Leben

Psychiater über die Corona-Angst "Klarmachen, dass die Pandemie vorbeigeht"

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Abstand zu anderen zu halten, liegt nicht in der Natur des Menschen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Weil jeder Mensch ein Träger von Sars-CoV-2 sein kann, ist die Gefahr der Ansteckung allgegenwärtig. Verzicht auf Umarmungen und viel Abstand zu anderen sollen Maßnahmen sein, um die Gesundheit zu schützen. Doch dieses Verhalten widerspricht der menschlichen Natur. Was macht das mit der Seele und unserem Sozialverhalten? Psychiater und Stressforscher Professor Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner-Klinik in Berlin und Autor, erklärt, welche Auswirkungen die Verordnungen haben.

ntv.de: Seit März müssen Menschen lernen, sich zurückzuziehen und auf Abstand zu gehen. Seit Mai gibt es einige Lockerungen. Manche haben dennoch Angst, anderen Menschen zu begegnen. Woher kommt diese Angst?

Mazda Adli: Nun sind wir natürlich auch über Wochen darauf getrimmt worden, dass wir andere als potenzielle Infektionsträger ansehen, vor denen wir uns schützen müssen. Das Tragen von Masken und Abstand halten und so weiter gehören dazu, und diese Maßnahmen sind ja auch richtig. Die Angst ist gleichzeitig nachvollziehbar. Wir haben es bei dieser Pandemie mit einer für den Einzelnen unsichtbaren und schwer einschätzbaren Gefahr zu tun. Und das Einzige, was man weiß, ist, dass sie von anderen Menschen ausgeht. Richtig gewöhnen werden wir uns an die neuen Verhältnisse nicht ganz so leicht. Es ist vielleicht auch gut, dass wir nicht so schnell vergessen, wie das Normal-Verhaltensspektrum so ist. Ich glaube, dass wir, wenn wir die Pandemie bezwungen haben, dann auch relativ rasch zum Normalverhalten zurückkommen werden.

Welche Stressfaktoren sind es, die besonders beunruhigen?

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Da gibt es eine ganze Reihe. Es fängt damit an, dass unsere Alltagsabläufe im Vergleich zu vorher sehr verändert sind. Die Art, wie wir arbeiten, ist anders: Besprechungen, Lehre - all das ist entweder nicht möglich oder unter erheblichen Einschränkungen. Das soziale Leben ist nicht mehr so, wie es vorher war, denn wir sind eingeschränkt, unseren sozialen Kontakten in gewohnter Weise nachzugehen, beispielsweise miteinander zu feiern. Auch die Dinge, die normalerweise Stress abbauen, gehen derzeit einfach nicht. Theater sind zu, die Stadien sind zu, es gibt keine großen Konzerte. Das alles fehlt, und das belastet auch viele. Dazu kommt, dass viele Menschen zurzeit große finanzielle Schwierigkeiten haben. Solche existenziellen Sorgen nagen natürlich an der Seele.

Kann man auch einen dauerhaften Krisenmodus lernen?

Es ist bemerkenswert, wie viele Menschen die Regeln einhalten, die Masken tragen und die Distanzregeln wahren. Wir sind in der Lage, vieles zu akzeptieren, solange wir davon überzeugt sind und verstehen, welchem Wert das alles dient. Dafür ist aber wichtig, dass das auch immer wieder thematisiert wird. Jeder Einzelne muss verstehen, dass er mit seinem Schutzverhalten dazu beiträgt, dass die Pandemiemarker geringer werden. Wenn man merkt, dass man mit seinem eigenen kleinen Aktionsradius etwas bewirken kann, dann kann man auch viel hinnehmen.

Wir wissen nicht, wann ein Impfstoff kommt. Ist das die größte Angst, dass es noch lange dauern wird?

Natürlich ist das belastend, wenn wir nicht wissen, wie lange das alles noch geht. Gerade so ein Dauerstress, den wir als chronischen Stress bezeichnen, entsteht dann, wenn wir einer Belastung ausgesetzt sind, die ohne Aussicht auf Entlastung ist.

Wie ist denn die Verfassung der Menschen aus Ihrer Sicht?

Ich persönlich habe in Alltagssituationen den Eindruck, dass die Menschen gereizter sind als sonst. Am Anfang der Pandemie gab es eine große Welle von Solidarität, beispielsweise unter Nachbarn. Aber meine Sorge ist, dass sich die Gesellschaft unter dem Eindruck der Pandemie eher auseinanderlebt, denn wir müssen leider anderen Menschen aus dem Weg gehen. Auch das kleine Alltagsgespräch auf der Straße, zwischen Menschen, die sich nicht kennen, fällt weg. Das ist eigentlich ein ganz wichtiger Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Soziologen erklären das als Public Familiarity. Einfach ins Gespräch kommen geht eben nicht - und das macht sich bemerkbar. Ein weiteres Problem ist die Gefahr der sozialen Isolation vor allem bei den Alleinlebenden, bei alten, aber auch bei jungen Menschen. Wer alleine lebt und Kontaktbeschränkungen ausgesetzt ist, der fühlt sich häufiger einsam. Das betrifft nicht wenige Menschen - vor allem in den Großstädten, die Single-Hochburgen sind.

Nun gibt es viele Lockerungen. Macht uns das glücklicher?

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Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner-Klinik in Berlin, einer Ambulanz und Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.

(Foto: Fliedner Klinik Berlin / Annette Koroll )

Sicherlich ist das erleichternd. Aber wir dürfen uns immer noch nicht umarmen, was man eigentlich gerne macht, wenn man andere lange nicht mehr gesehen hat. Wir werden immer wieder daran erinnert, dass wir uns noch in einem großen Ausnahmezustand befinden. Und das kann uns auch traurig machen. Gleichzeitig sind viele auch zu locker oder zu sorglos, was dann im Sinne der Pandemiebekämpfung erst recht zum Problem wird und uns im Kampf gegen die Pandemie auch zurückwerfen kann.

Welchen Rat haben Sie für die weitere Zeit?

Es ist ganz wichtig, sich klarzumachen, dass diese Pandemie vorbeigeht. Ein Ende ist in Aussicht. Auch wenn es zeitlich schwer zu bemessen ist. Das ist auch eine wichtige Quelle von Hoffnung. Deswegen würde ich mir wünschen, dass in der allgemeinen und der politischen Kommunikation das Prinzip Hoffnung auch genährt wird, denn die Menschen können sich an Hoffnung auch stärken. Hoffnung gibt uns emotionale Kraft. Damit meine ich nicht, dass wir die Pandemie negieren, sondern aufzeigen, was wir alle bereits geschafft haben durch das Einhalten von Schutzmaßnahmen. Hoffnung gibt Kraft. Und Kraft und Resilienz können wir derzeit wirklich gut gebrauchen.

Mit Professor Mazda Adli sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de