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Kurzschluss im Gehirn: Rund 270.000 Menschen erleiden pro Jahr in Deutschland einen Schlaganfall.
Kurzschluss im Gehirn: Rund 270.000 Menschen erleiden pro Jahr in Deutschland einen Schlaganfall.(Foto: imago/Science Photo Library)

Workaholics leben gefährlich: Überstunden steigern Schlaganfall-Risiko

Die Deutschen sind Überstunden-Europameister. In keinem anderen Land wird außerhalb der regulären Arbeitszeit so viel geschuftet. Für Workaholics können Wochenarbeitszeiten von mehr als 40 Stunden allerdings richtig gefährlich werden.

Lange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für einen Schlaganfall deutlich. Die Gefahr für einen Herzinfarkt steigt dagegen allenfalls mäßig. Das zeigt die bislang größte Übersichtsstudie zu diesem Thema. Demnach steigert ein Arbeitspensum ab 55 Stunden pro Woche die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls um etwa 33 Prozent und das Risiko für eine koronare Herzerkrankung um 13 Prozent. Das berichtet ein internationales Forscherteam um den Epidemiologen Mika Kivimäki vom University College London im Fachblatt "The Lancet".

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Die Wissenschaftler werteten Dutzende Studien aus Europa, Australien und den USA aus, bei denen mehrere Hunderttausend Berufstätige über durchschnittlich sieben bis acht Jahre beobachtet wurden. Die Analyse der Resultate ergab, dass das Schlaganfallrisiko zunahm, wenn die wöchentliche Arbeitszeit das normale Pensum von 35 bis 40 Stunden überschritt. Im Vergleich dazu war die Gefahr bei Menschen, die zwischen 41 und 48 Stunden arbeiteten, um 10 Prozent gesteigert. Bei 49 bis 54 Stunden lag es um 27 Prozent höher, ab 55 Stunden dann um 33 Prozent. Dies galt für Männer und Frauen gleichermaßen.

Herzinfarkt-Risiko steigt kaum

Auf die Gefahr einer koronaren Herzerkrankung war der Einfluss langer Arbeitszeiten dagegen mit 13 Prozent überraschend gering. Bei der Analyse der Daten berücksichtigten die Forscher auch andere Einflussfaktoren wie Alter, Rauchen, Gewicht, Bewegung oder den sozioökonomischen Status. Den gesundheitsschädigenden Effekt von Vielarbeit erklären sie vor allem mit Stress und körperlicher Inaktivität bei vielen Berufen.

"Das Sammeln aller verfügbaren Studien zu diesem Thema erlaubte uns, den Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen präziser zu untersuchen als je zuvor", so Kivimäki. "Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollten sich darüber bewusst sein, dass lange Arbeitszeiten mit einer deutlich erhöhten Gefahr eines Schlaganfalls einhergehen und vielleicht auch einer koronaren Herzerkrankung."

Urban Janlert von der schwedischen Universität Umea spricht angesichts des enormen Umfangs der Studie von einer Pionierarbeit, welche die bislang klarste kausale Verbindung zwischen Mehrarbeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen belege. Überstunden seien kein unbedeutendes Phänomen, schreibt Janlert. "In allen OECD-Ländern arbeiten durchschnittlich 12 Prozent der berufstätigen Männer und 5 Prozent der berufstätigen Frauen mehr als 50 Stunden pro Woche. Dass die Länge eines Arbeitstages ein wichtiger Faktor für Schlaganfall und vielleicht auch für koronare Herzerkrankung ist, ist ein bedeutendes Resultat."

Arbeitspensum schwankt zwischen Ländern

Die Arbeitsbelastung von Berufstätigen schwankt zwischen verschiedenen Ländern: In der Türkei arbeiten Janlert zufolge 43 Prozent der Beschäftigten mehr als 50 Stunden, in den Niederlanden dagegen weniger als 1 Prozent. In Deutschland liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten laut Statistischem Bundesamt bei 41,5 Stunden.

"Die Studie ist hochinteressant", sagt der Siegener Experte Prof. Martin Grond vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. "Der Zusammenhang zwischen langen Wochenarbeitszeiten und einem erheblich erhöhten Risiko für einen Schlaganfall stellt auch für uns Neurologen eine Überraschung dar. Denn Workaholics wurden bislang als Risikopatienten eher für einen Herzinfarkt gesehen." Vor allem angesichts der großen Teilnehmerzahl schätzt er das Resultat als glaubwürdig ein. Nun müssten zusätzliche Studien klären, welche Faktoren im Einzelnen dazu beitragen, betont Grond und nennt als Beispiele etwa Stress, Schlafmangel, Bluthochdruck, Salz- oder Alkoholkonsum. "Die Ergebnisse sollten gerade Vielarbeiter motivieren, zusätzliche Risikofaktoren zu meiden und ganz besonders auf eine gesunde Lebensweise und einen adäquaten Ausgleich zu achten."

Quelle: n-tv.de

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