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Neurotische Strukturen Eine schrecklich stinknormale Königsfamilie

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Leute wie du und ich: die britischen Royals

(Foto: AP)

Die Äußerungen von Herzogin Meghan nebst Gatten und die Reaktionen darauf sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. An ihnen können die Widrigkeiten der modernen Welt exemplarisch aufgezeigt werden, etwa der Glaubenskrieg, wer nun recht hat.

Man musste glauben, dass Oprah Winfrey bis zu diesem Interview noch nie von Rassismus gehört hat. Nach ewiger Sprechpause, in der sie so tat, als müsse sie sich sammeln und den tiefen Schock über das soeben Gehörte verdauen, brachte sie endlich ein "What" heraus, halb Frage, halb Ausruf. Dazu fiel die Kinnlade fast auf den Schoß, die Mimik vermittelte größtmögliche Empörung. Meghan Markle, die angeheiratete Herzogin von Sussex mit amerikanischen Wurzeln, schwieg, um ihre Verletztheit der ganzen Welt zu zeigen: Ja, es gibt Rassismus im englischen Königshaus. Schweigen. Jawoll, auch und selbst dort. Noch mehr Schweigen - bevor der laute Sturm der Entrüstung losbrach.

Diese Szene ist ein Mikrokosmos des Zeitgeistes mit all seinen guten und schlechten Seiten. Hier zeigt sich die empörte, selbstgerechte, aber auch hellwache, hypersensibilisierte Gesellschaft, die alles auf die Goldwaage legt und sofort Schlüsse zieht, obwohl niemand außerhalb der Königsfamilie "die Wahrheit" kennt, die es ohnehin nicht gibt, weil sie nur Produkt subjektiver Wahrnehmung der direkt Beteiligten sein kann. Vorurteile sind schnell bestätigt, Urteile rasch gesprochen: Selbstverständlich ist da eine Egoistin zugange, die (angeblich) ihre missratene Schauspielerkarriere aufpäppeln will, freundlich in die Kamera lächelt und ihrem Gatten die Hand tätschelt, wenn es noch trauriger als traurig wird. Ohje, dieses Leiden.

Die Mutmaßungen münden gewohnheitsmäßig - auch das will der Zeitgeist so - in einer verbalen Schlacht und bald in einem Glaubenskrieg. Da ist der Moderator, der verkündet: "Ich würde ihr nicht glauben, wenn sie den Wetterbericht vorliest." Da ist die Tennisspielerin, die über "meine selbstlose Freundin Meghan" zu berichten weiß: "Ihre Worte belegen den Schmerz und die Grausamkeit, die sie erfahren musste." Da ist der andere Prinz, der der Öffentlichkeit mitteilt: "Wir sind keine rassistische Familie." Irgendwie stimmt alles - es hängt schlicht und einfach vom Standpunkt und Erleben der- oder desjenigen ab, die oder der sich erklärt.

Sie, hochverehrtes Publikum, dürfen entscheiden, wem Sie glauben wollen. Selten hat sich eine Familie vor einem Milliardenpublikum auf der ganzen Welt derartig ausgebreitet und tiefe Einblicke in ihr Zusammenleben und ihr Nicht-Zusammenleben zugelassen, wie es die Windsors gerade tun - und das, obwohl ein Teil fast komplett still bleibt und sich lediglich in zarten Andeutungen äußert wie, die Rassismusvorwürfe "sehr ernst" zu nehmen. Alles andere wäre auch ein Skandal. Es sollte Trost für alle sein, die sich mit ähnlichen Sorgen rumplagen, lehrt uns doch diese britische Vorzeigesippe: Reichtum ist tatsächlich nicht alles im Leben, er schützt nicht vor Depression, Einsamkeit und anderen inneren Leiden.

