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Wenn die Seele müde ist Was Sie über Depressionen wissen sollten

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Jede Depression muss behandelt werden.

(Foto: imago/Westend61)

Sie gehört zu den größten Volksleiden und wird dennoch am meisten unterschätzt. Auch der Todes-Pilot von Flug 4U9525 litt offenbar unter Depressionen. Aber wie erkennt man die Krankheit? Wo hört die Melancholie auf und wo fängt die Depression an?

Eine Depression kann jeden treffen. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt ein Mal im Leben an einer solchen Erkrankung. Insgesamt leiden in Deutschland derzeit rund vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression, von der allerdings nur eine Minderheit eine optimale Behandlung erhält. Auch der Copilot des in den französischen Alpen verunglückten Airbus, Andreas L., litt früher offenbar an einer Depression. L. soll den Sinkflug des Flugzeuges vorsätzlich herbeigeführt haben. Hätte die Katastrophe mit 150 Toten verhindert werden können, wenn die Krankheit ernster genommen worden wäre? Aber wie erkennt man die Krankheit? Wo hört die Melancholie auf, wo fängt die Depression an? Und was können Betroffene und Angehörige tun? Hier finden Sie die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie erkennt man eine Depression?

Bei einer Depression kommen mehrere Krankheitszeichen zusammen. Bestehende Probleme werden vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum des Lebens gerückt. Man kann sich über nichts mehr freuen, auch positive Dinge erreichen einen nicht. Wegen eines permanenten Erschöpfungsgefühls haben Betroffene große Schwierigkeiten, auch kleine Dinge zu erledigen. Sie schlafen schlecht und grübeln viel. Oft empfinden Betroffene große Hoffnungslosigkeit, viele machen persönliches Versagen für ihren Zustand verantwortlich. Bei schweren Verläufen fühlt der Betroffene gar nichts mehr. Innere Leere und das Gefühl von Sinnlosigkeit sind bei vielen vorherrschend.

Wie viele Menschen sind in Deutschland von einer Depression betroffen?

Die Depression gehört zu den häufigsten und auch zu den am meisten unterschätzten Krankheiten. Sie zählt zu den größten Volksleiden. In Deutschland sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung betroffen - das entspricht rund vier Millionen Menschen.

Sind Depressionen nachvollziehbare Reaktionen auf schwierige Lebensumstände?

Nein. Ganz wichtig ist es zwischen einer depressiven Verstimmung (zum Beispiel nach Verlusterlebnissen) und einer echten Depression zu unterscheiden", sagt Professor Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in einem Gespräch mit n-tv.de. "Wenn man sich nach Schicksalsschlägen oder Misserfolgen mal für einige Tage müde, niedergeschlagen oder traurig fühlt, so ist das Teil des oft auch bitteren Lebens und keine Erkrankung. Derartige Verstimmungen werden nach einiger Zeit von besseren Gefühlen abgelöst", so Hegerl weiter. Halten diese Symptome allerdings länger als zwei Wochen an, dann sollte man einen Arzt aufsuchen.

Wie merken Familienmitglieder, dass jemand in ihrem Umfeld depressiv ist?

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Wenn Angehörige merken, dass der Partner sich zurückzieht, nicht mehr lacht, vielleicht nicht mal mehr weinen kann, dann ist sehr wichtig, dass sie den Betroffenen motivieren, sich Hilfe zu holen. Laut Professor Hegerl ist es für den Erkrankten selbst nicht leicht, zu erkennen, dass es eine Depression ist. Viele Erkrankte glauben, das ist die Überforderung bei der Arbeit oder der Konflikt in der Familie. Ein erster Schritt, um zu erfahren, ob man an einer Depression leidet, kann ein Selbsttest im Internet sein, der den Besuch beim Facharzt und eine ärztliche Diagnose aber nicht ersetzt.

Muss man im Fall von Andreas L. von einem erweiterten Suizid ausgehen?

"Im Rahmen sehr schwerer Depressionen kann es selten auch zu einem erweiterten Suizid kommen. Die Erkrankten nehmen durch die schwarze Brille der Depression alles als so aussichtslos und unerträglich wahr, dass sie auch ihre Angehörigen nicht in diesem schrecklichen Elend zurücklassen wollen. Sie nehmen diese dann mit in den Tod", so Prof. Hegerl. Viele depressiv Erkrankte sind im gesunden Zustand besonders verantwortungsbewusste und fürsorgliche Menschen. Dass fremde Menschen wie bei diesem Flugzeugunglück mit in den Tod gerissen werden, passe eher nicht zu einem erweiterten Suizid im Rahmen einer Depression.

Kann man einer Depression vorbeugen? Zum Beispiel, indem man Stress verhindert?

Stress an sich macht nicht automatisch depressiv. Auch wenn Dauerstress ungesund ist und als ernstzunehmender Faktor für die Entstehung einer Depression gilt, reicht er als Ursache für die Entstehung einer Depression nicht aus. Leute, die in Hochleistungsbereichen arbeiten, werden nicht häufiger depressiv als Leute, die das nicht machen. Menschen mit Teilzeitbeschäftigung werden offensichtlich nach Statistik eher depressiv als Leute, die Vollzeit beschäftigt sind. Auch das Gegenteil von Stress, nämlich Langeweile und ein Defizit an Aufgaben kann ein Faktor für das Auslösen einer Depression sein. Das Gefühl der Überforderung ist jedoch bei der Mehrheit der Menschen mit Depressionen vorherrschend, egal, ob der Erkrankung eine tatsächliche Überforderung vorausgegangen ist oder nicht.

Hilft ein langer Urlaub, eine Auszeit?

Bei depressiv Erkrankten bessern sich die Erschöpfung und die anderen Krankheitszeichen nicht durch eine mehrwöchige Auszeit oder Urlaub. Die Depression reist nämlich mit. Bei einigen Betroffenen kann die vermeintlich schönste Zeit des Jahres sogar dazu führen, dass die Symptome als noch unerträglicher wahrgenommen werden. Selbst eine Krankschreibung bei Depression ist nicht für jeden Betroffenen hilfreich. Die Symptome einer Depression können sich bei zu viel Ruhe sogar verstärken.

Wie lässt sich die Krankheit dann behandeln?

"Es gibt heutzutage gute Behandlungsmöglichkeiten", erklärt Professor Hegel. "Zum einen sind das Antidepressiva, die nicht süchtig machen, was viele Menschen glauben, und die auch nicht die Persönlichkeit verändern. Die wirken allerdings auch nicht sofort. Da muss man etwa zwei Wochen warten, bis man die positiven Effekte merkt. Das andere sind Psychotherapien. Insbesondere das Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie hat seine Wirksamkeit in guten Studien ausreichend belegt. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es um das Hier und Jetzt, zum Beispiel um Tagesstrukturierung und das Unterbrechen von negativen Grübelschleifen."

Wie hoch ist die Gefahr eines Rückfalls?

Experten gehen davon aus, dass man eine Veranlagung für die Krankheit hat und damit auch ein erhöhtes Risiko, später erneut depressiv zu werden. Deswegen ist es laut Professor Hegel von großer Wichtigkeit, nach der ersten Episode möglichst viel zu lernen, um Frühzeichen zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Quelle: n-tv.de, dsi

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