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Antibiotika wirken, können aber auch eine Reihe von Nebenwirkungen mit sich bringen.
Antibiotika wirken, können aber auch eine Reihe von Nebenwirkungen mit sich bringen.(Foto: picture alliance / Jens Kalaene/)
Dienstag, 05. Dezember 2017

Frage & Antwort, Nr. 510: Muss man alle Antibiotika einnehmen?

Von Jana Zeh

Der strenge Hinweis, Antibiotika immer bis zum Ende der Packung einzunehmen, damit es möglichst nicht zu einem Rückfall kommt, ist veraltet. Doch wie viele reichen aus, um wieder wirklich gesund zu werden?

Die Einnahmeformel "So kurz wie möglich, so lange wie nötig" gilt für viele Medikamente. Nur für Antibiotika wurde diesbezüglich bisher eine Ausnahme gemacht. Hier wurde besonders Wert darauf gelegt, die vom Arzt verordnete Dauer und Dosis auf jeden Fall bis zum Schluss einzuhalten, selbst wenn es einem schon viel besser ging. Auf diese Weise sollten zum einen Rückfälle, zum anderen Resistenzen bei den krankmachenden Bakterien verhindert werden.

In den letzten Jahren jedoch kamen immer öfter Zweifel an diesem Dogma auf. Mediziner konnten in einige Studien zeigen, dass bei bestimmten Infektionen eine kürzere Therapie mit Antibiotika einer längeren gleichwertig oder sogar überlegen war. "Tatsächlich hat man die Empfehlung zum Durchnehmen von Antibiotika bereits teilweise revidiert", bestätigt Dr. Christian Keßler vom Immanuel Krankenhaus in Berlin. "Die Empfehlung, Antibiotika immer bis zum Ende einzunehmen, stammt wohl eher aus der ärztlichen Empirie als aus der Evidenz", erklärt der Mediziner die Herkunft der Einnahmeregel, die mit der Zeit zu einer Art Volksglauben geworden ist.

Das immer wieder als schärfstes Schwert der Medizin gepriesene Antibiotikum hat in den letzten Jahren zur Bildung multiresistenter Keime beigetragen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass geforscht werden musste. Dabei stellte sich heraus, dass eine lange Einnahmedauer Resistenzen sogar fördern kann: Je länger die Bakterien abtötenden Medikamenten ausgesetzt sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass eben nur resistente Bakterien überleben. Eine kürzere Einnahmezeit kann also nicht nur den Vorteil haben, dass weniger Resistenzen entstehen, sondern geht häufig auch mit weniger Nebenwirkungen einher. Dennoch bleibt die Entscheidung für die Therapie(-dauer) mit Antibiotika ein komplexes Thema, bei dem viele Faktoren berücksichtigt werden müssen.

Zu viel und zu häufig

"Wir wissen, dass Antibiotika weltweit, auch in Deutschland, zu häufig verschrieben und eingenommen werden", betont Keßler. Die Zahlen je nach Studie und Indikation liegen zwischen 20 bis 50 Prozent. Das heißt, in vielen dieser Fälle hat es keinen zwingenden Grund für eine Antibiotikatherapie gegeben. Bevor man also darüber nachdenkt, ob man Antibiotika bis zum Ende einnehmen müsse, sollte man erst einmal darüber nachdenken, ob eine antibiotische Therapie überhaupt medizinisch sinnvoll ist. Aus diesem Grund fangen viele Ärzte und mündige Patienten an, umzudenken.

"Ist die Antibiotikagabe jedoch nötig, dann sollten Patienten auf keinen Fall selbst die Medikamente vorzeitig absetzen", betont Keßler. Nur der Arzt kann letztlich entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt zum Absetzen des Antibiotikums gekommen ist. Patienten können aber jederzeit ihren Arzt dazu befragen und sollten nicht immer einfach die verschriebene Dosis bis zum Ende der Packung durchnehmen, obwohl sie sich längst beschwerdefrei fühlen. Die Medikamentengruppe per se zu verteufeln, ist jedoch auch der falsche Weg  - "Antibiotika sind in vielfacher Hinsicht ein Segen für die Menschheit", so Keßler.

Übrigens: Wie bei allen Medikamenten gilt auch für übriggebliebene oder abgelaufene Antibiotika, diese nicht über die Toilette zu entsorgen. Die Reste belasten bei unsachgemäßer Entsorgung die Umwelt. Nicht geschluckte Arzneien sollten in der Apotheke abgegeben werden. Die Rücknahme wird von vielen als freiwilliger Service angeboten.


Quelle: n-tv.de

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