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Wie viele Umarmungen man braucht, ist individuell verschieden.
Wie viele Umarmungen man braucht, ist individuell verschieden.(Foto: imago/Westend61)
Dienstag, 13. Februar 2018

Frage & Antwort, Nr. 520: Wie viele Umarmungen braucht man am Tag?

Von Jana Zeh

Der Valentinstag ist für den Austausch von Zärtlichkeiten wie geschaffen. Dabei braucht der Mensch täglich Körperkontakt zu anderen, um gut leben zu können. Wie viel davon nötig ist, fragt n-tv.de einen Experten.

"Bist du aber groß geworden", juchzt eine Verwandte und drückt das Kind herzlich an ihren Busen. Solche Umarmungen sind übergriffig und unpassend und deshalb als Glücklichmacher ungeeignet. "Alle Umarmungen, die innerhalb einer vertrauensvollen Grundbeziehung, in der richtigen Situation und im gegenseitigen Einverständnis geschehen, machen dagegen glücklich, denn sie führen im Körper zu zahlreichen biologischen Prozessen", erklärt Professor Martin Grunwald, der sich ausgiebig mit diesem Thema im Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig beschäftigt.

Homo hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können
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Durch Umarmungen mit den entsprechenden Voraussetzungen werden Glückshormone wie Serotonin ausgeschüttet, Stresshormone reduziert, Blutdruck und Herzschlag sinken, das allgemeine Wohlbefinden steigt. "Wir wissen auch: Je vertrauter die andere Person ist, umso stärker sind die Umarmungswirkungen", ergänzt Grunwald, dessen Buch "Homo hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können" mit dem Preis "Wissenschaftsbuch des Jahres 2018" in der Kategorie Medizin/Biologie ausgezeichnet wurde.

Umarmt euch!

Wie viel Körperkontakt Menschen tatsächlich benötigen, um im Gleichgewicht damit zu sein, ist individuell sehr verschieden. Klar dagegen ist, dass "Berührungen nicht nur für Menschen, sondern für alle Säugetiere wichtig, ja sogar überlebenswichtig sind", betont Grunwald und fügt gleich noch ein Beispiel an, das für eine allgemeine Unterversorgung bei Erwachsenen in Deutschland spricht. "Primaten haben im täglichen Durchschnitt innerhalb ihrer Gemeinschaft 90 Minuten Körperkontakt zu anderen Tieren. Bei Tieren, die in der Hierarchie ihrer Gruppe höher gestellt sind, dauert der Körperkontakt  sogar noch länger. Befragte Paare, die in langjährigen Beziehungen lebten, gaben dagegen an, nicht einmal zehn Minuten für körperliche Nähe am Tag aufzuwenden", fasst der Experte zusammen.

Die einfache Umarmung scheint im Zeitalter von "Zeit- und Kontaktfressern" wie Smartphones oder Facebook und einer stetig steigenden Anzahl von Singlehaushalten jedoch abhanden zu kommen. "Tatsächlich leben wir mehr und mehr in einer Kultur der Berührungsarmut", bestätigt der Psychologe die Entwicklung. Besonders Senioren und Singles gehen zum Arzt oder lassen sich massieren, um überhaupt Körperkontakt zu bekommen. Und selbst das Leben in einer Partnerschaft ist noch längst kein Garant dafür, dass man ausreichend berührt und umarmt wird.

Wie viele Berührungen und Umarmungen sind gesund?

Vor allem Babys brauchen täglich Körperkontakt, um gesund aufzuwachsen.
Vor allem Babys brauchen täglich Körperkontakt, um gesund aufzuwachsen.(Foto: imago/biky)

Das ist individuell ganz verschieden. Wie viel solchen direkten Körperkontakt ein Mensch in seinem Leben zulassen kann, hängt entscheidend damit zusammen, wie viel er davon in den ersten 12 bis 18 Lebensmonaten bekommen hat. Ein Kind, das viel körperliche Zuwendung genießen konnte, wird höchstwahrscheinlich auch als Erwachsener Berührungen und Umarmungen gegenüber besonders aufgeschlossen sein. "Der Mensch hat, wie alle anderen Säugetiere auch, ein Bedürfnis nach Körperkontakt, das außerhalb der Sexualität liegt", betont Grunwald, "denn jegliche Art von Körperkontakt ist auch eine Form der Kommunikation".

Wer zu wenig davon bekommt, der leidet. Bei Kindern kann ein Mangel an Körperkontakt dramatische Auswirkungen haben, die bis zur existenziellen Bedrohung reichen. Bei Erwachsenen, die lange Zeit zu wenig oder gar nicht umarmt oder berührt wurden, kann der fehlende Körperkontakt zu chronischem Stress, Burnout oder mittelschweren Depressionen führen. Im Allgemeinen kann ein Körperkontaktdefizit das Wohlbefinden einschränken und das Immunsystem schwächen. Sogenannte Körperwahrnehmungsstörungen wie beispielsweise Magersucht oder Bulimie können durch fehlenden Körperkontakt  begünstigt werden. Der Appell des Professors lautet deshalb: Nehmt euch mehr Zeit für Nähe, Berührungen und Umarmungen - nicht nur am Valentinstag!

Übrigens: Virginia Satir, die oftmals als Mutter der Familientherapie bezeichnet wird, hat den vielzitierten Satz publiziert: "Wir brauchen vier Umarmungen am Tag zum Überleben, acht Umarmungen am Tag zum Leben und 12 Umarmungen am Tag zum innerlichen Wachsen." Ob's stimmt, kann jeder selbst ausprobieren.

Quelle: n-tv.de