Frage & Antwort

Giganten der Urzeit Warum wurden Dinosaurier so groß?

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Die langhalsigen Sauropoden der Gattung Brachiosaurus lebten vor etwa 150 Millionen Jahren.

(Foto: imago/StockTrek Images)

Die größten Dinosaurier, die Sauropoden, waren Giganten. In ihren Ausmaßen sind sie unter den Landtieren auch zig Millionen Jahre nach ihrem Aussterben unerreicht. Doch was ist das Geheimnis des Riesenwachstums?

Besucher des Berliner Naturkundemuseums sind für eine Körperhaltung bekannt: in den Nacken gelegte Köpfe. Denn in dem Museum steht ein Gigant, ein mehr als 13 Meter hoher Brachiosaurus, der vor etwa 150 Millionen Jahren lebte. Mit einem Gewicht von möglicherweise fast 50 Tonnen war er viel größer als alle Landtiere, die nach den Dinosauriern die Erde bevölkerten. Aber wie konnten Brachiosaurus und andere langhalsige Pflanzenfresser, die man Sauropoden nennt, so groß werden?

Dahinter steckt zunächst eine simple evolutionäre Triebfeder, weiß Martin Sander, Paläontologe an der Universität Bonn und Experte für Gigantismus bei Dinosauriern: "Größer ist besser, das gilt für alle Tiere", erläutert er n-tv.de. Denn große Körper böten viele Vorteile. Sie schützen davor, von Raubtieren gefressen zu werden und bieten mehr Platz für Verdauungsorgane, wodurch mehr Nahrung verwertet werden kann. "Zudem wirken große Männchen attraktiver auf Weibchen, wodurch sich deren Gene eher fortpflanzen." Dennoch muss es noch andere Gründe gegeben haben, warum Dinosaurier beim Wachstum alle Landtiere vor und nach ihnen in den Schatten stellten.

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War die Vegetation zur Zeit der Dinosaurier reichhaltiger als heute? Neuste Forschungen schließen das als Grund für den Gigantismus aus.

(Foto: imago/StockTrek Images)

Forscher grübeln schon lange darüber nach und stellten verschiedene Hypothesen auf. In einer davon geht man davon aus, dass äußere Ursachen wie ein hoher Sauerstoffgehalt der Luft oder eine reichhaltigere Vegetation in der damaligen Zeit den Gigantismus der Sauropoden begünstigten. Sander hat in einem umfangreichen Forschungsprojekt zusammen mit anderen Wissenschaftlern aus Deutschland und der Schweiz diese Möglichkeiten untersucht - und ausgeschlossen. "Wir haben etwa herausgefunden, dass die Vegetation vom Nährwert her genau so war wie heute." Auch der Sauerstoffgehalt der Luft habe zur Zeit der Dinosaurier geschwankt, die Größe der Sauropoden jedoch nicht.

Geheimnis der Dino-Lunge

Daher rückte für Sander und seine Mitstreiter der Körperbau der riesigen Tiere als mögliche Lösung des Rätsels in den Fokus. Was sie herausfanden: "Der Gigantismus kommt durch eine Konstellation von primitiven Merkmalen und evolutiven Neuerungen zustande", erklärt Sander. Zu den primitiven Merkmalen zählen die Tatsachen, dass Dinosaurier ihre Nahrung nicht kauten und Eier legten. "Die Neuerungen waren der lange Hals, schnelles Wachstum und eine Lunge, die der von Vögeln ähnelte."

Besonders die vogelähnliche Lunge sei ein zentraler Faktor für die gewaltige Größe der Sauropoden, so Sander. Denn sie bietet mehrere Vorteile. Etwa ihre besondere Funktionsweise, die er mit einem Dudelsack vergleicht: "Egal ob das Tier ein- oder ausatmet, die Lunge nimmt dauernd Sauerstoff auf." Die Lunge von Säugetieren hingegen arbeite eher wie ein Blasebalg - die Luft geht entweder rein oder raus.

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Die gigantischen Sauropoden teilten mit den heutigen Vögeln ein Merkmal - die weit verzweigte Lunge.

(Foto: imago/blickwinkel)

Ein zweiter Vorteil der vogelähnlichen Lunge sei ihr großes Volumen, so der Forscher. Wäre die Lunge kleiner, etwa wie bei Säugetieren, wären die Dinosaurier aufgrund ihrer langen Hälse erstickt. Der dritte Vorteil: "Die Vogellunge hat die Fähigkeit, dass Teile von ihr in die Knochen einwandern können", so Sander. Hinweise auf ein derartiges Luftsacksystem wie das der Vögel haben Knochenfunde von Dinosauriern geliefert. Durch die Luftsäcke werden die Knochen sehr leicht - eine notwendige Voraussetzung für den langen Hals der Sauropoden.

