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Entzauberung eines Sex-Märchens "Grey" stopft Ingwer in Hinterteile

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"Grey" ist ein Buch für Fans von "Fifty Shades of Grey". Aber nur für die ganz eingefleischten.

(Foto: ame)

Alles ist erlaubt, nichts muss: Fesseln, Peitschen, egal. Die "Fifty Shades of Grey"-Bücher haben die Sicht der Welt auf das verändert, was man wohl härteren Sex nennt. Mit der Stimme des legendären Christian erzählt "Grey" die alte Geschichte neu.

So lässig wie die Autorin E. L. James hat lange keine Frau mehr Geld mit Erotik verdient: am heimischen Küchentisch, voll bekleidet - vermutlich. Dieser Tatsache könnte es geschuldet sein, dass die Bücher ihrer "Fifty Shades of Grey"-Trilogie gern als Mutti-Porno abgewatscht werden. Wer sich sonst online erregen lässt, den schocken Fesselspiele eben nur noch bei wenigstens einer Handvoll Beteiligten und denkbar überfüllten Körperöffnungen. Tatsache ist: Die "Fifty Shades"-Schmöker begeisterten Millionen. Nachdem nun der Hype um den ersten Kinofilm abgeebbt ist, wirft James ein neues Buch aus ihrem Sex-Kosmos auf den Markt.

"Grey - Fifty Shades of Grey as Told by Christian" erzählt die Geschichte der schüchternen Studentin Anastasia Steele und des erfolgreichen Jungunternehmers Christian Grey. Nochmal. Denn wie er sie zur Sexsklavin machen will und sie ihm Gefühle einimpft, das stand bereits in den ersten Büchern. "Grey" enthält die gleichen Dialoge, den identischen E-Mail-Wechsel zwischen den Protagonisten und auch denselben Sex-Vertrag. Sogar die Szenenfolge entspricht den Vorgängerbüchern, nur führt dieses Mal nicht "Ana, nur Anas" Stimme durch die Handlung, sondern die des imposanten Christian.

Er mag sie "verfügbar"

So beeindruckend ist der übrigens gar nicht. Ein bisschen denkt er wie ein Hund: an Essen - gern auch das, was seine Partnerin runterwürgen soll - und eben an Sex. Geschälter Ingwer passt hier zu Anus wie ein zärtliches Ziepen zu Schambehaarung. Was man eben von jemandem erwartet, der eine junge Frau bei der ersten Begegnung in beruflichem Rahmen gedanklich nicht nur auszieht, sondern gleich ordentlich vermöbelt.

Gegenüber seiner Angestellten nennt Christian Anastasia die "kleine Miss Steele", nachdem er sie entjungfert hat, "Bambi" - niedlich, oder? Für den sagenumwobenen Christian Grey sind Frauen putzige Püppchen, denen man sagen muss, wann sie zu essen oder sich das nasse Haar zu trocknen haben. Frauen bringen Christian Grey "nur selten zum Lachen". Er mag sie in Röcken, er mag sie "verfügbar". Das konnte man ahnen, ja. Aber bis zu "Grey" wusste man es nicht sicher.

"Ich werde dich nie wieder schlagen"

"Grey" liest sich nicht mehr wie eine Liebesgeschichte, sondern wie ein Thriller, in dem ein Serienstraftäter sein nächstes Opfer umkreist. Fast hört man seinen schnaufenden Atem. Keine zwei Minuten kann Anastasia den Raum verlassen, ohne dass Christian sie in den Armen eines anderen vermutet. Ob sie bei Männern die gleichen Vorlieben hat wie bei Tee - schwarz und schwach?

Was aus Anastasias Perspektive als Fantasie stehen durfte, wirkt aus Christians Sicht deswegen unbehaglich, weil Männer wie er real sind. Meistens fliegen sie keinen Helikopter und sie sehen auch nur selten verdammt gut aus. Dafür senden auch sie die Blumensträuße mit Kärtchen, auf denen steht: "Ich werde dich nie wieder schlagen". "Fifty Shades of Grey" war ein Märchen, "Grey" liest sich, als müsse die Geschichte ohne Happy End auskommen. Wenn ein Typ Marke "Grey" anklopft: Beine in die Hand!

Ein Psychopath zum Bemitleiden

Mit "Grey" gibt sich James die Chance, ihren umstrittenen Charakter neu zu erklären. Das Buch ist voll von emotional aufgeladenen Rückblendesequenzen: Christian als Kind einer "Crack-Nutte", missbraucht von deren "Pimp", Christian als Heranwachsender, der lernt, was eine liebevolle Familie bedeutet. Je leichter es aber wird, Christian zu verstehen, desto weiter müssen sich Fans von ihrer lieb gewonnenen Heldin Anastasia entfernen.

James' Rechtfertigungsversuche gelingen - doch wieso sich eine junge Frau jemals auf Christian Grey einlassen sollte, das versteht nun niemand mehr. Wie die Ausgangs-Trilogie ist auch das Spin-Off-Buch keine literarische Hochleistung. Im Gegensatz zu den Vorgängerromanen fehlt "Grey" jedoch die fesselnde Leichtigkeit, mit der Anastasia Steele von ihren ersten erotischen Erfahrungen berichtete. Locker plappernde Naivität ist bitterer Ernsthaftigkeit gewichen.

Solange Christian Grey ein Mysterium blieb, durfte er als Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Fantasien der Leserinnen herhalten. Jetzt, wo rund 550 Seiten seine ekelhaften Gedanken enthüllt haben, kann er nicht länger die gequälte Seele sein, die die Unschuld lieben lehrte. "Grey" präsentiert Christian als tief gestörten Psychopathen, der vielleicht zu bemitleiden ist, den aber wirklich niemand retten will.

"Grey - Fifty Shades of Grey as told by Christian" erscheint am 21. August auf Deutsch.

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Quelle: n-tv.de

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