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Über die Zahl der Linkshänder gibt es keine genauen Angaben.
Über die Zahl der Linkshänder gibt es keine genauen Angaben.(Foto: picture alliance / dpa)

Der vermeintliche Makel: Linkshänder denken anders

Von Jana Zeh

"Das mache ich doch mit links", ist der Satz, der betonen soll, dass einem Rechtshänder etwas besonders leichtfällt. Doch Linkshänder haben es oftmals schwer in einer Welt, die für Rechtshänder gemacht ist. Ob Menschen mit einer dominanten Linken auch Vorteile haben, ob sie intelligenter oder sportlicher sind als Rechtshänder, erfahren Sie hier.

Ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, hängt von der Erziehung ab. Falsch!

Tassen für Linkshänder.
Tassen für Linkshänder.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Rechts- oder Linkshändigkeit wird durch die Funktionsweise der Gehirnhälften eines Menschen bestimmt. Jeder Mensch bringt von Natur aus eine dominante Gehirnhälfte mit und dementsprechend gibt es Links- und Rechtshänder. Dabei ist die linke Gehirnhälfte bei Rechtshändern und die rechte Gehirnhälfte bei Linkshändern bestimmend.  Auch wenn naturgegeben, wurden Linkshänder in vielen Kulturen seit Jahrhunderten mit teilweise brachialen Methoden zu Rechtshändern umerzogen. Auch wenn nach vielen Untersuchungen bisher nicht eindeutig festgestellt werden konnte, ob Linkshändigkeit vererbt wird oder nicht, geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Händigkeit oder Lateralität so unverrückbar ist wie die Augenfarbe oder das Geschlecht eines Menschen.

Ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, entscheidet sich zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr. Falsch!

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Beratungsstellen für Linkshänder betonen immer wieder, dass die Händigkeit bis zum Eintritt ins Schulalter eindeutig geklärt sein sollte. Das bedeutet, bis zum sechsten Lebensjahr muss für jeden betreuenden Erwachsenen eindeutig erkennbar sein, ob ein Kind Rechts- oder Linkshänder ist, um es dementsprechend zu fördern. Die Entscheidung der Dominanz einer Körperseite soll bereits im Mutterleib und zwar schon vor der 15. Schwangerschaftswoche geschehen. Das konnten Wissenschaftlern der Queen's University in Irland beobachten. Die Forscher sahen sich Ultraschallbilder von mehr als 1000 Föten an und fanden heraus, dass 90 Prozent der Ungeborenen den rechten Daumen zum Nuckeln benutzten. Bei der Nachuntersuchung an 75 Kindern im Schulalter wurde bestätigt, dass alle "Rechtsnuckler" auch Rechtshänder geworden waren. Von den "Linksnucklern" dagegen entwickelten sich nur zwei Drittel zu Linkshändern. Ob ein Drittel der "Linksnuckler" umerzogene Rechtshänder waren, haben die Forscher allerdings nicht untersucht.

Es gibt auch Menschen, die weder Rechts- noch Linkshänder sind.

"Nein", sagt Frank Steinkopf, Pädagoge, Autor und Experte für Linkshänder. "Menschen sind entweder Linkshänder oder Rechtshänder. Das bedeutet, dass sie anspruchsvolle Aufgaben immer mit der dominanten Hand bewerkstelligen." Je anspruchsvoller eine Aufgabe wird, umso klarer wird auch die Dominanz einer Hand. Schon in den ersten drei Lebensjahren lässt sich die "starke" Hand sicher erkennen. "Die Händigkeit ist so eindeutig wie das Geschlecht", so Steinkopf weiter. Doch auch in diesem Bereich scheint die Ausnahme die Regel zu bestätigen. Beidhändigkeit ist eine Frage der Definition und genauso, wie es Menschen gibt, die weder eindeutig als Frau noch als Mann zur Welt kommen, gibt es Personen, die als Beidhänder bezeichnet werden. Wissenschaftler der britischen Universität von Leicester wollen herausgefunden haben, dass 3 von 1000 Menschen als Beidhänder geboren werden. Mit beiden Händen gleich geschickt agieren zu können, ist allerdings nur ein vermeintlicher Vorteil. In einer anderen Untersuchung wurden die Daten von 8000 Kindern aus Finnland unter die Lupe genommen, von denen 87 zu den Beidhändern gezählt wurden. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass das Risiko für Beidhänder, unter Lernproblemen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder psychischen Problemen zu leiden, wesentlich größer ist als bei Einhändern.

Linkshändigkeit wird vererbt. Vielleicht!

