Leben

"Wir sind da!" "MISS YOU" - wir vermissen euch, Künstler!

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Kunst - wir reiben uns an ihr, wir regen uns auf, wir erfreuen uns - aber immer regt Kunst zum Denken an.

(Foto: Tobias Kruse/ Ostkreuz )

Susanne Rockweiler hat ein Projekt initiiert, das die Kunst, die momentan hinter verschlossenen Türen ein trostloses Dasein fristet, nach draußen holt. Es sind Fotografien von Künstlern und Künstlerinnen, die wir vermissen. Die uns vermissen.

Zwei Worte: "MISS YOU". Zwei Worte, die ausdrücken, was wir alle momentan empfinden: Wir vermissen "uns" - alle gegenseitig. Um da zumindest ein bisschen Abhilfe zu schaffen und auch ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, hat Susanne Rockweiler sich etwas ausgedacht - eine Fotografieausstellung inmitten der Stadt, die Künstlerinnen aller Genres zu den Menschen bringt. Die Bilder zeigen Schauspielerinnen, Musiker und Tänzer sowohl des etablierten Kulturbetriebs als auch der freien Szene - an Orten fernab ihres Publikums. Wie sollte es auch anders gehen in Zeiten der Pandemie?

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Katharina Thalbach hatte 2020 eine Rieseninszenierung des "Orient-Express" in der Mache ....

(Foto: Maurice Weiss/ Ostkreuz )

Auf Leuchtwänden, zum Beispiel an Bushaltestellen, sind ab dem 2. März so bekannte Größen wie Katharina Thalbach, Lars Eidinger, Anne Imhof, Thomas Struth, Max Raabe und Cristina Gómez Godoy zu sehen. Aber auch weniger bekannte aus den Bereichen Jazz, DJ, Choreografie, Musikproduktion und Puppenspiel blicken uns in vorerst drei Städten Deutschlands entgegen. Die Ausstellung signalisiert: Wir vermissen euch und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.

Sie zeigt auch: "Wir gehören zusammen", so Susanne Rockweiler zu ntv.de am Telefon. Die Wahl-Berlinerin, Initiatorin und Kuratorin der Open-Air-Ausstellung war in den vergangenen Jahren unter anderem als stellvertretende Direktorin am Haus der Kunst in München und am Martin-Gropius-Bau in Berlin tätig. Jetzt also Ausstellungen inmitten von Großstädten. Ihr Kollege Jürgen Reiche und sie wollen damit möglichst alle Menschen berühren.

"Die Vorstellung, dass wir im Augenblick nicht in Ausstellungen gehen können, die schmerzt", sagt Rockweiler. "Die Vorstellung aber, dass Menschen sich jetzt überlegen, welche "MISS YOU"-Fotografien sie sich bewusst angucken wollen, die tröstet." Denn natürlich wird man durch Zufall dem einen oder anderen Gesicht begegnen, aber es gibt eben auch eine Road-Map, in der die Orte verzeichnet sind, an denen bestimmte Künstler nun leise vor sich hin leuchten - uns nachdenklich oder freundlich, traurig oder ermunternd angucken. Jeder kann sich seine Gedanken machen.

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Susanne Rockweiler: "Kunst ist mehr als Unterhaltung. Kunst zeigt andere Perspektiven."

(Foto: imago stock&people)

Rockweiler glaubt, dass "MISS YOU" die Gesellschaft mitten ins Herz trifft, nicht nur wegen der eindringlichen Fotos. Auch, "weil es in zwei Worten ausdrückt, was viele empfinden", so die Kuratorin. Auf der einen Seite sind da die Künstler, die ihr Publikum vermissen - und ihre Arbeit generell, die sie zu großen Teilen nicht mehr ausüben können - und auf der anderen Seite ist da das Publikum, das seine Künstler vermisst. Das Publikum, das die Kunst vermisst - das Theater, das Kino, die Konzerte. Den Abend, auf den man sich schon lange vorher freut, für den man sich schick macht, an dem man vorher essen geht und hinterher in eine Bar. Das Festival, das tagelang glücklich macht. Und Arbeit für so viele Menschen bringt.

Im Griff des Lockdowns

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Aya Okomura

(Foto: Jordis Schroeder/ Ostkreuz)

All diese Leute werden vermisst und all diese Leute vermissen uns - den Kunstkonsumenten. Immer wieder in diesem letzten Jahr wird uns bewusst, dass der Kultur-Lockdown uns alle fest im Griff hat. Wir spüren, welche Bedeutung Kultur für uns hat, wie wichtig soziale Kontakte, Gespräche, Gedanken sind, die über alle Sparten der Künste hinaus gehen. Tatsächlich haben wir uns über Jahrzehnte in einem unermesslichen Reichtum bewegt, von dem wir alle oft genug mit großer Selbstverständlichkeit profitieren konnten.

So viele Ausstellungen, Konzerte oder Schauspielabende haben wir besucht, in der Annahme, dass es immer so weiter geht. Man konnte bildende Kunst genießen oder sich an ihr reiben, sich der Musik hingeben oder von starken Performances mitreißen lassen. Das alles ist seit mittlerweile einem Jahr nicht mehr möglich. Susanne Rockweiler fragt sich, fragt uns: "Wäre es vor diesem Hintergrund nicht wünschenswert, an die Menschen zu erinnern, die für uns alle diesen Reichtum geschaffen haben?"

