Frage & Antwort

Frage & Antwort Warum verlor der Mensch sein Fell?

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Der eine hat's, der andere nicht. Dabei wäre ein Fell manchmal wirklich praktisch. (Sänger Justin Bieber mit seinem Weißschulterkapuzineräffchen Mally.)

(Foto: picture alliance / dpa)

Wieso verlor der Mensch im Laufe der Evolution sein Fell, um sich dann mit Fellen von Tieren gegen die Kälte zu schützen? (fragt A. Krug aus Wetzlar)

Eigentlich ist ein Fell unglaublich praktisch, es hält warm und ist schön kuschelig. Und immerhin: Unsere Verwandten, die Affen, haben heute noch eines. Auch unsere Vorfahren hatten ein dickes Fell. Und wir? Wir haben nackte Haut, die wir mit Kleidung bedecken, damit wir nicht frieren. Wir simulieren sozusagen ein Fell. Das hört sich doch nach evolutionärem Blödsinn an. Die Frage ist also durchaus berechtigt: Wo ist unser Fell abgeblieben?

Es gibt mehrere Hypothesen zu diesem Sachverhalt - manche mehr, manche weniger plausibel. Der finnische Biologe Markus J. Rantala hat im "Journal of Zoology" eine Zusammenfassung der wichtigsten Thesen veröffentlicht. Und auch er selbst hat eine Meinung. Zunächst hält auch er aus biologischer Sicht fest: Ein dichtes Fell hätte tatsächlich viele Vorteile. Es bietet nachgewiesenermaßen eine bessere Isolation bei kalten und warmen Temperaturen, einen Schutz vor Wunden und Insektenbissen. Auch würde das Individuum größer und gefährlicher wirken. Evolutionär also wäre das gut für die Verteidigung gegen Feinde.

Zu warm unterm Fell?

Orang-Utans gelten als scheue Baumbewohner. Foto: Barbara Walton

Orang-Utans erfreuen sich noch eines dichten Fells.

(Foto: dpa)

Eine Hypothese, die Rantala in seinem Aufsatz anführt, begründet den Fell-Verlust mit der Übersiedelung des Affenmenschen aus dem Wald in die Savanne. Dort war er höheren Temperaturen ausgesetzt. Vertreter dieser These nahmen an, dass dies der Grund dafür war, dass der Mensch sein Fell ablegte: um sich nicht zu überhitzen. Doch genauerer Prüfung kann diese These nicht standhalten.

Vergleiche zeigen, dass nackte Haut in einer savannenartigen Umgebung sogar Nachteile hat. Man bekommt eine höhere Dosis ungesunder Sonnenstrahlen ab. Man schwitzt mehr, verliert also schneller wertvolle Flüssigkeit. Ein behaarter Hominide in einer solchen Umgebung sollte seine Isolation eher erhöhen, anstatt sie abzubauen. Und es zeigt sich: Affen, die in der Savanne leben, tun genau dies. Sie haben ein besser isolierendes Fell als ihre Verwandten im Wald.

Eine Weiterführung dieser These vermutet dann auch den aufrechten Gang hinter der menschlichen Nacktheit. Durch das Aufrichten des Körpers und das Laufen auf nur zwei Beinen treffe weniger direkte Sonnenstrahlung auf den Körper. Ein Fell werde somit überflüssig. Doch auch diese Überlegung hat einen Haken: Ein Zweibeiner mit Fell hätte nämlich noch immer die größten Vorteile.

Ist der Sex schuld?

Die Suche geht also weiter, an Mutmaßungen mangelt es nicht. Eine andere Hypothese vermutet die Stimulation der Haut hinter der Fell-Misere. Haut ohne Fell sei empfindlicher für die Umgebung - seien es Temperaturveränderungen, Berührungen oder Schmerzen. Außerdem ermögliche eine fellfreie Haut intensiveren Kontakt zwischen Mann und Frau und zwischen Frau und Kind.

Doch auch hier gibt es einen Haken. Die These erklärt nämlich nicht, warum die Haare auch an den Stellen verschwunden sind, die mit einem intimen Kontakt wenig zu tun haben - wie etwa dem Rücken. Und sie erklärt auch nicht, warum wir ausgerechnet an intimen Bereichen des Körpers noch Haare haben.

Der Biologe Rantala präsentiert am Ende seines Rundumschlags schließlich die These, die er selbst für die plausibelste hält: Ungeziefer. Oder, genauer ausgedrückt, sogenannte "Ektoparasiten". Im Gegensatz zu "Endoparasiten", die es sich im Körper ihres Wirtes gemütlich machen, hausen Ektoparasiten auf dem Körper anderer Organismen. Und wenn dieser dicht behaart ist, haben es die Parasiten leichter. Nicht umsonst wird man zum Beispiel Läuse am besten los, indem man sich die Mähne abrasiert.

Hier könnte man gleich einhaken und argumentieren: Auch Affen und andere Tiere haben das Problem mit den Parasiten. Warum also verlor ausgerechnet der Mensch sein Fell? Rantala führt hierzu Überlegungen an, die mit dem Entstehen und dem Wandel einer menschlichen Gesellschaft zu tun haben. Die Menschen begannen, nicht alleine, sondern in Gruppen zu jagen. Im Zuge dessen entwickelten sich "Heimatstandorte", zu denen sie immer wieder zurückkehrten. Für Ektoparasiten wie zum Beispiel Flöhe ist dies ein großer Vorteil. Höhlen und Lager bieten optimale Bedingungen für viele Arten von Parasiten, sich zu vermehren. Rantala schreibt: "Als die Last der Ektoparasiten schließlich immer größer wurde, könnte es wichtiger geworden sein, weniger Parasiten zu haben, als ein wärmendes Fell." Des Weiteren führt der Biologe die Möglichkeit an, dass die Selektion vielleicht auch durch tödliche Krankheiten forciert wurde, die blutsaugende Fell-Parasiten übertragen.

So findet sich am Ende im Theorien-Dickicht offenbar doch eine plausible Erklärung auf die Frage nach dem Verbleib unserer Körperbehaarung. Es sieht alles danach aus, als wäre das menschliche Fell in Zeiten mangelnder Hygiene den Parasiten zum Opfer gefallen. Nackte Haut lässt sich leichter pflegen als ein kuscheliges, dickes Fell. Parasiten haben es viel schwerer, es sich hier dauerhaft bequem zu machen - entsprechende Körperpflege vorausgesetzt.

Quelle: n-tv.de

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