Wie oft Linkshänder im Alltag mit der Rechtshänderwelt konfrontiert werden, ist Rechtshändern nicht bewusst.
Wie oft Linkshänder im Alltag mit der Rechtshänderwelt konfrontiert werden, ist Rechtshändern nicht bewusst.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Über diesen Aspekt lassen sich keine eindeutigen Aussagen machen, da die Ursache für die Entstehung von Linkshändigkeit bisher nicht eindeutig geklärt werden konnte. Stattdessen gibt es jede Menge theoretische Ansätze. So soll ein Teil auf dem Chromosom zwei für die Ausprägung der Händigkeit zuständig sein. Auch das Hormon Testosteron steht im Verdacht, die Entscheidung für die Rechts- oder Linkshändigkeit herbeizuführen, wenn es in der Schwangerschaft vermehrt gebildet wird. Zudem gibt es die Thesen, dass Ultraschalluntersuchungen oder Probleme bei der Geburt die Linkshändigkeit verursachen. Festzustellen bleibt jedoch, dass es in Familien mit vielen Linkshändern auch viele Nachkommen gibt, die linksdominant sind.

Linkshänder werden heute nicht mehr umerzogen. Falsch!

"Leider kommt es auch heute noch zur Umerziehung von Linkshändern", weiß Steinkopf. "Das liegt zum einen an der Unwissenheit der Erwachsenen und zum anderen daran, dass unsere Welt für Rechtshänder gemacht ist. Ein Beweggrund, warum sich manche Linkshänder, meistens sehr früh im Kindesalter, selbst auf Rechtshändigkeit umstellen. "Kinder lernen durch Nachahmung und es beeinflusst sie beispielsweise schon im Kleinkindalter, von welcher Seite ihnen das Spielzeug gereicht wird oder auf welche Seite der Löffel zum Essen liegt. Auch Sätze wie 'Nimm doch die gute Hand' haben bei Kindern eine große Wirkung. Da eine Umerziehung zu weitreichenden Problemen wie Stottern, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Blackouts, vorzeitiger Erschöpfung, Schlafstörungen und sogar psychischen Problemen wie Depression führen kann, wird heute dringend von einer Umerziehung abgeraten. Die Psychologin Johanna Barbara Sattler, Leiterin der ersten deutschen Beratungssstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München, spricht in diesem Zusammenhang von dem "schwersten unblutigen Eingriff ins Gehirn". Eltern, die unsicher bei der Händigkeit ihrer Kinder sind, sollten diese noch vor der Einschulung in einer Beratungsstelle für Linkshänder vorstellen. An solchen Anlaufstellen können Experten mit einer sogenannten Händigkeitsdiagnose genau feststellen, welche Hand die dominante ist. Auch Erwachsene, die an ihrer Händigkeit zweifeln, können sich dort testen und bei Bedarf mit fachlicher Begleitung rückschulen lassen.

Linkshänder denken anders. Richtig!

"Linkshänder denken anders, nämlich ganzheitlich, vernetzend und vielschichtig," sagt Steinkopf. Es ist aber nicht so, dass bei Linkshändern im Gehirn einfach alles seitenverkehrt angelegt ist. Durch die Dominanz der rechten Gehirnhälfte bei Linkshändern werden andere Hirnbereiche beim Denken aktiviert als bei Rechtshändern. So ist zum Beispiel die Wahrnehmung eine andere. Sinneseindrücke werden von Rechtshändern mit der linken Gehirnhälfte aufgenommen und verarbeitet. Dort sitzt die Zentrale für rationales Denken. Linkshänder dagegen erfassen ihre Umwelt mit Hilfe der rechten Gehirnhälfte, die für Kreativität und Vorstellungsvermögen zuständig ist. Beim Sprechen beispielsweise werden bei fast jedem dritten Linkshänder beide Gehirnhälften aktiviert. 98 Prozent der Rechtshänder dagegen nutzen dabei nur die linke Gehirnhälfte. Das könnte die überdurchschnittliche Sprachfähigkeit bei Linkshändern erklären. Englische Verhaltensforscher gehen davon aus, dass Linkshänder sich wesentlich öfter mit Sätzen wie "Ich mache mir Sorgen, Fehler zu machen" identifizieren als Rechtshänder. Der Grund dafür könnte in der Stressverarbeitung im Gehirn liegen, denn in solchen Situationen wird bei Linkshändern vor allem die rechte, emotionale Hirnhälfte aktiviert.

Linkshänder sind intelligenter. Falsch, aber …

US-Präsident Obama unterschreibt mit links, genauso wie seine Vorgänger Ford, Reagan, George Bush senior und Clinton es taten.
US-Präsident Obama unterschreibt mit links, genauso wie seine Vorgänger Ford, Reagan, George Bush senior und Clinton es taten.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch wenn Linkshänder anders denken als Rechtshänder, gibt es keinen Beweis für eine höhere Intelligenz. Bei einer Untersuchung des University College London mit 11.000 Kindern konnte festgestellt werden, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) von Links- und Rechtshändern im Prinzip identisch ist. Allerdings sahen die Forscher auch, dass die Ausschläge des IQ nach unten und oben bei Linkshändern extremer sind als bei Rechtshändern. Die Verteilung der Intelligenz unter Linkshändern ist also eine andere. So ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den Linkshändern viele berühmte Persönlichkeiten finden lassen, wie Albert Einstein, Ludwig van Beethoven, Napoleon Bonaparte, Pablo Picasso, Bill Gates und Barack Obama, um nur einige zu nennen.

