Leben

Feministische Comics mit Humor So sieht man Frauen nur selten

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Brüste sind natürlich wichtig, aber nicht so, wie viele denken.

(Foto: Carlsen Verlag/Lisa Frühbeis)

Wer meint, Frauen schon in all ihren Facetten und Rollen gesehen zu haben, der sollte das in "Busengewunder" überprüfen. Die Comic-Serie bricht sämtliche Tabus, die es über das weibliche Geschlecht (noch immer) gibt. Allen voran: Dass Feminismus nicht humorvoll sein kann.

Volle, rot geschminkte Lippen, ein tiefer Ausschnitt, der Busen so groß wie zwei Melonen: Frauen in Comics gleichen meist einem übertrieben dargestellten Rollenbild. Nicht so in "Busengewunder". Protagonistin Lisa trägt kein Make-up, hat Haarstoppeln an den Beinen und zwei Halbkreise als Brüste. Mit viel Selbstironie nimmt sie Leser in kurzen Episoden in ihren Alltag mit, die von alltäglichen Herausforderungen, gesellschaftlichen und biologischen Hürden der Frau handeln.

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Zwei Jahre lang erschien die feministische Comic-Kolumne von Lisa Frühbeis im Berliner "Tagesspiegel". Jetzt hat sie ihre Werke in einem Sammelband veröffentlicht. Die Autorin und Zeichnerin heißt ebenfalls Lisa. Das ist kein Zufall, denn die einzelnen Episoden handeln von ihren persönlichen Erfahrungen als junge Frau und gesellschaftskritischen Fragen, wie: Warum müssen weibliche Nippel durch lästige BHs verdeckt sein und männliche nicht? Wieso ist Frauenbehaarung (immer noch) eklig, obwohl Männer sie auch haben? Dabei schafft es Frühbeis mit jeder Episode, Ungleichheiten von Männern und Frauen humorvoll und verständlich grafisch darzustellen, ohne dabei mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen.

Stattdessen liegt Frühbeis viel daran, erst mal Verständnis für die Situation als Frau zu bekommen, erzählt sie im Gespräch mit ntv.de. Oft seien den Zeichnungen heftige Gespräche vorangegangen. Sie habe schnell gemerkt, dass Männer in eine Verteidigungshaltung übergehen, wenn man sie mit ihren Privilegien konfrontiert. "Sie denken schnell, sie hätten etwas falsch gemacht", sagt Frühbeis. "Dabei würde es schon reichen, wenn sie die Probleme anerkennen und nicht gutheißen". Mit den Comics könne auf alltagssexistische Situationen aufmerksam gemacht werden, ohne dass sich Männer davon angegriffen fühlen.

Tabuthemen gibt es noch immer viele

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Lisa Frühbeis wundert sich und zeichnet dann.

(Foto: Carlsen Verlag/Alain Francois)

Dabei schreckt Frühbeis nicht vor gesellschaftlichen Tabus zurück, wie etwa Menstruation, weiblicher Körperbehaarung oder dem Pinkeln im Freien. Zwar wurde dank der #Metoo-Bewegung viel über Sexismus diskutiert und geschrieben, sagt Frühbeis. Doch wer denkt, zu dem Thema sei mittlerweile alles gesagt, der irrt. Noch immer gibt es viele Dinge, über die in der Gesellschaft nicht öffentlich gesprochen wird. "Über alles, was der biologische Mann nicht hat: Eine Scheide und die Dinge, die damit in Verbindung gebracht werden." Zum Beispiel die Periode, der weibliche Orgasmus, Fehlgeburten.

In einer Episode malt Frühbeis "The Bloody Circle of Life" (Der blutige Kreislauf des Lebens). Dabei beschreibt sie nicht nur die Schmerzen von Menstruationskrämpfen, sondern liefert auch die biologischen Erklärungen dafür: Testosteron (das Powerhormon) und Östrogen (das Glückshormon) sorgen nach der Periode für eine gute Stimmung, intensive Orgasmen und viel Energie. Nach dem Eisprung sorgt der anschließende Hormonabsturz für schlechte Stimmung und intensive Emotionen. Progesteron gibt dem Körper dann den Rest: Depression, Angst und Gewichtszunahme sind die Folge. Dann gehen die monatlichen Blutungen mit Uteruskrämpfen und Müdigkeit wieder von vorne los. Wer das weiß, verkneift sich das nächste Mal vielleicht den Spruch: "Was ist denn mit dir los, hast du etwa deine Tage?"

