Leben

"Wir brauchen den Meta-Blick" Alt werden - gerne, alt sein - nein danke

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Im Idealfall lernen Generationen voneinander und geben sich gegenseitig Hilfestellung.

(Foto: imago images/Westend61)

Falten akzeptieren? In der Leistung nachlassen? Grenzen erkennen? Nicht mit uns! Wenn ein 85-Jähriger heute auf den Kilimandscharo will und das nicht klappt, dann ist eher sein Orthopäde schuld als sein Alter. Und wenn man - oder frau - ein Kompliment erhält wie "Du siehst echt nicht aus wie 55", dann freut das die Person ungemein, zahlen sich all die Produkte, die innerlich und äußerlich angewendet werden, doch tatsächlich aus. Also: Alt werden - ja gerne. Aber so aussehen und sich so verhalten? Bitte nicht! Ein Widerspruch, oder? Woher das "Forever Young"-Streben kommt und wie man es schafft, aus dieser Falle - denn nichts anderes ist das - herauszukommen, erklärt Generationenforscher Rüdiger Maas im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Wir wollen immer älter werden, aber am Ende dann doch nicht alt sein - ein Dilemma, oder?

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Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe und Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie.

Rüder Maas: Allerdings, ein ganz großes Thema! Jemand, der seine Vergangenheit leugnet, negiert damit auch sein Erfahrungswissen. Vorbilder, die bestimmte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht haben, gibt es aus dieser Perspektive dann nicht. Der Widerspruch darin, immer jung bleiben zu wollen, ist eigentlich nur noch philosophisch zu beantworten.

Haben Sie als Generationenforscher eine Antwort darauf gefunden?

Ich bin dabei (lacht). Seit vielen Jahren stellen wir fest, dass unsere Rollenbilder immer jünger werden. Früher waren Vorbilder mindestens ein paar Jahre älter - jetzt schauen wir zu den Jüngeren. Übrigens sind Vorbilder tendenziell auch immer eher weibliche Personen. Aber was auffällig ist: Eltern übernehmen immer mehr von ihren Kindern.

Inwiefern?

Rüdiger Maas

Maas hat Psychologie und Philosophie studiert. Seit 2012 erforscht er Kohorten- und Gruppenverhalten sowie generationenbedingtes Verhalten. Er gründete das Institut für Generationenforschung, dessen Schwerpunkt auf der gegenseitigen Beeinflussung der Generationen liegt.

Kinder geben seit einigen Jahren vor, was gut ist, was "angesagt" ist.

Das ist ein kompletter Rollentausch ...

Genau. Wenn wir mal in Deutschland bleiben: Die glücklichsten Menschen sind die über 60-Jährigen, die unglücklichsten sind jünger als 25. In der Regel sind wir, wenn wir in die Rente gehen, noch relativ fit und können unser Leben leben. Wir können sogar einiges nachholen, wenn wir meinen, etwas verpasst zu haben. Die heutigen Großeltern sind viel fitter als die Großeltern vor 60 Jahren, da ist ein ganz großer Umbruch bei vielen Themen zu verzeichnen. Der unbedingte Drang, jung zu sein, führt seit einiger Zeit jedoch dazu, dass wir unsere altersbedingten Grenzen gar nicht mehr wahrnehmen. Und dazu, dass wir diese Altersgrenzen als solche nicht akzeptieren. Eine ältere Person, die versucht, das Verhalten jüngerer Personen zu kopieren, wirkt aber nicht authentisch.

Wie wirkt sich das aus?

Wenn wir uns selbst nicht altersadäquat verhalten, geht der Bezug zu denjenigen verloren, die eigentlich von unserem Erfahrungsschatz lernen könnten. Es ist infolgedessen nun völlig normal, dass Eltern ihre Kinder bei Tiktok sehen und versuchen, dann selbst mitzumachen. Es ist oldschool, analoge Gedanken zu haben. Eltern verlieren dadurch ihre Vorbildfunktion und können ihren Kindern keine Hilfestellungen geben. Indem wir aus dieser einseitigen Perspektive die Welt betrachten, verlieren wir die Fähigkeit, Situationen und andere Menschen aus der Meta-Ebene zu betrachten. Genau das, was Kinder manchmal brauchen: ihnen ein Korrektiv für ihre Verhalten zu bieten.

Das klingt nicht klug ...