Linkshänder sind oftmals erfolgreicher im Sport. Richtig, aber …

Der Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung wird auf 10 bis 15 Prozent geschätzt, im Spitzensport liegt ihr Anteil in einigen Sportarten aber bei 20 bis 55 Prozent. Für den Erfolg der Linkshänder könnte die unzureichende Vorbereitung der Gegner ein Grund sein. So haben sich diese im Training vor allem auf Attacken von Rechtshändern eingestellt, da es im Allgemeinen mehr davon gibt. Vor allem in Sportarten wie Tennis, Boxen und Fechten scheinen Linkshänder deshalb einen Vorteil zu haben. Sie gelten zudem als Angstgegner, da ihre Attacken anders wahrgenommen werden und zudem schwerer einzuschätzen sind. Dieser psychologische Aspekt zeigt Wirkung vor allem bei Sportarten, in denen Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau antreten. Linkshänder können vor allem in diesen Sportarten erfolgreicher sein. In anderen dagegen wie beim Schwimmen oder Billardspielen lässt sich kein erhöhter Anteil an Linkshändern feststellen, denn dort bringt die Linkshändigkeit keine Vorteile. Insgesamt ist jedoch bewiesen, dass Linkshänder nicht per se sportlicher sind als Rechtshänder.

Die Zahl der Linkshänder steigt in den letzten Jahren. Stimmt!

Den Ergebnissen einer Langzeitstudie zufolge, die am University College London (UCL) durchgeführt worden ist, steigt die Anzahl der Linkshänder in den letzten Jahren stetig an. Die Forscher beziffern den Anstieg von drei auf gegenwärtig elf Prozent. Als Begründung wird angeführt, dass heute immer weniger Links- zu Rechtshändern umerzogen werden. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass ältere Frauen häufiger Linkshänder gebären als jüngere. Schwedische Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft dazu führen, dass sich die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit dominanter linker Hand zu bekommen, um 30 Prozent steigt. Der Experte für Linkshänder Frank Steinkopf vertritt eine andere These und behauptet: "Jeder zweite Mensch ist Linkshänder". Allgemein wird bisher von 10 bis 15 Prozent Linkshändern in der Gesamtbevölkerung gesprochen.

Linkshänder haben ein erhöhtes Risiko, irgendwann in ihrem Leben kriminell zu werden. Falsch!

Dieser Mythos ist auf der Grundlage von mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen entstanden, die ergaben, dass sich unter Kriminellen prozentual mehr Links- als Rechshänder befinden. Bei genauer Betrachtung der Untersuchungen allerdings, waren die Ergebnisse nicht haltbar. In den Untersuchungen wurden methodische Mängel festgestellt. Wissenschaftler aus Frankreich wollten herausfinden, ob die Linkshändigkeit einen evolutionären Vorteil haben könnte. Dafür untersuchten sie die Mordstatistiken von Naturvölkern, denen keine Feuerwaffen zur Verfügung standen, die in Auseinandersetzungen also mit bloßen Händen agierten. Die Forscher stellten fest, dass der Linkshänderanteil in Gegenden mit vielen Morden tatsächlich überproportional hoch war. Etwas erschrocken von ihren Ergebnissen empfahlen die Wissenschaftler diesbezüglich dringend weitere Untersuchungen. Ein Beweis für das erhöhte Risiko für Linkshänder, kriminell zu werden, ist das allerdings nicht.

Linkshänder sterben früher. Falsch!

Linkshänder können genauso lange leben wie Rechtshänder. Bei einer Untersuchung der US-amerikanischen School of Humanities and Social Sciences wurden insgesamt 1277 Menschen im Alter zwischen 65 und 100 Jahren bezüglich ihrer Händigkeit beobachtet. Die Forscher stuften daraufhin 6,9 Prozent aller Probanden als Linkshänder ein. Weitere 10,3 Prozent der Studienteilnehmer erzählten, dass sie in ihrer Kindheit von der linken zur rechten Hand wechseln mussten. Das sehen die Forscher auch als einen der Gründe an, weshalb es mehr Rechtshänder im hohen Alter gibt als Linkshänder. Doch auch noch im Erwachsenenalter passten sich einige an die Rechtshänderwelt an. Vor allem Frauen wechselten erfolgreich zur rechten Hand. So führt die höhere Lebenserwartung von Frauen außerdem zu mehr Rechtshändern im fortgeschrittenen Alter. Die weitreichenden Maßnahmen zur Umerziehung ist also schuld daran, dass es unter den 100-Jährigen nur noch einen geringen Teil – in der Studie drei Prozent - an Linkshändern gibt.

Quelle: n-tv.de