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"A Most Violent Year" Es geht ums Geschäft und um Gewalt

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Abel und Anna stehen vor dem Geschäft ihres Lebens - doch viele Probleme bedrohen ihren Traum.

(Foto: SquareOne/Universum)

Selten war die New Yorker Verbrechensrate höher als 1981. Die Stadt wird von Kriminalität und Verfall geprägt. Mittendrin kämpft ein Ehepaar um seine Existenz. Schon bald muss es sich fragen, ob moralische Regeln noch gelten.

J.C. Chandor ist der Regisseur der Krisen. Erst ließ er in "Margin Call" die Finanzmärkte zusammenbrechen. Dann ließ er Robert Redford in "All is Lost" mutterseelenallein auf dem Ozean havarieren. Und nun schickt er ein Ehepaar durch eines der gewaltsamsten Jahre, das New York je erlebt hat.

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Wie weit geht Abel, um seine Familie und sein Geschäft zu schützen?

(Foto: SquareOne/Universum)

"A Most Violent Year" spielt 1981, dem Jahr mit der bis dahin höchsten Verbrechensrate in der Geschichte der Stadt. Das macht sich immer wieder im Hintergrund bemerkbar, wenn Abel Morales (Oscar Isaac, "Inside Llewyn Davis") im Auto sitzt und die Nachrichten von Mord und Totschlag im Radio hört. Oder wenn er durch verlassene, verfallene Industrieanlagen joggt, die längst nicht mehr in Betrieb sind.

Eine Industrieanlage steht auch im Mittelpunkt des Films. Morales betreibt eine Heizölfirma und jenes Gebiet direkt am Fluss würde ihm einen ordentlichen Expansionsschub ermöglichen. Die erste hohe Anzahlung ist geleistet, der Rest muss innerhalb eines Monats folgen - sonst ist das gesamte Geld, sind alle Ersparnisse futsch.

Die Krise wirft moralische Fragen auf

Abel und seine Frau Anna (Jessica Chastain, "Interstellar") wissen um die Gefahr, aber sie sind optimistisch. Doch dann mehren sich Überfälle auf Tanklaster des Unternehmens. Ein Fahrer wird zusammengeschlagen, das Fahrzeug samt wertvoller Fracht gestohlen. Schließlich schleicht ein Bewaffneter um das Haus der Familie. Steckt die Konkurrenz dahinter, die ihn aus dem hart umkämpften Markt drängen will? Und welche Rolle spielt Staatsanwalt Lawrence (David Oyelowo, "Selma")? Er will Abel in dieser Angelegenheit nicht helfen. Stattdessen droht er ihm mit einer Klage wegen Preisabsprachen und Steuerhinterziehung.

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Krisenexperte Chandor inszeniert die Außenszenen in fahlem Licht, die Innenräume in Dunkelheit - es ist eine freudlose Zeit in der Geschichte New Yorks.

(Foto: SquareOne/Universum)

Wie schon in "Margin Call" treibt Chandor seine Hauptfiguren in die Krise, um ihr moralisches Verhalten auf die Probe zu stellen. Unternehmer Morales hält eigentlich nichts von schmutzigen Tricks. Doch die Überfälle, die Gewalt auf den Straßen, auch die juristischen Probleme bringen das Lebenswerk des ehrgeizigen Aufsteigers in Gefahr. Sie werfen Fragen auf: Soll er sich eine Waffe besorgen, um die Familie zu schützen? Bewaffnet er illegal seine Fahrer, um weitere Überfälle zu verhindern? Versucht er mit krummen Dingern, seine Firma zu retten? Immerhin erinnert sein Auftreten gelegentlich an einen schnieken Mafioso. Die Zeit läuft gegen ihn und auch sein Anwalt (Albert Brooks) bedrängt ihn, andere Wege zu gehen.

Verfall führt zu Gewalt und Gewalt nagt an der Gesellschaft, sie zerfrisst die moralischen Regeln. Der Film zeigt dies in ruhigen, fahlen Bildern, denen Licht und Farben abhanden gekommen sind wie der Gesellschaft ihre Ordnung. Es gibt zwar auch ein paar Actionszenen und eine intensiv gefilmte Verfolgungsjagd mit einem Tanklaster (eine der besten der letzten Kinojahre). Doch in der Behandlung der moralischen Fragen geht der Film langsam und subtil vor.

Gehört Betrug zum Geschäft?

Chandor ist ein genauer Beobachter, er spürt Zeitgeist und gesellschaftlichen Entwicklungen nach. Der Verfall ist dabei nie erdrückend, aber stets im Hintergrund präsent. Isaacs subtiles Spiel passt dazu. Bei einer Hausdurchsuchung versteckt er etwa die fraglichen Akten unter der Terrasse. Dann sitzt er auf den Kartons und allein sein Gesicht spiegelt seine inneren Gefühle. Diese Zurückhaltung in der Darstellung baut eine Spannung auf, die den Zuschauer hineinzieht in die Geschichte, weil man stets eine gewaltsame Explosion erwartet, eine Erlösung.

Dazu trägt auch Abels Frau Anna bei, die etwas Geheimnisvolles umgibt. Die Firma gehörte einst ihrem Vater, sie ist damit groß geworden und Betrug gehörte zum Geschäft. Nun führt sie die Bücher und scheint mehr zu wissen, als sie zugibt. Wie Isaac überzeugt auch Chastain mit einer sehr guten Leistung: Sie spielt Anna mit einer Mischung aus Geheimnis, Zielstrebigkeit und emotionaler Kälte.

Und Chandor gelingt ein sehr atmosphärischer Film, der gekonnt die Depression darstellt, die die brutalen 1970er-Jahre in den USA hinterlassen haben. Dass 1981 auch das Jahr ist, in dem Ronald Reagan seine Präsidentschaft antritt und einen Wirtschaftsaufschwung einleitet, spielt für die Protagonisten erstmal keine Rolle. Für sie geht es in erster Linie ums Überleben in einer gewalttätigen Stadt. Es entspricht dabei einer gewissen Ironie, dass Teile von "A Most Violent Year" in Detroit gedreht wurden, jener einstigen Wirtschaftsmetropole, die derzeit ihre schwerste Krise durchlebt.

"A Most Violent Year" startet am 19. März in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de