Kino

Ein Marsch verändert die USA "Selma" ist starkes Geschichtskino

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Martin Luther King (David Oyelowo) ist der charismatische Anführer der Bürgerrechtsbewegung - doch immer wieder überkommen ihn Zweifel.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

Lange hat Hollywood gebraucht für den ersten großen Spielfilm über Martin Luther King. Doch das Warten auf "Selma" hat sich gelohnt - wegen eines tollen Hauptdarstellers und der gelungenen Mischung von Geschichtsstunde und persönlichem Drama.

"Wenn Meryl Streep Margaret Thatcher spielen kann, dann kann ich Dr. King spielen", sagt David Oyelowo. Er hat eine treffende Antwort gefunden auf die Frage, warum er als britischer Schauspieler eine US-amerikanische Ikone des 20. Jahrhunderts darstellt: Martin Luther King. Tatsächlich ist "Selma" der erste große Film, der sich mit King befasst, was ein Wunder ist in einem Land, das sonst keine Scheu zeigt, seine Helden ausgiebig zu feiern.

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Die Beziehung von King und seiner Frau ist mitunter schwierig, weil er sehr oft nicht zu Hause ist.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

"Er war definitiv schon vor den Dreharbeiten ein Held für mich", erklärt auch Regisseurin Ava DuVernay im Gespräch mit n-tv.de. Doch ihr ging es nicht darum, die Ikone darzustellen. "Einen Film über ein Denkmal, einen Feiertag oder eine Rede zu drehen, ist nicht spannend", sagt sie. "Man muss ihn über den Mann machen." Das ist ihr gelungen. Ihr Film über die Protestmärsche von Selma ist eine packende Biografie, die nicht nur starke Bilder und mitreißende Reden zeigt, sondern auch Kings menschliche Seiten darstellt - und so neue Aspekte offenbart.

"King wird oft auf wenige Punkte reduziert: den Marsch auf Washington, die 'I have a dream'-Rede und seine Ermordung in Memphis", erklärt Hauptdarsteller Oyelowo im Gespräch. Die Kampagne in der Stadt Selma, um die es in dem Film geht, sei dagegen kaum bekannt, obwohl sie die erfolgreichste Aktion der Bürgerrechtsbewegung gewesen sei, zu einer Zeit, als King bereits Friedensnobelpreisträger war.

Ein blutiger Sonntag

Der Film beginnt mit der Verleihung jenes Nobelpreises Ende 1964. King ist auf der Höhe seiner Bedeutung angekommen, er gilt weltweit als Symbol des friedlichen Kampfes gegen Rassismus. Doch er hat auch immer wieder Zweifel. Der Druck, der auf ihm lastet, ist enorm. Aber der Kampf geht weiter, wieder wird Kings Hilfe benötigt - diesmal in Selma.

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Die filmische Darstellung von Präsident Lyndon B. Johnson wurde in den USA kritisiert - weil er nicht allzu gut wegkommt.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

Die kleine Stadt liegt in Alabama, wo ein besonders restriktives Wahlrecht Schwarze am Wählen hindert. So wird sie Anfang 1965 Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Bürgerrechtsbewegung und örtlichen Behörden. Parallel fordert King von Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) ein Gesetz, das die Einschränkungen für die Wählerregistrierung abschafft. Weil Johnson sich weigert, das Gesetz zu verabschieden, geht King nach Selma, um Druck auszuüben - so zumindest die Darstellung im Film, die von Historikern als falsch kritisiert wurde.

In Selma schaukeln sich die Ereignisse hoch. Bei einer Demonstration werden Dutzende Menschen verhaftet, darunter auch King. Bei einem weiteren Protest wird ein schwarzer Bürgerrechtler von Polizisten ermordet - es ist eine der beklemmenden Szenen, die den Rassismus darstellen. Doch die örtlichen Behörden bleiben stur und Präsident Johnson greift nicht ein. So planen King und seine Mitstreiter einen Marsch in Alabamas Hauptstadt Montgomery.

