Frage & Antwort

Frage & Antwort Wie lange dauert die Pubertät?

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Wann ist ein Mensch erwachsen? Je nach Bewertungskriterium kann das fast bis zum 30. Geburtstag dauern.

(Foto: imago/Westend61)

Die Pubertät setzt heute eher ein als noch vor ein paar Jahrzehnten. Gleichzeitig wird beklagt, dass junge Menschen länger unreif sind. Bedeutet das, dass die Entwicklung zum Erwachsenen heutzutage viel mehr Zeit braucht? (fragt Ellen K. aus Lippstadt)

Was Wouter van den Bos vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin auf unsere Leserfrage antwortet, dürfte viele Eltern (und vielleicht auch Jugendliche) zunächst aufatmen lassen: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Pubertät heute länger andauert als früher. Dadurch, dass sie eher beginnt, hört sie nun auch ein bisschen eher auf", sagt der Experte. Van den Bos, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich "Adaptive Rationalität", kann sogar konkret sagen, wann die Phase bei den meisten Jugendlichen durchgestanden ist: im Alter von ungefähr 16 Jahren.

Da kommen Zweifel auf. Wie kann das sein? Schließlich ist der 16. Geburtstag noch lange nicht die Zeit, in der zu Hause wieder Ruhe einkehrt. Konflikte mit den Eltern sind weiterhin an der Tagesordnung, der Drang zur Selbstbestimmung ist groß bei den Heranwachsenden und oft genug treffen sie mit ihrer Art der Lebensgestaltung bei den Eltern eben nicht gerade auf Verständnis. Die wundern sich gern auch Jahre später noch darüber, mit welchen Flausen im Kopf ihre nunmehr erwachsenen Kinder den Alltag bestreiten wollen. Die Pubertät muss also deutlich länger andauern als bis zum Beginn des 17. Lebensjahres. Wie ist es möglich, dass Wissenschaft und elterliche Erfahrungswelten hier so weit auseinanderklaffen?

Ein sprachliches Missverständnis

Der Grund dafür ist ein Missverständnis: "Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzen wir die Begriffe Pubertät und Adoleszenz unterschiedslos. Eigentlich aber haben sie verschiedene Bedeutungen", erklärt Van den Bos. "Pubertät ist definiert als rein körperliche Reifung. Die setzt mit bestimmten Entwicklungen ein und ist beendet, wenn der Körper zur sexuellen Reproduktion und Befruchtung fähig ist." Das ist meist mit etwa 16 Jahren der Fall.

Die Adoleszenz aber – was, wie Van den Bos ausführt, "den Prozess der psychosozialen Reifung" meint – nimmt mehr Zeit in Anspruch. Sie stellt das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern weiterhin auf eine harte Belastungsprobe. Zwar setzt dieser Prozess ungefähr zur gleichen Zeit ein wie die Pubertät, aber sein Ende ist weniger klar bestimmbar. "Grundsätzlich ist die Adoleszenz vorüber, wenn ein Individuum als fähig erachtet wird, die Rolle eines Erwachsenen voll auszufüllen", sagt Van den Bos. Das Gesetz spricht dann von Volljährigkeit. In den meisten westlichen Ländern ist diese mit dem 18. Geburtstag erreicht.

Mit fast 30 endlich erwachsen

Doch neben dem Gesetz gibt es andere Kriterien, die für die Bestimmung dieser Entwicklungsphase eine Rolle spielen können: "Wenn wir kognitive Fähigkeiten und die Entwicklung des Gehirns berücksichtigen", so der Experte, "dann zieht sich die Adoleszenz oft bis in die frühen Zwanziger eines Menschen." Ein abermals anderes Bild ergibt sich, wenn finanzielle Unabhängigkeit zum Gradmesser für psychosoziale Reife wird. Dann ist die Adoleszenz oft gar erst in den späten zwanziger Lebensjahren abgeschlossen.

Vor diesem Hintergrund ist ein klares Fazit möglich – auch wenn über das Ende der psychosozialen Reifung keine Einigkeit herrscht. "Es ist offensichtlich", sagt Van den Bos, "dass die Adoleszenz heute länger andauert als jemals zuvor".

Übrigens: Daran, dass die Pubertät heutzutage früher einsetzt, ist unter anderem die Ernährung schuld: "Die ist immer nahrhafter und kalorienreicher geworden und hat so das Körperwachstum beschleunigt", erläutert Van den Bos. Auch das Körperfett ist ein Faktor, der den Beginn der Pubertät beeinflusst. Bei übergewichtigen Kindern setzt die körperliche Reifung daher früher ein. "Viel Sport hingegen", so der Wissenschaftler, "kann den Beginn der Pubertät hinauszögern."

Quelle: n-tv.de