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Für das weibliche Genital gibt es mehr Kosenamen als so mancher weiß.

In einer anderen Episode malt Frühbeis verschiedene Kosenamen für die Genitalien von Frauen und Männern. Insgesamt 45 Bilder. Dazu stellt sie die Frage: Wie viele der Wörter auf der männlichen Seite können töten? Wie viele Wörter auf der weiblichen Seite schließen etwas Wertvolles weg? Beispiel Männer: Schwert, Prügel, Rute. Frauen: Schatztruhe, Muschel, Schmuckkästchen. In jeder Episode, an der Frühbeis etwa eine Woche gearbeitet hat, widmet sie sich einem anderen Thema. Doch jedes Mal stellt sie die oft in Comics vorherrschenden, männlichen Wunschfantasien infrage und setzt ihnen starke und alternative Frauenfiguren entgegen.

"Die Geschichten langweilen mich"

Ob Frühbeis mit ihren feministischen Kolumnen einen Bildungsauftrag erfüllt, weiß sie selbst nicht. Für sie war der monatliche Comic, der noch vor #Metoo im Tagesspiegel gestartet ist, ein Ventil für ihren Frust. Die gebürtige Münchnerin ist Quereinsteigerin in der Comic-Szene und hat die Zeichnungen zunächst nur für sich gemacht. Mittlerweile erreicht sie im Internet und in der Zeitung eine große Leserschaft und hat sich einen Namen in der feministischen Comic-Szene gemacht. Sie gewann unter anderem den Joseph Binder Merit Award, eine internationale Auszeichnung für Illustrationen.

Ein Thema ärgert Frühbeis seit ihrer Kindheit aber besonders: Das Bild von Frauen in den Köpfen der Menschen. Eine große Rolle spiele dabei, wie Frauen visuell in den Medien dargestellt werden. Neben der Tatsache, dass sie unterrepräsentiert sind, werden sie oft auf eine ganz bestimmte Weise gezeigt. Egal ob auf Plakaten, in der Werbung, im Comic - die Körperhaltung und Mimik ist immer ähnlich, sagt Frühbeis. Sexualisiert auf ihren Körper, passiv in der Haltung, schwach im Wesen.

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Auch nehmen Frauen in Geschichten und Filmen stets die gleichen Rollen ein. "Da gibt es vier klassische Stereotypen: Die Hure, die Mutter, die kleine Schwester, die Heilige", sagt Frühbeis. Bei Männern dagegen gebe es mehr Vielfalt. Den Narren, den lustigen Clown, gibt es beispielsweise nur bei Männern. Die "Schlampen"-Rolle nur bei Frauen. Viele Filme könne Frühbeis deswegen gar nicht mehr schauen. "Die Geschichten langweilen mich ohne Ende, auch wenn der Film sonst gut gemacht ist." Dass sie damit den Zorn vieler Filme-Liebhaber auf sich zieht, hat Frühbeis schon oft erlebt. "Vielen ist ihr Privileg gar nicht klar, so eine facettenreiche mediale Repräsentation zu haben."

Mittlerweile sind die Rollenbilder aber nicht mehr ganz so starr - den weiblichen Clown gibt es immer öfter - doch dominieren sie noch immer. Frühbeis freue sich, dass sich inzwischen immer mehr Geschichten Problemen abseits männlicher Protagonisten widmen, und damit die stereotypen Rollen aufgebrochen werden. "Busengewunder" trägt dazu in der Comic-Welt bei. Und die Reaktionen ihrer Leser sind von Frauen sowie Männern positiv: Sie haben etwas gelernt oder sich verstanden gefühlt.

Quelle: ntv.de