen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Krieg macht kreativ: Sowohl im achtzigjährigen Krieg als auch im Zweiten Weltkrieg haben die verfeindeten Parteien versucht, den Gegner mit Überschwemmungen anzugreifen. Eine hochriskante Taktik.

"Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt" - diesen Satz sagt man Napoleon nach. Und es ist keine Überraschung, dass Menschen in kriegerischen Auseinandersetzungen kreativ werden. Der niederländische Geoarchäologe Adriaan de Kraker von der Freien Universität Amsterdam hat die Überschwemmungen in den letzten 500 Jahren im Südwesten der Niederlande genauer unter die Lupe genommen. Dabei stellte er fest, dass ein Drittel der Fluten nicht natürlichen Ursprungs war, sondern absichtlich von Menschen in Kriegszeiten verursacht wurde. Die Studie wurde im Fachjournal "Hydrology and Earth System Sciences" veröffentlicht.

32 größere Überschwemmungen hat es in der Gegend in den vergangenen 500 Jahren gegeben. 21 davon sind Stürmen zuzurechnen, die restlichen 11 wurden absichtlich herbeigeführt. De Kraker beschreibt, wie genau das ablief und welche Auswirkungen es hatte. Zwei besonders eindrückliche Beispiele führt er an: eines aus dem achtzigjährigen Krieg und eines aus dem Zweiten Weltkrieg.

Fehlschlag: Rebellen wollen Spanier abdrängen

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Die Saefthinge-Region heute: Die Stadt versank 1584 in den menschengemachten Fluten.

(Foto: de Kraker)

Im achtzigjährigen Krieg von 1568 bis 1648 (auch: Spanisch-Niederländischer Krieg), als die spanische Armee versuchte, ein Gebiet im heutigen Belgien zurückzuerobern, nutzten die holländischen Rebellen die tiefliegende und flutanfällige Landschaft zu ihrem Vorteil.

Die spanischen Truppen belagerten die Städte Gent, Brügge und Antwerpen. Unter der Führung von Wilhelm von Oranien entschlossen sich die Flamen zwischen 1584 und 1586, an strategisch wichtigen Orten Dämme und Schleusen zu zerstören, um weite Teile des Gebietes zu fluten. "Der Plan geriet völlig außer Kontrolle", schreibt de Kraker. Die Wassermassen begruben rund zwei Drittel der Landschaft. "Das hatte verheerende Auswirkungen auf die Landschaft, aber diese Strategie hat ihre eigentlichen Ziele völlig verfehlt", weiß der Wissenschaftler. Die drei Städte wurden in den Jahren 1585/86 von der spanischen Armee eingenommen, und die Rebellen standen mit leeren Händen da. 

Die Folgeschäden sind teilweise heute noch zu sehen. Nicht nur wurden die ursprünglichen Bewohner vertrieben und deren Häuser, Höfe und Dörfer komplett zerstört. An manchen Orten blieb das Wasser mehr als 100 Jahre und hinterließ eine dicke Schicht von Lehm und Schlamm. Bis heute prägt das die Landschaft in Flandern und der ehemaligen Provinz Brabant.

Erfolg: Kampf der Alliierten im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg nutzten sowohl die deutschen Besatzer als auch die Alliierten Überflutungen als militärische Strategie. "Überfluten konnte als Verteidigungs-, aber auch als Angriffsstrategie genutzt werden", erklärt de Kraker. Als die Bedrohung einer Invasion der Allierten in der Normandie größer wurde, begannen die Deutschen, die Inseln Schouwen-Duiveland, Tholen und St. Annaland zu fluten. Letztlich konnten die Allierten nicht aufgehalten werden, aber ihr Vormarsch wurde verzögert.

Erfolg auf der ganzen Linie hingegen hatten die Alliierten mit ihrer Überschwemmungssaktion. Am 1. Oktober 1944 gab General Dwight Eisenhower den Befehl, die nationalsozialistischen Truppen von der Insel Walcheren zu vertreiben. Um dies zu erreichen, sollte die gesamte Insel geflutet werden. Also stiegen die Flieger in die Luft: An vier Stellen schlugen Bomben tiefe Löcher in die Deiche, die Wassermassen rauschten über die Insel. Die deutschen Soldaten verließen die Insel. Der Kollateralschaden war groß. 150 Menschen starben, zahlreiche Häuser und Orte wurden zerstört.

"Strategisches Überfluten ist eine hochriskante Taktik", schließt de Kraker seine Untersuchungen. "Es kann nur dann erfolgreich sein, wenn es einen gut durchdachten Plan B gibt und einen für schnelle Reparaturen."

Quelle: n-tv.de