Frage & Antwort

Erst lecker, dann igitt Verändert sich der Geschmackssinn im Alter?

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Einmal Leckermäulchen, immer Leckermäulchen? Nicht ganz: Der Geschmackssinn verändert sich im Laufe des Lebens.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Quengelnde Kinder am Süßigkeitenregal sind für viele Eltern normal. Erwachsene dagegen lässt süß Schmeckendes oftmals kalt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Was für eine schöne Erinnerung: damals als Kind im Freibad, als man sich in einer kurzen Plansch-Pause das leckere Lieblingseis vom Kiosk gegönnt hat. Jahre später entdeckt man es dann zufällig in der Kühltheke im Supermarkt wieder. Doch dann die Enttäuschung: Auf einmal mundet das Eis gar nicht mehr so richtig. Es ist viel zu süß und schmeckt irgendwie künstlich. Stattdessen findet man im Erwachsenenalter plötzlich andere Dinge lecker, die man als Kind noch ungenießbar fand. Wie zum Beispiel Kaffee, Alkohol, Rosenkohl oder dunkle Schokolade.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass der Eis-Hersteller im Laufe der Jahre an der Rezeptur seines Produkts gefeilt hat. Doch auch beim Erwachsenwerden hat sich etwas Entscheidendes verändert: Der Geschmackssinn ist ebenfalls erwachsen geworden. Der Zellphysiologe und Duftforscher Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum bestätigt im Gespräch mit n-tv.de: "Kinder nehmen Geschmacksintensitäten anders wahr als Erwachsene."

Streng genommen ist der Geschmackssinn eine Kombination von mehreren Sinneseindrücken. Das eigentliche Schmecken findet auf der Zunge statt. Die Grundgeschmacksrichtungen sind: süß, sauer, salzig, bitter und würzig, oftmals auch als umami bezeichnet. Dazu kommt das Riechen. Jeder kennt das: Ist die Nase verstopft, schmeckt man kaum noch was. Zudem sind Menschen in der Lage, die Konsistenz von Lebensmitteln wahrzunehmen und sie erkennen, ob ein Essen warm oder kalt ist. Dafür sind Nerven verantwortlich, die in Mund und Nase gleichermaßen vorkommen.

Fruchtwasser und Muttermilch schmecken süß

Der Mensch wird bereits mit geschmacklichen Neigungen geboren. Die Ernährungsgewohnheiten werdender Mütter prägen auch die Vorlieben der Kinder. Auch während der Stillzeit spielt die Ernährung der Mutter eine Rolle, denn der Geschmack der Muttermilch ändert sich durch die verschiedenen Lebensmittel, die sie verzehrt. Eins ist aber bei allen Kinder identisch: Sie bevorzugen Süßes. Damit verbinden sie etwas Positives. Denn der Grundgeschmack der Muttermilch ist süß und auch das Fruchtwasser im Mutterleib hat einen leicht süßlichen Geschmack. Zudem erklärt Duftforscher Hatt: Auch in der Natur bedeute süß etwas Positives. "Reife Früchte schmecken süß und liefern Energie." Ähnlich verhalte es sich mit Salzigem: Schmecke etwas salzig, sei dies ein Indiz für einen hohen Mineralstoffgehalt und werde deswegen von Kindern gern gegessen. Schmecke etwas sauer, sei hingegen Vorsicht geboten: "Denn das ist in der Natur ein Indiz für unreife Früchte. Und bitter schmecken in der Regel giftige Dinge", erläutert der Wissenschaftler.

Je älter wir werden, desto mehr lernen wir, unterschiedliche Geschmäcker einzuordnen und gezielt bei der Zubereitung von Lebensmitteln einzusetzen. Wir gewöhnen uns nach und nach an die Geschmacksrichtungen bitter und sauer und dass sie nicht immer eine Gefahr bedeuten müssen, sondern auch spannende Nuancen in unser Essen bringen können. Der Wandel geht allmählich vonstatten: Ehe man sich an Bier herantraut, wird es noch mit Limonade gestreckt und der Kaffee schmeckt zunächst nur mit sehr viel Milch und Zucker.

Was die Eltern essen

Geschmacksvorlieben sind auch kulturell und gesellschaftlich begründet. Wächst man in einer Region auf, in der sehr scharf gegessen wird, gewöhnt man sich bereits im Kindesalter an scharfes Essen. Die Geschmacksnerven werden gewissermaßen auf Schärfe trainiert. Außerdem orientieren sich Kinder an ihrem Umfeld, vor allem an den Eltern, und übernehmen oftmals deren Essensgewohnheiten.

Ab dem 60. Lebensjahr nehmen Geruchs- und Geschmackssinn zunehmend ab. Dies liege daran, dass sich die Zellen nicht mehr so schnell erneuern, erklärt Duftforscher Hatt. Normalerweise erneuern sich die Geschmackszellen jede Woche und die Riechzellen jeden Monat. Ein Prozess, der für uns nicht spürbar sei. Im Alter funktioniert dieser Erneuerungsprozess dann nicht mehr so gut. Doch das beeinträchtigt die Betroffenen kaum. "Von älteren Menschen hört man dann vermehrt Sätze wie 'früher haben die Tomaten noch besser geschmeckt' oder 'früher konnte meine Frau noch besser kochen'. Dabei kocht die Ehefrau noch genauso gut wie einst, aber der Geschmackssinn ist nicht mehr so gut."

Aus diesem Grund werde das Essen in Altenheimen auch oft mit zusätzlichen Aromen versehen. "Damit die Bewohner den Geschmack besser wahrnehmen und sich nicht beschweren", sagt Hatt. Riechhilfen gibt es im Gegensatz zu Sehhilfen und Hörgeräten indes nicht. Duftforscher Hatt erläutert: Menschen mit einem beeinträchtigten Geruchs- und Geschmackssinn würden ihr Defizit meist gar nicht so sehr bemerken und fühlten sich deswegen auch nicht eingeschränkt.

Quelle: n-tv.de

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