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"The Imitation Game" Wie Alan Turing die Deutschen besiegte

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Ein Mann und seine Maschine: Alan Turing (Benedict Cumberbatch) will den Enigma-Code knacken.

(Foto: SquareOne Entertainment)

Der deutsche Enigma-Code trieb die Alliierten im Zweiten Weltkrieg zur Verzweiflung. Erst der Mathematiker Alan Turing konnte ihn knacken. In "The Imitation Game" stellt ihn Benedict Cumberbatch brillant dar - als tragischen Helden.

"Ein streng geheimes Leben" lautet der Untertitel von "The Imitation Game", der Filmbiografie über Alan Turing. Streng geheim in zweierlei Hinsicht. Einerseits hatte der geniale Mathematiker entscheidenden Anteil daran, dass das britische Militär den geheimen Enigma-Code der deutschen Wehrmacht knackte - und so nach Meinung vieler Historiker den Zweiten Weltkrieg um einige Jahre verkürzte und Millionen Leben rettete.

Andererseits musste Turing stets seine Sexualität verheimlichen. Als Homosexueller wurde er in England verfolgt und verurteilt. Die vom Gericht erzwungene chemische Kastration, der sich Turing unterziehen musste, löste bei ihm Depressionen aus. Schließlich nahm er sich 1954, mit nur 41 Jahren, das Leben. Erst Jahrzehnte später entschuldigte sich die Regierung dafür, 2013 hob Königin Elizabeth II. das Urteil auf.

Arbeitstier, Genie, Eigenbrötler

Heldentum und Tragik lagen bei Turing stets nah beieinander. In "The Imitation Game" von Regisseur Morten Tyldum steht allerdings seine große historische Leistung im Vordergrund: Turing, großartig dargestellt von Benedict Cumberbatch, bewirbt sich 1939 nach seinem Studium der Mathematik am englischen Landsitz Bletchley Park, wo das britische Militär eine geheime Basis betreibt. Doch erst nach einigem Zögern wird er in das Team aufgenommen, das versucht, den deutschen Enigma-Code zu knacken, der der Wehrmacht einen entscheidenden Vorteil verschafft.

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Turing scheint unaufhaltsam - bis er der Spionage verdächtigt wird.

(Foto: SquareOne Entertainment)

Eingewöhnen kann sich der eigenbrötlerische Turing allerdings nur schwer. Zumal er einen anderen Ansatz verfolgt als die Mitstreiter: Turing will einen Apparat konstruieren, um den Code zu knacken, denn er glaubt, dass nur eine Maschine eine andere Maschine besiegen kann. Außerdem rekrutiert er über ein Kreuzworträtsel in einer Zeitung neue Mitarbeiter, darunter auch eine Frau: Joan Clarke (Keira Knightley), die ihn bald unterstützt.

Doch Turing werden immer wieder Steine in den Weg gelegt - sei es von den Kollegen, die seine arrogante Art ablehnen, sei es vom Vorgesetzten Alastair Denniston (Charles Dance). Der Mathematiker stürzt sich dennoch in die Arbeit, lässt sich von Rückschlägen nicht aufhalten - und verlobt sich sogar mit Joan, als die ledige Frau von ihren Eltern gezwungen wird, aus Anstandsgründen nach Hause zurückzukehren. So arbeiten beide weiter daran, den Code zu knacken. Bis Turing entdeckt, dass ein sowjetischer Agent im Team arbeitet und er selbst unter Spionageverdacht gerät.

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Turing ist von Joanes Intelligenz angetan.

(Foto: SquareOne Entertainment)

Ein Arbeitstier, ein Genie, ein skurriler Eigenbrötler: Turing erfüllt im Film so ziemlich jedes Klischee eines Wissenschaftlers. Vor allem zu Beginn wirkt seine Charakterisierung wie ein Abklatsch von Sheldon Cooper aus "The Big Bang Theory". Das ist sehr unterhaltsam, aber nicht ganz realistisch. Das gilt auch für andere Ereignisse im Film, die einige Historiker scharf als unwahr kritisiert haben.

Theoretische Sexualität

Nichtsdestotrotz zeigt Cumberbatch eine großartige Vorstellung als getriebener und exzentrischer Forscher, der die Welt um sich herum allzu leicht vergisst. Man fühlt sich stellenweise durchaus an seinen Sherlock aus der gleichnamigen Fernsehserie erinnert. Und auch wenn er zuletzt bei den Golden Globes gegen Eddie Redmayne unterlag, der kurioserweise mit Stephen Hawking einen weiteren britischen Wissenschaftler verkörpert - Cumberbatch ist weiterhin ein heißer Kandidat für den Oscar.

Schade ist allerdings, dass sich der Film so sehr auf Turings Arbeit an der Enigma-Maschine beschränkt. Sein Privatleben, seine innere Zerrissenheit, seine Angst, wegen seiner Homosexualität verurteilt zu werden, wird immer nur angerissen.

Zwar zeigt eine Rahmenhandlung die Ermittlungen, die Anfang der 50er-Jahre zur Verurteilung von Turing wegen "grober Unzucht und sexueller Perversion" führen. Und in geschickt eingestreuten Rückblicken wird seine zarte Zuneigung zu einem Mitschüler am Internat dargestellt. Doch seine Sexualität bleibt stets theoretisch: Über sie wird gesprochen, sie wird angedeutet, gezeigt wird sie nicht. Auch Turings daraus resultierende Qualen sind nur psychischer Natur, ein physisches Element wird der Figur nicht zugestanden. Hatten die Filmemacher etwa Angst, der Film könnte sonst gerade in den USA Anstoß erregen?

Ansonsten ist "The Imitation Game", der auf der Turing-Biografie von Andrew Hodges beruht, ein nicht immer faktentreuer, aber sehr spannend gemachter Historienfilm, der emotional mitreißt und am Ende die ganze Tragik von Turings Leben offenbart. Er war nicht nur ein begnadeter Kryptoanalytiker, sondern gilt auch als wegweisender Theoretiker für die heute allgegenwärtige Computertechnologie und Informatik. Gleichzeitig ist sein Name heute viel zu wenig bekannt. Man kann nur hoffen, dass dieser sehenswerte Film daran etwas ändert. Denn Turing war nichts anderes als ein Held.

"The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben" startet am 22. Januar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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