Hinzu kommt, dass viele Verhaltenswerte, die sich Ältere in der analogen Welt angeeignet haben, ja überhaupt keinen Bestand mehr für den digitalen Nachwuchs haben, der da aufrückt. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Menschen, die in der DDR groß geworden sind, haben das Gefühl, dass ihnen nach der Wiedervereinigung die Geschichte genommen wurde. Das heißt im Umkehrschluss: Alles, was passiert ist, ist nicht mehr relevant, weil niemand mehr in dieser Welt lebt, sondern in einer anderen. Und so passiert das den Älteren gerade: Es geht alles rasend schnell, Ältere können die digitale Welt nicht mehr so wahrnehmen, und dann laufen sie hinterher. Nur das Erfahrungswissen der Jungen zählt in dieser Welt - und deswegen haben wir den Drang, immer jünger bleiben zu wollen.

Wenn aber die Glücklichsten über 60 sind und die Unglücklichsten unter 25, wie Sie es gerade gesagt haben, warum sind dann diese Unglücklichen das Maß aller Dinge?

Interessant, oder? Das wird in der Gesellschaft ja nicht so wahrgenommen, da wir über die sozialen Medien nur die perfekte Welt einer Person gespiegelt bekommen. Allerdings haben wir keinen wirklich relevanten Vergleich dazu, wie es Jugendlichen vor 20 oder 40 Jahren genau ging. Wir wissen nur, dass Depressionen immer häufiger werden und dass diese Kurve rasant ansteigt. UNICEF hat im "Worlds of Influence"-Bericht herausgefunden, dass ein Viertel der Kinder hierzulande keine hohe Lebenszufriedenheit aufweist.

Man will das Alter also nicht wahrhaben …

Na ja, viele Ältere entdecken nochmal ein zweites Leben, machen Fernreisen, die Kinder sind aus dem Haus und wenn dann irgendetwas nicht mehr geht, setzt Frustration ein.

Kurze küchenspychologische Theorie von mir: Die Generation der Menschen, die im Zweiten Weltkrieg erwachsen war, wurde zu großen Teilen sehr alt, viele über 90 Jahre. Die Generation derer, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, wird oft gerade mal 80. Und wenn, dann hat die Generation Krebs, leidet an Demenz, stirbt an Herzinfarkt und schlechten Blutwerten. Die haben als Baby, als Kind, im Mutterleib vielleicht schon, im Bombenhagel im Luftschutzbunker gesessen, Mangelernährung gelitten und keine Väter gehabt. Oder kriegskaputte Väter. Ist da eine ganz andere Struktur in deren DNA, eine viel anfälligere?

Rückschlüsse über die Entwicklung von Genen zu machen ist nicht möglich. Aber die sogenannte "Stille Generation" weist eine andere Prägung auf: Sie mussten mit sehr wenig zurechtkommen und diese Lebensweisen behalten sie ihr ganzes Leben bei. Diese Generation kennt Verzicht und Mangel. Die schneidet eher den Schimmel vom Brot oder Käse, als dass sie etwas wegschmeißt. Da gibt es also klare Mangelerscheinungen, nicht nur körperlicher Natur, die lang nachwirken. Das ist ein ganz anderer Aspekt, aber: Diese Generation ist meiner Meinung nach die nachhaltigste Generation, die wir haben, egal, wie reich diese Menschen geworden sind. Die tragen ihre Kleidung länger, stellen das Wasser schneller ab und drehen die Heizung eher runter. Der Krieg und der Mangel waren sehr prägende Erlebnisse.

Dann ist es so, dass ein Mehr an Dingen, an Erlebnissen, uns jetzt in unserer übersättigten Gesellschaft gar nicht mehr glücklich macht?

Genau. So wachsen die Kinder und Jugendlichen jetzt auf. Es gibt nichts, was man als junger Mensch heute nicht bekommen kann. Dadurch wird aber vieles auch entwertet. Ältere haben das wenige, was sie hatten, lange hochgehalten und wichtig gefunden. Es hat dann auch mehr Freude bereitet.

Wird der Egoismus im Alter eigentlich größer? Nimmt die Empathie ab, weil der Blick nur noch für einen selbst reicht im Angesicht der verstreichenden Zeit? Will man seine Altersgenossen beispielsweise gar nicht mehr unbedingt treffen, weil die einem einen Spiegel vorhalten?

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Ein Mehr an Nähe, an echter Nähe, ist wünschenswert.