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Mit großer Härte geht die Polizei gegen die Demonstranten (hier Oprah Winfrey) vor.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

Der Tag des ersten Marsches geht als "Bloody Sunday", als blutiger Sonntag, in die Geschichtsbücher ein, weil Sicherheitskräfte äußerst brutal gegen die Demonstranten vorgehen - live übertragen im Fernsehen. Der Film findet dafür sehr starke Bilder, in denen die Menschen ziellos durch Tränengaswolken irren, niedergeknüppelt und beschossen werden. Hineingeschnitten sind Szenen, in denen landesweit Menschen die Fernsehbilder sehen und erschüttert sind: Die Ereignisse führen zu einem Umdenken und der Beteiligung vieler Weißer an den folgenden Märschen - denn der Kampf der Bürgerrechtsbewegung in Selma ist noch nicht beendet.

Das FBI spielt ein schmutziges Spiel

Doch dem Film geht es um mehr, als die damaligen Ereignisse nachzuzeichnen. Im Mittelpunkt steht King selbst - als Mensch, nicht als ikonischer Held. Auch Darsteller Oyelowo hat sich so der Figur angenähert: "Ich habe mich nicht auf das konzentriert, was wir bereits wissen, sondern auf das, was wir nicht wissen." So zeigt der Film King als Witzbold, der gerne mit seinen Freunden scherzt. Er zeigt ihn als Vater, der sehr oft nicht zu Hause ist, und als zweifelnden Menschen. Meist sind es kurze Szenen, einzelne Sätze, die diese menschlichen Aspekte einbringen, und doch entfalten sie zusammengenommen eine starke Wirkung.

Das gilt auch für die Beziehung Kings zu seiner Ehefrau Coretta (Carmen Ejogo). Gezielt versucht das FBI, die Eheleute auseinanderzubringen, um King zu zermürben. In einer intensiven Szene wird thematisiert, dass King seine Frau betrog. "Das ist bekannt, aber man spricht nicht gern darüber, wenn man bedenkt, wer er war und wofür er stand", sagt Oyelowo. Gleichzeitig sei dies jedoch eines der prägnantesten Beispiele dafür, wie menschlich er gewesen sei. "Frauen haben sich an ihn herangeschmissen", schließlich sei er ein charismatischer Mensch und bewunderter Anführer gewesen, erklärt der Darsteller.

Dieses Charisma stellt Oyelowo glänzend dar, wie er überhaupt den Film durch seine Präsenz prägt. Das gilt nicht nur für intime Szenen, sondern auch für die mitreißenden Reden. Es handelt sich allerdings nicht um die Originalreden. Kings Familie habe die Rechte nicht freigegeben, erklärt Regisseurin DuVernay. Diese liegen derzeit bei Steven Spielberg, der auch an einem King-Film arbeitet. Deshalb schrieb sie fiktive Ansprachen. Zudem änderte sie große Teile des ursprünglichen Drehbuchs und verschob den Fokus von den Auseinandersetzungen zwischen King und Präsident Johnson auf die Ereignisse in Selma und die Darstellung von King als Menschen.

Ein komplexes Bild der Umstände

Die Vermischung von privaten Momenten und der Darstellung der Proteste in Selma verleiht den Charakteren Tiefe und dem Film Dynamik. Eine gute Entscheidung ist es auch, die Handlung auf die Ereignisse in Selma zu konzentrieren und nicht Kings ganzes Leben darzustellen. So bleibt Zeit, ein komplexes Bild der Umstände und der Strategien der Figuren zu zeichnen. Weder die Bürgerrechtsbewegung noch ihre Gegner agierten als Block, es gab viele Stimmen - die von einem starken Ensemble dargestellt werden: Tim Roth etwa spielt Alabamas rassistischen Gouverneur George Wallace, Cuba Gooding, Jr., der Rapper Common und Wendell Pierce sind Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung, Co-Produzentin Oprah Winfrey spielt eine Schwarze, die bei der Registrierung zur Wahl gedemütigt wird.

"Selma" funktioniert als Geschichtsstunde und als persönliches Drama, auch wenn der Film am Ende - typisch amerikanisch - zu sehr ins Pathetische abgleitet und King ein übermenschliches Denkmal setzt. Für deutsche Zuschauer ergibt sich zudem das Problem, dass der Film Hintergrundwissen voraussetzt - über King, die Bürgerrechtsbewegung, aber auch den anhaltenden Rassismus in den USA. Ohne dieses Wissen wird der Film zwar nicht unverständlich, doch er verliert an Komplexität und an jener Brisanz, die die damaligen Ereignisse mit aktuellen Entwicklungen verbindet. Denn eins ist klar: Die Ziele der Bürgerrechtsbewegung sind noch lange nicht erreicht.

"Selma" startet am 19. Februar in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de