Und eben dieser unglaublich lange Hals - eine Neuheit unter damaligen Landtieren - ist nach Meinung von Forschern selbst eine wichtiger Faktor für das Riesenwachstum. Die riesigen Pflanzenfresser mussten sich kaum von der Stelle rühren, um wie mit einem Kranausleger gewaltige Mengen an Pflanzennahrung abweiden zu können - von niedrigen Gewächsen bis hin zu Blättern an hohen Bäumen. "Man kann als großes Tier mit einem langen Hals mit wenig Energieaufwand sehr viel Energie aufnehmen", erklärt der Paläontologe.

Kleiner Kopf ohne Kauwerkzeuge

Damit der Hals so lang sein kann, darf aber auch der Kopf nicht zu schwer sein. Doch dafür bedarf es bestimmter Voraussetzungen: "Einen kleinen Kopf kann ein Tier nur dann haben, wenn es nicht kaut", sagt Sander. Denn dann spart es Gewicht, da schwere Zähne ebenso wegfallen wie Kaumuskeln, die mit der Größe des Tieres massiv zunehmen. "Drastisch formuliert wäre ein 50 Tonnen schwerer Elefant fast nur noch Kopf." Die Angewohnheit des Kauens sei es demnach vermutlich auch, was die Körpergröße von Säugetieren zwangsläufig begrenze.

Einen weiteren biologischen Vorteil für das Größenwachstum bot den Sauropoden die Tatsache, dass sie Eier legten - vermutlich sehr viele. Denn aufgrund der enormen Größe, war die Populationsdichte dieser Tiere vermutlich eher gering - was ein Nachteil ist, wenn äußere Ereignisse wie Katastrophen die ausgewachsenen Giganten dezimieren. Jedenfalls dann, wenn sie nicht viele Nachkommen haben. Sander nennt Nashörner als Beispiel, die jeweils nur ein Junges zur Welt bringen: "Werden sie durch Wilderer bejagt, droht die Population schnell zusammenzubrechen, weil sie sich nicht erholen kann." Bei den Eier legenden Sauropoden hingegen waren die Nachkommen vermutlich wesentlich zahlreicher, was die Population auch unter schwierigen Umständen stabil hielt.

Und vor allem mussten die Jungtiere ein ordentliches Tempo beim Wachstum vorlegen, um in seiner Lebenszeit das Gewicht eines erwachsenen Tieres zu erreichen. Die Eigenschaft, schnell wachsen zu können, war wohl eine eine weitere Bedingung für den Gigantismus der Dinosaurier. Schließlich hatte ein rund zehn Kilogramm schweres Jungtier nur 20 bis 30 Jahre Zeit, um sein Gewicht auf das 5000-Fache zu erhöhen.

Trittbrettfahrer T-Rex

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Große Beute, große Räuber: Fleischfressende Dinosaurier wie der Tyrannosaurus Rex waren Nutznießer des Gigantismus und wurden selbst gewaltig.

(Foto: imago/StockTrek Images)

Aber nicht nur die pflanzenfressenden Sauropoden wie Brachiosaurus und Diplodocus wurden gigantisch, auch Fleischfresser dieser Zeit wie etwa der Raubsaurier Allosaurus waren sehr groß. Später wurde dieser noch vom berühmten Tyrannosaurus Rex übertroffen, der möglicherweise bis zu 14 Tonnen schwer wurde. "Raubsaurier waren Trittbrettfahrer des Riesenwachstums der Pflanzenfresser", weiß Sander. Dadurch, dass Sauropoden mehr Energie aus der Pflanzenwelt entnommen haben, stand auch für die Fleischfresser mehr zur Verfügung. Allerdings sei ihre Größe durch ein anderes Prinzip begrenzt, so Sander: Auf jedem Schritt der Nahrungskette kommt nur ein Zehntel der Energie an. Die Räuber wie T-Rex konnten also nur einen Bruchteil des Gewichtes ihrer Beute erreichen.

Übrigens: Warum nach dem Aussterben der Dinosaurier deren Nachfahren, die Vögel, keine gigantischen Ausmaße mehr erreichten, ist noch eine ungeklärte Frage. Zwar lebten auf Inseln wie Madagaskar oder Neuseeland bis vor einigen tausend Jahren noch große Vögel mit dem Gewicht von fast einer Tonne. Vermutlich aber ließ die Konkurrenz von Säugetieren Vögel nicht mehr die Dimensionen ihrer Dinosaurier-Verwandten erreichen.

Quelle: n-tv.de

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