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(Foto: Maurice Weiss/ Ostkreuz )

Informationen findet man auf Instagram und auf der Website: "Alles ein bisschen Low Budget vielleicht", ergänzt sie lachend, "aber vielleicht auch deswegen sehr charmant und direkt." Durchaus wichtig zu erwähnen ist, dass Kunst, vor allem nicht nach einem Jahr der fast vollkommenen Lähmung, einfach so und umsonst passiert. Es stehen Leute dahinter, Menschen, die ihr Herzblut geben und Menschen, die Geld geben. In diesem Fall sind es die Wall AG, die Klaus-Groth-Stiftung und Siemens. Man darf sich nämlich durchaus fragen, warum es Unternehmen gibt, die Veranstaltungen sponsern. Geht es da um Eitelkeiten? Geschäfte? Oder vielleicht doch um etwas anderes? Vielleicht darum, dass es Unternehmer gibt, die Kultur durchaus als systemrelevant erachten und sie nicht - wie in so vielen Fällen - fallen lassen wie manch ein Politiker eine heiße 'Kartoffel. "Der Input des Siemens Arts Programs ist vielleicht insofern interessant, als man in Deutschland immer noch selten operative Kunst- und Kulturtätigkeit im Rahmen von Unternehmen findet. Die Besonderheit ist aber, dass Kreative, Selbständige und Kulturschaffende immer wieder eine große Rolle für unser Unternehmen gespielt haben", beantwortet Stephan Frucht, Artistic Director des Siemens Arts Program, die Frage von ntv.de.

Immer optimistisch bleiben!

"Kreativität und Fortschritt sind unverzichtbare Bestandteile der eigenen DNA, und wir vermissen die freischaffenden Künstler und Künstlerinnen, weil wir sie dringend brauchen." Und Frucht findet einen Vergleich, der nachdenklich macht: "Gäbe es in der modernen Medizin nur noch angestellte Klinikärzte und keine selbständigen Praxen, Haus- oder Facharzt-Praxen mehr, wäre unsere Versorgung massiv gefährdet. Ohne die freien Künstler ist das ähnlich: Ohne sie bleibt für viele nur die "Betäubung" am Bildschirm."

Als gelernter Geiger und Dirigent weiß Frucht, dass es auf das Zusammenspiel ankommt. "Ich begrüße daher sehr, dass "MISS YOU" sich solidarisch mit allen Formen der Kunst zeigt und keine Einzelinteressen vertritt." Kunst und Kultur sind für Frucht systemrelevant: "Wenn man sich einmal klarmacht, dass europaweit mehr Menschen in der Kultur- und Kreativwirtschaft als beispielsweise in der Chemischen Industrie arbeiten, dann wird deutlich, was für Ausmaße das Unterlassen von Kunst inzwischen angenommen haben muss."

"MISS YOU" thematisiert über die Grenzen der Genres hinweg die aktuelle Situation der "freien Kunstszene" - auf sehr emotionale Weise. "Deswegen steht auch auf allen Bildern ganz groß der Name der Ausstellung sowie die Namen der Fotografen", erklärt Susanne Rockweiler. Die Fotografie-Agentur "Ostkreuz" hat diese Aufgabe gern übernommen und porträtiert die Gezeigten in ihren Ateliers, Proberäumen oder in der Küche. Auch die Agentur hat eine besondere Geschichte: Sie hat sich 1990 nach dem Vorbild der legendären Fotoagentur Magnum genossenschaftlich formiert. Statt Einzelkämpfertum wird dort ein gegenseitiges Stärken in unsicheren Zeiten gepflegt - daher zählt "Ostkreuz" zu den wichtigsten Fotoagenturen Deutschlands.

Auch die Fotografierten stehen namentlich auf dem Bild. Beispielsweise Lars Eidinger, selbst fotografisch unterwegs und eh Medien- und Publikumsliebling, er postet seit Tagen auf Instagram. Eidinger hat vor kurzem Julian Schnabel in seiner Instagram-Story zitiert, der, unabhängig von "MISS YOU", auf den Punkt bringt, worum es geht: "Meine Bilder muss niemand verstehen. Es geht nicht um den Verstand, sondern um Gefühle. Wenn Menschen Kunst anschauen, müssen sie einfach nur fühlen. Und zwar ihre eigenen Gefühle, nicht meine. Das ganze verdammte Kunstwerk ist tot, bis jemand davor steht und es anschaut." So ähnlich sieht das auch Susanne Rockweiler: "Die Hauptaussage der Fotos ist: "Wir sind da."

Die Summe aller Künstler und Künstlerinnen ist es, die etwas bewirken kann. Um das Ganze abzurunden, bleibt zu hoffen, dass andere Städte die Bilder ebenfalls ausstellen, und eines Tages wird es vielleicht auch ein Buch zur Ausstellung geben. "Vielleicht sogar eine "richtige" Ausstellung", überlegt Susanne Rockweiler fast träumerisch, "mit kostenlosem Eintritt, damit es erlebbar für alle sein wird." Daran arbeitet die fleißige Kuratorin - und so wie es bis jetzt aussieht, dürften die Sterne gut stehen. "Momentan haben wir ja einen Ausstellungsstau", gibt Rockweiler zu bedenken. "Da muss eine Menge nachgeholt werden, aber ich bin optimistisch." Und Optimismus ist letzten Endes das, was wir alle wirklich dringend brauchen.

Die Aufnahmen werden in großen, hinterleuchteten Vitrinen im Stadtbild Berlins und zeitgleich in Hamburg und Baden-Baden vom 2. bis 16. März zu sehen sein.

Quelle: ntv.de

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