Leben

Corona in der Pflege Besuchsverbote treffen Demente hart

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Eine schwierige Situation für alle Beteiligten.

(Foto: imago images/photothek)

Seit Mitte März galt in Pflegeeinrichtungen ein Besuchsverbot. Demenzerkrankte leiden besonders unter dieser Regelung. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft fordert, die kürzlich beschlossenen Lockerungen jetzt zügig umzusetzen.

Seit Anfang der Woche klingelt das Telefon wie verrückt, sagt Sigrun Sahmland. Sie ist Pflegedienstleiterin in einem Heim der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg, in dem auch 38 Demenzerkrankte leben. Angehörige der knapp 200 Bewohner haben seit diesem Donnerstag die Möglichkeit, wieder Besuche zu machen und rufen reihenweise an, um Termine zu vereinbaren. Es ist das erste Mal, dass dies möglich ist, seitdem das Besuchsverbot Mitte März in Kraft trat.

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Die Schutzmaßnahmen einzuhalten ist nicht immer einfach.

(Foto: imago images/photothek)

"Für die Angehörigen war diese Zeit sehr belastend, sie haben zum Teil täglich angerufen und sich erkundigt, wie es ihren Lieben geht. Dass sie sie nicht sehen konnten, hat viele frustriert", sagt Sahmland. Nun hat die IT-Abteilung des Berliner Heims einen neuen Kalender aufgesetzt, um die Terminflut zu koordinieren. Nur vier Personen pro Stunde können gleichzeitig Angehörige im Seniorenheim besuchen. "Jeder Bewohner durfte zu Beginn zunächst nur einmal wöchentlich für eine Stunde Besuch empfangen - deutlich weniger als zuvor. Mittlerweile können die Bewohner auch täglich von jeweils einem Angehörigen besucht werden, solange dann nicht mehr als vier Besucher gleichzeitig im Heim anwesend sind."

Bei den Demenzerkrankten komme erschwerend hinzu, dass eine Betreuungskraft die Besuche begleiten und darauf achten müsse, dass der Abstand eingehalten wird, so Sahmland. Das sei nicht immer einfach. "Demente leben im Moment, viele verstehen die Situation nicht oder vergessen gleich wieder, was man ihnen erklärt hat. Manche tolerieren den Mundschutz nicht, sie verstehen den Sinn natürlich nicht", sagt Sahmland.

Die Einrichtung, in der Sahmland arbeitet, ist eine derer, die schnell auf die bundesweiten Lockerungen reagiert haben, die in der Bund-Länder-Konferenz vom 6. Mai vereinbart wurden. Nach dieser neuen Regelung darf jeder Bewohner einer Pflegeeinrichtung Besuch von einer wiederkehrenden Person empfangen, solange die Schutzmaßnahmen eingehalten werden und es keinen Corona-Fall in seiner Einrichtung gibt. Nicht alle haben das schon umgesetzt.

Viele Einrichtungen rigoroser als nötig

Denn die Verantwortung dafür, wann und wie Besuche stattfinden können, liegt bei den Ländern. Wie sich das Vorgehen einzelner Bundesländer unterscheidet, hat der BIVA-Pflegeschutzbund hier zusammengestellt. Zum föderalen Flickenteppich kommt einer zwischen den einzelnen Einrichtungen, denn jeder Träger setzt das Konzept anders um. In Deutschland leben rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz, die meisten von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Besonders für sie war das Besuchsverbot eine harte Belastung - denn sie verstanden in den meisten Fällen nicht, warum sie ihre Angehörigen plötzlich über Wochen nicht sehen konnten.

Doch auch seitdem das Besuchsverbot gelockert wurde, hat sich bei vielen Pflegeheimen noch wenig getan. "Viele Einrichtungen sind nicht gewillt, Besuche zu gestatten, selbst dort, wo es die Leitlinien auf Landesebene erlauben. Das mag mit der Sorge um das eigene Personal und einer Angst vor der Ausbreitung des Virus zu tun haben, ist aber ethisch in dieser Rigorosität nicht mehr zu rechtfertigen. Angehörige und Demenzerkrankte brauchen eine Perspektive, eine Zusage, ab wann Besuche wirklich wieder möglich sind", sagt Susanna Saxl, Sprecherin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

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Berührungen sind so wichtig - und momentan kaum möglich.

(Foto: imago images/Martin Wagner)

Demenzerkrankte treffe das Besuchsverbot besonders hart, viele empfinden ein Verlassenheitsgefühl oder werden aggressiv. "Uns erreichen auch Rückmeldungen, dass Angehörige um Zustimmung gebeten werden, die Patienten in der Psychiatrie medikamentös einzustellen, da sie ohne Beruhigungsmittel nicht mehr kontrolliert werden können. Eine Sedierung mit Psychopharmaka erhöht aber das Mortalitätsrisiko und macht die Demenz noch schlimmer", sagt Saxl.

Der Pflegenotstand und die Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie potenzierten sich zudem und machten die ohnehin sehr problematische Situation demenzerkrankter Heimbewohner zum Teil untragbar, so Saxl. Besonders da, wo Angehörige bei der Körperpflege und Essensgabe halfen, weil das in manchen Einrichtungen personell sonst nicht in einem angemessenen Umfang geleistet werden konnte, fürchteten viele nun, dass ihre Verwandten verwahrlosen oder sogar zu wenig zu essen bekommen.

Kommunikation mit Dementen

Hinzu kommen neue Herausforderungen bei der Kommunikation mit dem Pflegepersonal. Demente sind besonders auf Berührungen angewiesen und lesen in der Mimik ihres Gegenübers - all das fällt nun weg, die Schutzmasken erschweren freundliche Interaktionen zusätzlich. Was können Angehörige tun, wenn sie wieder Besuche abstatten dürfen? "Menschen mit Demenz, die Rituale und feste, wiederkehrende Situationen brauchen, verunsichert die Situation", sagt die Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin Jo Eckardt. Ihr Buch "Gespräche bei Demenz und Alzheimer" widmet sich dem Thema, wie man mit Dementen kommuniziert. "Ich habe kein Patentrezept, wie man erklären kann, warum man nicht mehr zu Aktivitäten nach draußen darf oder die Enkel nicht mehr kommen", sagt sie. "Das kommt immer darauf an, wie viel die erkrankte Person noch verstehen kann. Aber Tenor ist immer: Ja, es wäre schön, wenn wir das jetzt machen könnten, aber leider geht es gerade nicht. Aber es gibt andere schöne Dinge, die wir tun können, und wir bemühen uns darum, dass die liebgewordenen Gewohnheiten bald wieder möglich sein werden. Ich bin auf jeden Fall hier für dich da und kümmere mich um alles", sagt sie.

Eckardt betont außerdem, dass es für Angehörige auch wichtig sei, für sich selbst gut zu sorgen. Wer sich überfordert, werde am Ende sonst selber krank - und die Zeiten der Pandemie seien für alle schwierig. "Geduld ist nicht leicht, wenn alles still steht und man vielleicht auch existentielle Sorgen hat. Vielleicht können Menschen mit Demenz in dieser Situation sogar uns "Gesunden" etwas beibringen: Im Moment zu leben, das zu genießen, was wir gerade tun, und uns nicht zu sehr um die Zukunft zu sorgen", sagt Eckardt.

Quelle: ntv.de