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Flüchtlinge müssen häufig lange warten, bis sie professionellen Sprachunterricht bekommen - bis dahin können Laien helfen.
Flüchtlinge müssen häufig lange warten, bis sie professionellen Sprachunterricht bekommen - bis dahin können Laien helfen.(Foto: picture alliance / dpa)

Laien als Lehrer: Wie man Flüchtlingen Deutsch beibringt

Überall in Deutschland sind Willkommensinitiativen entstanden, die Flüchtlingen unter anderem Deutsch beibringen wollen. Können Laien das überhaupt? Und worauf sollten sie achten?

n-tv.de: Was muss man können, um als Laie sinnvoll Deutsch zu unterrichten?

Giulio Pagonis ist Juniorprofessor am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg.
Giulio Pagonis ist Juniorprofessor am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg.(Foto: Uni Heidelberg)

Giulio Pagonis: Es ist nicht zu erwarten, dass sich der Laie in sprachwissenschaftliche und didaktische Theorien einliest, bevor er mit der Sprachvermittlung beginnt – ich denke aber, dass dies auch nicht nötig ist, jedenfalls nicht, solange es um die Vermittlung einer kommunikativen Grundkompetenz im Deutschen geht und die Gruppe der Lerner überschaubar ist. Laien können Sprache vielleicht nicht im klassischen Sinne unterrichten. Sie können aber Bedingungen schaffen, die den eigendynamischen Erwerbsprozess des Lerners unterstützen.

Wie funktioniert das konkret?

Zunächst braucht man eine ungezwungene und vertrauensvolle Atmosphäre ohne Leistungsdruck. Außerdem muss der Sprachgebrauch authentisch sein: Im Unterricht sollte Sprache zum Austausch relevanter Informationen gebraucht werden und möglichst an das Interesse der Lerner anknüpfen. Drittens sollte man dem Lernenden so viele Parallelinformationen wie möglich liefern, die es ihm erleichtern, die neue Sprache grob zu verstehen, also Gestik, Mimik, Bildmaterial und ähnliches mehr. Viertens ist es natürlich wichtig, eine wenig komplexe, leicht verständliche Sprache zu benutzen. Bei alledem sollte der Lehrkraft bewusst bleiben, dass Spracherwerbsprozesse nur allmählich verlaufen und Fehler unvermeidbare Merkmale eines erfolgreichen Spracherwerbs sind!

Unter den Flüchtlingen sind Menschen, die Englisch sprechen und lateinische Buchstaben schreiben können, aber auch Erwachsene, die ihre Muttersprache nicht schreiben können. Wie schwer ist es, solchen Menschen eine Fremdsprache beizubringen?

Wenn ein Lerner bereits in seiner Muttersprache alphabetisiert ist, wird ihm der Erwerb einer neuen Schriftsprache generell leichter fallen. Allerdings spielt auch das Schriftsystem der Herkunftssprache eine wichtige Rolle: Lernern mit einem lateinischen Schriftsystem fällt der Erwerb der deutschen Schrift leichter als Lernern mit anderen Alphabetschriften wie zum Beispiel dem Arabischen.

Wichtig: eine ungezwungene und vertrauensvolle Atmosphäre.
Wichtig: eine ungezwungene und vertrauensvolle Atmosphäre.(Foto: picture alliance / dpa)

Bei Analphabeten besteht das Problem unter anderem darin, dass in der Sprachvermittlung nur mündlich vorgegangen werden kann. Der Einsatz von Schrift ist traditionellerweise aber eine zentrale Komponente des Sprachunterrichts, weil sie dazu geeignet ist, gerade jugendlichen und erwachsenen Lernern sprachliche Strukturen bewusst zu machen.

Wie lange dauert es, bis ein Erwachsener eine Fremdsprache so gut erlernt hat, dass er im Alltag zurechtkommt?

Die Altersfaktorforschung zeigt, dass Lerner, die in jungem Alter mit dem Erwerb einer weiteren Sprache beginnen, mit höherer Wahrscheinlichkeit eine hohe Kompetenz erlangen als Lerner, die mit dem Erwerb der gleichen Zweitsprache erst im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter beginnen. Das bedeutet aber nicht, dass der Erwerbsprozess bei erwachsenen Lernern auch langsamer vonstatten geht, im Gegenteil: Einige Studien deuten darauf hin, dass die Erwerbsgeschwindigkeit bei älteren Lernern höher ist als bei Kindern, dass dieser rasche Prozess aber eben früher stoppt als bei Kindern.

Wie lange es dauert, bis eine funktionale Alltagskompetenz erreicht ist, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab: der Erstsprache des Lerners, der Intensität des Kontaktes zu Sprechern des Deutschen, der Motivation des Lerners. Unter guten Bedingungen kann schon nach drei bis fünf Monaten mit einem Kompetenzniveau gerechnet werden, das eine elementare Sprachverwendung ermöglicht.

Gibt es genug Fachkräfte, die in den nächsten Monaten und Jahren dafür sorgen können, dass professioneller Sprachunterricht in ausreichender Zahl für Geflüchtete angeboten wird?

Wenn man an die besonderen sprachlichen Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen an den Schulen denkt, dann sicher nicht: Die Sprachanfänger von heute sind die sprachschwachen Schülerinnen und Schüler von morgen. Zwar ist mittlerweile erkannt worden, dass eine Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit sprachlich heterogenen Schulklassen notwendig ist. Die ergriffenen Maßnahmen, etwa in der Lehreraus- und -fortbildung, reichen aber nicht aus. Der bisweilen erwogene Rückgriff auf pensionierte Deutschlehrer, wie in diesen Tagen verschiedentlich zu lesen, spiegelt diesen eklatanten Mangel wider.

Mit Giulio Pagonis sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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