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Eine Frau hält in Nigeria in einer Aids-Klinik eine Handvoll Medikamente bereit.
Eine Frau hält in Nigeria in einer Aids-Klinik eine Handvoll Medikamente bereit.(Foto: imago/UIG)
Dienstag, 06. November 2018

Frage & Antwort, Nr. 557: Schützt Aspirin vor einer HIV-Infektion?

Von Jana Zeh

Alle drei Minuten wird ein Mädchen mit HIV infiziert. Aus diesem Grund wird mit Hochdruck geforscht, auch mit Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin. Doch kann der Wirkstoff wirklich Schutz bieten?

Ein guter Schutz vor einer Infektion mit HI-Viren bieten Kondome. Doch in vielen Ländern Afrikas, wo die Zahl der Ansteckungen besonders hoch ist, sind Kondome verpönt. Zudem haben viele Frauen und Mädchen gar nicht die Macht, "Safer Sex" durchsetzen zu können. Das wissen auch Forscher und halten deshalb Ausschau nach einfach umzusetzenden Alternativen. Ein Forscherteam wurde dabei auf Sexarbeiterinnen in Kenia aufmerksam. Die Frauen waren nicht mit HIV infiziert, obwohl sie ständig und intensiv einer möglichen Ansteckung damit ausgesetzt waren.

Kondome sind in vielen Ländern Afrikas verpönt.
Kondome sind in vielen Ländern Afrikas verpönt.(Foto: imago/UIG)

Nach Untersuchungen stellte sich heraus, dass die nichtinfizierten Frauen eine bestimmte Immunschwäche haben. Diese hat zur Folge, dass sich die Zellen im Genitaltrakt der Betroffenen nicht entzündeten. Bei Frauen ohne diese Immunschwäche hingegen kommt es beispielsweise durch Geschlechtskrankheiten zu entzündeten Zellen im Vaginalbereich. Diese lösen wiederum Immunvorgänge im Körper aus, die eine Ansteckung mit dem HI-Virus begünstigen.

Entzündungen verhindern

Grundsätzlich muss für eine HIV-Infektion einerseits ein HI-Virus, das sich vervielfältigen kann und andererseits eine geschwächte beziehungsweise entzündete Zielzelle zusammenkommen. Zudem sollen sogenannte T-Zellen, die vermehrt bei Entzündungen vom Immunsystem gebildet werden, eine HIV-Infektion begünstigen. Die Forscher stellten deshalb die Hypothese auf, dass eine Entzündungshemmung Schutz vor einer HI-Infektion bieten kann.

Als entzündungshemmenden Wirkstoff setzten sie auf Acetylsalicylsäure, kurz ASS, auch unter dem Namen Aspirin bekannt. Das weitverbreitete Schmerzmittel steht seit 1977 auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation. ASS wirkt nicht nur schmerzstillend, sondern auch entzündungshemmend.

ASS greift mehrfach ein

Unter diesen Voraussetzungen wurde ein Studiendesign entwickelt, bei dem zwei verschiedene Wirkstoffe, die beide relativ leicht zugänglich und preiswert sind, getestet wurden. Die Forscher der Universitäten in Manitoba, Waterloo und Nairobi konnten in Zusammenarbeit mit der kanadischen Gesundheitsbehörde insgesamt 76 gesunde kenianische Frauen für ihre Untersuchungen gewinnen. Diese wurden per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe bekam über einen Zeitraum von sechs Wochen täglich niedrig dosierte Acetylsalisylsäure, die andere Gruppe erhielt über den gleichen Zeitraum ein niedrig dosiertes Hydroxychloroquin. Der kurz auch als HCQ bezeichnete Wirkstoff wird normalerweise zur Malariatherapie und -prophylaxe angewendet, kommt aber auch bei Rheuma und bestimmten Hauterkrankungen zum Einsatz. Es wirkt wie Aspirin ebenfalls entzündungshemmend.

Vor, während und nach der Einnahme wurde die Zahl der aktivierten Immunzellen im Blut und in der Vaginalschleimhaut der Frauen gemessen. Der Untersuchungszeitraum betrug insgesamt 12 Wochen. Es zeigte sich, dass bei den Frauen, die HCQ einnahmen, zwar die Zahl der im Blut aktivierten T-Zellen sank, die Zahl der aktivierten T-Zellen im Vaginaltrakt hingegen sich durch die Einnahme kaum veränderte. In der Gruppe der Frauen, die ASS einnahmen, wurde die Zahl der HIV-Zielzellen im Vaginalbereich um durchschnittlich 35 Prozent gesenkt. Zudem war der Wert eines bestimmten Eiweißes gestiegen, so dass sich die Vaginalschleimhaut der Frauen festigte, was ein Eindringen von HI-Viren erschwert. Auch wenn die aktuellen Ergebnisse hoffen lassen, sind sie reine Grundlagenforschung.

Bevor ASS zu einem anerkannten Mittel zur HIV-Prophylaxe werden kann, müssen weitere Forschungen die bisherigen Befunde bestätigen. Die Einnahme des Mittels, das relativ leicht zugänglich und preiswert ist, hätte noch einen anderen, entscheidenden Vorteil: Sie wäre sozial zur HIV-Prävention akzeptiert, vor allem in den Ländern, in denen die Infektionsraten besonders hoch und Kondome verpönt sind.

Übrigens: Für Menschen in Industrieländern ist von der Einnahme von ASS als HIV-Prävention dringend abzuraten, denn es gibt wesentlich geeigneteren Schutz.

Quelle: n-tv.de