(Foto: imago images/Westend61)

Wir haben gesamtgesellschaftlich betrachtet zwei Strömungen, die wir durch alle Generationen hinweg sehen können. Da ist einmal die extreme Ich-Bezogenheit, was Sie eben mit Empathielosigkeit wahrscheinlich meinten, in der analogen Welt und dann diese pseudovernetzte, digitale Welt, die durch ihr ständiges digitales Kommunizieren keine Empathie fördert, sondern genau das Gegenteil. Das wissen wir aus Studien, dass die Empathie dadurch abnimmt, denn ich muss mich nicht mehr direkt mit meinem Gegenüber auseinandersetzen. Und wir beobachten gesamtgesellschaftlich seit mehreren Jahren ein Phänomen: das Abklingen der Ambiguität.

Das heißt: Wir sind intoleranter geworden …

Ja, wir lassen eine zweite, eine andere Meinung einfach nicht zu. Es gibt nur noch die eigene Meinung. Die andere wird sofort schlechtgeredet. Es gibt einfach keinen Dialog mehr, was zur Folge hat, dass niemand mehr die Perspektive des anderen einnimmt. Das ist nicht nur bei den Alten so, das gilt auch für Jüngere.

Wie gehen wir also vor?

Dass wir uns dieser Tatsache mal wieder bewusst werden, damit fängt es an. Wir haben uns überdies so abhängig gemacht von der Digitalisierung, dass wir nicht so einfach rauskommen.

Jetzt bitte etwas Positives ...

(lacht) Was ich mir wünsche, ist, dass Eltern die digitale Welt ernster nehmen und ganz analog ein Auge auf ihre Kinder haben. Aber auch, dass sie ihre Kinder mehr loslassen, dass alle miteinander eine Resilienz aufbauen können. Dass wir innehalten. Dass wir die digitale Welt aus Effizienzgründen nutzen und nicht aus Langeweile. Man kann wieder lernen, dass auch die analoge Welt spannend ist.

Ein Beispiel?

Nicht alles mit dem Smartphone festhalten! Die Welt einfach mal genießen. Wenn ein Vater 2000 Fotos von seinem zweijährigen Kind auf dem Handy hat, dann ist klar, dass er 2000 Momente mit seinem Kind hatte, die er nicht wirklich bewusst erlebt. Das Smartphone drängt sich nämlich in den Moment und zieht die Aufmerksamkeit der Beteiligten ab, was dazu führt, dass der Moment weniger bewusst erlebt wird. Hinzu kommt: Wenn eine 50-Jährige an ihre Kindheit denkt, dann hat sie Bilder von Situationen im Kopf. Da man sich als Kind nicht alles lückenlos merken kann, wird ein bisschen etwas dazugedichtet, anderes weggelassen, ein eigenes Bild entsteht in Gedanken. Die zukünftigen 50-Jährigen können dagegen genau nachschauen, was sie gemacht haben, als sie 4, 12 oder 18 waren, es ist ja auf dem Handy gespeichert. Die Fantasie wird den Kindern genommen, diese Gedächtnislücken zu schließen, die haben dann eine viel rationalere und objektivere Sichtweise auf die Welt - und das ist nicht förderlich für die Empathie, ganz im Gegenteil. Gleichzeitig nimmt so auch die Kreativität ab.

Klingt furchtbar. Was unternehmen wir dagegen?

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Was wir machen müssen: Digitalisierung mit Augenmaß. Wir hinken unserer Entwicklung durch die hohe Geschwindigkeit im Netz quasi schon jetzt hinterher. Wir vergessen, dass unterschiedliche Generationen unterschiedliche Anforderungen haben. Wir müssen uns um die Jüngsten und die Älteren mehr kümmern und sie wahrnehmen.

Ein Wort noch in eigener Sache - was ist mit den Mittelalten?

(lacht) Keine Frage, die befinden sich in einem unglaublichen Spannungsfeld - die müssen sich um die Jungen und die Alten bemühen: Kaum sind die Kinder ausgezogen, müssen sie sich allerdings um ihre Eltern kümmern. Das ist ein Phänomen unserer Zeit. Genau wie der gesellschaftliche Druck, der auf uns lastet.

Der sich wie bemerkbar macht?

Früher haben wir uns zum Beispiel nicht ständig mit allen anderen verglichen - heute sehen wir ständig in den sozialen Medien, dass A in Dubai ist und B am Nordpol, wir dagegen gerade nur zu Hause. Das macht unzufrieden, wir verlieren uns und lassen uns mehr fernsteuern, als uns bewusst ist. Was wir brauchen, ist der Meta-Blick. Zudem müssen wir lernen, mehr zuzuhören! Auch mal eine andere Meinung akzeptieren, das sollten wir lernen, das ist eine gute Basis für gegenseitiges Verständnis des anderen.

Mit Rüdiger Maas, über dessen Arbeit Sie hier mehr erfahren können, sprach Sabine Oelmann

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 20. Februar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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