Lauter ganz banale Wesen

Noch viel besser: Die Queen, William, Kate, Harry, Meghan und all die anderen Prinzen, Herzoginnen etc. sind auch nur eine schrecklich stinknormale Königsfamilie. Sie sind wie wir alle: banale Wesen, die sich zanken, beschimpfen, anpissen, denunzieren, ärgern - gefangen in mehr oder weniger neurotischen Strukturen, die sich im Laufe eines Lebens entwickeln und zuweilen für miese Stimmung sorgen. Wer einen so bekloppten Vater wie Meghan hat, muss sich nicht wundern, im Erwachsenenalter schräg zu werden. Da kann der Typ Hunderte Male die Hand ausstrecken und ultimativ ein Gespräch fordern, wie es Mr. Thomas Markle getan hat - seine Tochter wird nicht zugreifen, sondern eher draufspucken. Und versuchen, woanders zu finden, was ihr die Eltern nicht oder ungenügend gegeben haben. So läuft das - auch in Königsfamilien.

Vergessen Sie nicht: Die innere Not der Herzogin von Sussex ist real. Das Problem ist, dass ihre Außenwelt sie nicht oder kaum wahrnimmt - außer natürlich Harry, der Gatte, der nah dran ist und eine Mutter hatte, die ebenfalls emotional unter den starren Konventionen des Königshauses litt. Ein Prinz auf Wiedergutmachungsmission. Was meiner lieben Mama, bekannt als Lady Di, widerfahren ist, soll dir, meine geliebte Gemahlin, nicht passieren. So funktionieren symbiotische Beziehungen, die schon mal mit Radau zerbrechen können, wenn einer von beiden ausbricht.

Man liest, Meghan hätte wissen können, was sie erwarte. Einmal Googeln hätte gereicht. Und vom Schicksal von Prinzessin Diana, ihrer toten Schwiegermutter, hätte sie doch wissen müssen. Das stimmt. Aber die Wirklichkeit ist nun mal noch viel schrecklicher als das Internet. Da kommt eine Schauspielerin aus den Vereinigten Staaten von Amerika und nimmt Platz am Tisch der wichtigsten Familie des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, die über Jahrhunderte ihre Macht auch durch das Regulieren von Emotionen sicherte, wie es bis bei Adelsgeschlechtern die Norm ist. Das muss man erst einmal aushalten.

"Hühnergasthof" als Ausdruck von "Authentizität"

Die Herzogin von Sussex hat es nicht geschafft und auf ihre Weise dagegen rebelliert, was Selbstgerechtigkeit, Manipulation und Aggression eingeschlossen haben dürfte. Sie wird gedacht haben: Ihr seht nicht, was ich brauche, gebt mir nicht das, was ich benötige, um happy zu sein - und wenn doch, reicht es nicht. Dafür verabscheue ich euch. Es wundert jedenfalls nicht, dass Mobbing-Vorwürfe gegen die Frau erhoben werden. Manipulatives Verhalten aus innerer Not heraus, passiert täglich millionenfach. Kein Kavaliersdelikt, aber auch kein schweres Verbrechen.

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Vermutlich hat die Herzogin tatsächlich Selbstmordgedanken gehabt, weil der Gedanke an Erlösung verlockend war. Ob sie ihren Sohn und Mann wirklich allein gelassen hätte? Wohl kaum. Das macht es nicht besser. Wer so düster denkt, hat es auch schon früher getan. In Krisensituationen - siehe Corona - kommt zum Vorschein, was sonst im Innern eines Menschen gärt. Dass niemand das Leiden der Meghan Markle bemerkt haben soll, ist schwer zu glauben. Aber Hilfsangebote, die es sicher im Rahmen des unter Adligen Möglichen und Erlaubten gab, fielen in ein schwarzes Loch. In so einer Situation kriegt man schnell etwas in den falschen Hals - all das kann zum Clash führen.

Das Paar hat sich für Flucht entschieden. Im Oktober sagte Meghan Markle: "Wenn man ein authentisches Leben führt, weiß ich nicht einmal mehr, ob man es noch als Risiko bezeichnen kann. Man macht einfach, was richtig ist." Das klingt nach Kalenderblatt, so kann man sich das Leben schönreden. Authentizität heißt heutzutage - längst nicht nur in derlei Kreisen -, einen "Hühnergasthof" einzurichten, nach dem Sohn zu benennen und sich dafür zu feiern, ein paar Hennen aus einer Legebatterie zu "retten". Wenn es glücklich macht - dann gerne.

Quelle: ntv.de

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