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Heikle Frage in der Medizin Wann ist ein Mensch hirntot?

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Bei einem hirntoten Patienten würde das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, keinerlei Aktivität mehr anzeigen. Man sähe viele gerade Linien ohne Ausschläge.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Der Hirntod gilt als sicheres Zeichen dafür, dass ein Patient gestorben ist. Dann dürfen Spenderorgane entnommen werden. Aber lässt es sich überhaupt zweifelsfrei feststellen, ob ein Mensch hirntot ist oder nicht? Sind Fehler möglich?

Tot oder lebendig? Mediziner müssen diese Frage für jeden Patienten eindeutig beantworten können. Sie dürfen sich nicht irren. Erst recht nicht, wenn der (vermeintliche) Tod zur Folge hat, dass dem Menschen der Bauch aufgeschnitten wird, um ihm Spenderorgane zu entnehmen. Das Transplantationsrecht sieht vor, dass ein Patient hirntot sein muss, bevor er Herz oder Leber anderen überlässt. Der Deutsche Ethikrat bekräftigte diese Einschätzung am Dienstag. Für die Mehrheit der Gremiumsmitglieder gilt der Hirntod als "sicheres Todeszeichen". Aber wie sieht dieser eigentlich aus?

Hirntot ist ein Mensch dann, wenn alle Funktionen seines Gehirns erloschen sind. Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm haben dann ihre Tätigkeit eingestellt – irreversibel, für immer. Da das Gehirn alle elementaren Lebensvorgänge steuert, gilt ein Patient, dessen Gehirn nicht mehr lebendig ist, als insgesamt verstorben. Seine Herz-Kreislauffunktion und seine Atmung können nur noch durch Maschinen aufrechterhalten werden.

Klare Kriterien für eine schwere Entscheidung

Doch lässt sich ein Hirntod immer klar und sicher von einer tiefen Bewusstlosigkeit unterscheiden? Richtlinien der Bundesärztekammer geben vor, wie Mediziner den Hirntod festzustellen haben und wie sie ihre Untersuchungen und deren Ergebnisse dokumentieren müssen. Die Diagnose erfolgt in drei Stufen.

Schritt 1: Die Mediziner müssen klären, ob die Voraussetzungen für einen Hirntod gegeben sind. Das bedeutet: Es muss eine schwere Hirnschädigung vorliegen und diese muss bestimmten Ursachen zuzuschreiben sein. So können zum Beispiel Blutungen, Tumore oder Entzündungen im Gehirn eine Hirnschädigung verursachen, aber auch ein Kreislaufstillstand oder eine innere Vergiftung.
Andere Ursachen für eine tiefe Bewusstlosigkeit des Patienten müssen zweifelsfrei ausgeschlossen werden. Es muss klar sein, dass sein Zustand nicht etwa Folge von Giftstoffen oder einer Unterkühlung ist und dass weder dämpfende Medikamente daran schuld sind noch ein Koma, das von einer chronischen Krankheit herrührt.

Es gibt kein Zurück

Schritt 2: Die Ärzte müssen den Hirntod durch Untersuchungen feststellen. Ist der Patient wirklich hirntot, dann liegt er im Koma, kann nicht mehr selbständig atmen und sämtliche Hirnstammreflexe sind ausgefallen. Letzteres heißt, dass seine Pupillen nicht mehr auf Licht reagieren, die Augen sind selbst bei Berührung starr, das Gesicht zeigt auf bestimmte Reize hin keinerlei Schmerzreaktionen und auch der Hustenreflex, der verhindert, dass Fremdkörper in die Atemwege gelangen, ist erloschen. All diese Symptome zusammen zeigen den Hirntod an. Ist eines der Symptome nicht gegeben, ist der Patient nicht hirntot.

Schritt 3: Abschließend müssen die Ärzte die Irreversibilität des Gehirnausfalls attestieren können. Das geschieht zum Beispiel mithilfe eines EEG. Über Elektroden auf der Kopfhaut zeichnet der Apparat die elektrische Aktivität des Gehirns auf. Ergibt sich über mindestens 30 Minuten hinweg eine hirnelektrische Stille – auf dem Monitor dargestellt als gerade Linie ohne Ausschläge – ist damit nachgewiesen, dass das Gehirn seine Tätigkeit nie wieder aufnehmen wird.

"Das ist keine leichtfertige Entscheidung, die da getroffen wird", sagt die Präsidentin der Bremer Ärztekammer, Heidrun Gitter, zu dem Verfahren. Dieses dauere meist zwei Tage. Damit gilt es als unwahrscheinlich, dass jemand irrtümlicherweise für tot erklärt wird. Auch müssen es zwei Ärzte sein, die unabhängig voneinander den Hirntod feststellen, wenn es um eine Organspende geht. Keiner der beiden Ärzte darf an der Organentnahme beteiligt sein.

Wie definiert man den Tod?

Fehler bei den Untersuchungen kämen, so Gitter, bundesweit eher selten vor. Vor einem Jahr allerdings wurde bekannt, dass Mediziner innerhalb von drei Jahren insgesamt zehn Patienten abweichend von den Richtlinien für hirntot erklärt hatten. Für die Deutsche Stiftung Patientenschutz Grund genug, eine Änderung des Transplantationsgesetzes zu fordern. Es müssten mindestens drei Kompetenzteams aus speziell qualifizierten Neurologen die letzte Prüfung vornehmen, sagte der Verbandsvorsitzende Eugen Brysch. Diese sollten unter staatlicher Verantwortung beim Robert Koch-Institut angesiedelt werden.

Was trotzdem bleibt, ist die Frage, wie man den Tod definiert. Ist der Hirntod wirklich ein "sicheres Todeszeichen"? Manche Wissenschaftler halten das Gehirn nicht für das einzige Steuerungssystem der Körperfunktionen. Sie gehen zwar davon aus, dass es das wichtigste Organ ist, halten es aber nicht für unverzichtbar für das biologische Leben des Organismus. Es gebe - mit technischer Unterstützung - auch andere Interaktionen im Körper, erläutert der Kölner Jurist Wolfram Höfling, Mitglied im Ethikrat, diese Position. Er verweist dabei unter anderem auf Berichte über hirntote Frauen, die ein Kind ausgetragen haben. Die Schwangerschaften waren allerdings nur möglich, weil elementare Lebensfunktionen maschinell aufrechterhalten wurden. Grundsätzlich ist man sich im Ethikrat einig: Wenn der Hirntod zweifelsfrei festgestellt wurde, kann die Organspende beginnen.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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