Frage & Antwort

Die Antwort steckt im Blut Warum muss man beim Baden häufiger auf Toilette?

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Im Wasser kann das Blut ohne die gewohnte Schwerkraft leichter zirkulieren und verteilt sich mehr als üblich in die obere Körperhälfte.

(Foto: picture alliance / empics)

Bei heißem Wetter kommt eine Abkühlung im See oder Freibad gerade recht. Doch kaum schwimmt man im Wasser, steigt der Harndruck und man muss plötzlich ganz dringend auf die Toilette. Aber warum? ntv.de erklärt das vielen bekannte Phänomen.

Der Sommer ist da, die Badesaison eröffnet. Viele Menschen zieht es in Freibäder oder zu Seen. Doch kaum hält man sich etwas länger im erfrischenden Nass auf, steigt der Harndrang- und das, obwohl man wenig getrunken oder sogar kurz vorher auf Toilette war. Wie kommt das? Drückt das Wasser auf die Blase? Oder hat man beim Baden etwa zu viel Flüssigkeit geschluckt?

Die Antwort ist einfach und überraschend: Es hat weder etwas mit dem Wasser noch mit dem Urin zu tun - es liegt am Blut. Denn die Blutzirkulation in unserem Körper ist an die Landbedingungen angepasst, wo sich aufgrund der Schwerkraft tendenziell mehr Blut in den Beinen sammelt. Der Auftrieb des Wassers bedeutet für den Körper eine Umstellung. Ohne die gewohnte Schwerkraft kann das Blut leichter zirkulieren und verteilt sich mehr als üblich in die obere Körperhälfte. Wer noch dazu schwimmt, die Beine also auf gleicher Höhe wie den Oberkörper hat, lässt noch mehr Blut in Rumpf und Kopf gelangen.

Der Wasserdruck wirkt außerdem wie ein Kompressionsstrumpf auf Arme und Beine und verengt die Gefäße in den Gliedmaßen. Auch das lässt das Blut eher zur Körpermitte strömen. Je tiefer man sich Wasser befindet, umso stärker kann der Harndrang werden. Dieses Phänomen dürfte Experten zufolge vor allem Tauchern bekannt sein.

"Dem Regelsystem unseres Körpers wird auf diese Weise vorgegaukelt, dass wir ein zu hohes Blutvolumen haben", sagt Mediziner Claus-Martin Muth dem "Tagesspiegel". Nun drückt das viele Blut in der Körpermitte jedoch nicht etwa auf die Blase, sondern auf das Herz. Rezeptoren, die vor allem in den Wänden der Herzvorhöfe sitzen, überwachen ständig das Blutvolumen. "Registrieren sie zu viel Blut, wird die Niere alarmiert, Flüssigkeit auszuscheiden", erklärt der Oberarzt der Anästhesiologie an der Uniklinik Ulm.

Druck ablassen

Die Notfallstrategie des Körpers lautet somit: Druck ablassen. Die Niere bekommt das Signal zum Entwässern und füllt prompt die Blase mit Urin. Man muss auf Toilette, obwohl eigentlich gar nicht zu viel Flüssigkeit im Körper ist. Wissenschaftlich exakt beschrieben wird der Vorgang mit dem Gauer-Henry-Reflex (oder Henry-Gauer-Reflex), den die beiden gleichnamigen Forscher im 20. Jahrhundert entdeckten.

Verstärkt wird das Ganze durch das meist kühle Wasser, vor allem in Seen. Hält man sich dort länger auf, sorgt die Kälte dafür, dass der Körper das Blut möglichst in der Körpermitte versammelt, um die lebenswichtigen Organe zu schützen. Dadurch wird noch mehr Blut aus Armen und Beinen in die Gefäße des Rumpfes gedrückt.

Kann man das lästige Müssen verhindern? Nach Ansicht von Experten ist das weder wirklich möglich noch sinnvoll. "Wir sind nun mal Landtiere", sagt Jürgen Scharhag vom Universitätsklinikum Heidelberg der "Schweriner Volkszeitung". Der Mensch sei nicht an das Leben im Wasser angepasst. Am gesündesten ist es nach Ansicht des Mediziners, die Täuschung unseres Regelsystems einfach zu akzeptieren. Dann geht man zwischendurch schnell mal auf die Toilette, um anschließend wieder entspannt zu baden.

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Das Regelsystem sei manchmal sogar lernfähig. Bei Leistungsschwimmern, Tauchlehrern oder anderen Menschen, die täglich viel Zeit im Wasser verbringen, lasse der Harndrang mit der Zeit etwas nach, sagt Claus-Martin Muth. Ihr Körper passe sich an. "Wenn sie aber drei Wochen Urlaub machen und in dieser Zeit kaum ins Wasser gehen, ist alles wieder beim Alten", so Muth.

Übrigens: Auch wenn es draußen kalt ist, zum Beispiel im Winter, steigt der Harndrang. Hier greift ein ähnlicher Mechanismus. Fachleute nennen ihn "kälteinduzierte Diurese". Zunächst wird das Blut von der Haut und den Gliedmaßen weggeleitet, damit die Wärme nicht an die Außenluft verloren geht. Wie schon im Wasser bedeutet das: mehr Blut in der Körpermitte. Den Druck gleicht dann wiederum die Niere aus. Zeit für eine Pinkelpause.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 25. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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