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"Tatort" aus München Schnee, der aus Koffern fällt

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Unsere Lieblingssilberfüchse - der Batic und der Leitmayr haben ihr eigenes Tempo.

(Foto: dpa)

Rabattmarken sammeln, Sonderangebote, Suppenküchen, das war einmal. Wenn die Rente anno 2019 nicht reicht, dann wechseln Pensionäre schon mal die Seiten und arbeiten als Kuriere zwischen den Kontinenten, so jedenfalls erzählt es der aktuelle "Tatort". Für einige von ihnen wird das Ganze jedoch zum "One Way Ticket"-Trip.

Es stellt sich die Frage, wie regelmäßig eigentlich Schweigers Til den "Tatort" schaut, wenn er gerade einmal nicht mitspielt, was ja durchaus auf den Großteil des Jahres zutrifft. Sollte er am Donnerstag einschalten, wenn die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) sich daran machen, den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes aufzuklären, dann könnte bei ihm womöglich ein leises Glöckchen der Erinnerung bimmeln. "Jetzt oder nie" hieß der von ihm produzierte Film Anfang der Nuller Jahre, in dem Regisseur Lars Büchel von einem Bankraub der besonderen Art erzählte. Im Mittelpunkt drei alte Damen, die sich daran machten, ihr gestohlenes Geld jenseits der legalen Demarkationslinie zurückzuholen.

Auch die ergrauten Heldinnen und Helden im neuesten "Tatort" aus München werden zu Gesetzlosen. Leute wie Heiner Hersfeld (Hans-Uwe Bauer), Esther Kubat (Katja Rupé) oder Uschi Drechsl (Ulrike Willenbacher) sind jedoch nicht beraubt worden, vielmehr reicht das Geld hinten und vorne nicht. Der eine ist pleite gegangen, bei den anderen hat das jahrelange Buckeln nicht genug Punkte in der Rentenberechnungstabelle ergeben. Es müssen neue Einkommensquellen her.

Um über die Runden zu kommen oder um sich den einen großen Lebenstraum zu erfüllen, stellen sie sich in den Dienst einer NGO, die statt Entwicklungshilfe jedoch ganz andere Geschäfte im Sinn hat. Als ein junger Entwicklungsexperte der Company vergiftet wird - und mit Martin Endler (Siemen Rühaak) einer der Kuriere in Kenia auffliegt - kommen Batic und Leitmayr, diesmal unter der Ägide des nassforschen und leidlich übermotivierten Kalli (Ferdinand Hofer), der Sache langsam (!) auf die Schliche.

Schon mit "Tatort: Virus" (2017) hatte Rupert Henning als Drehbuch-Autor Richtung Afrika geschaut. Das Wiener Team Eisner und Fellner fand sich plötzlich in einem Epidemie-Szenario um Ebola und Seuchengefahr wieder. Diesmal geht der Blick Hennings, der bei diesem mittlerweile 82. Fall des Münchner Duos auch als Regisseur verantwortlich zeichnet, nach Kenia, wo sich Martin Endler nach einer Zollkontrolle im berüchtigsten Zentrum des Landes wiederfindet.

Henning inszeniert den Switch von Bayern nach Afrika und zurück als Wechselspiel der Kontraste. Hier die gebuckelten Senioren, von der Arbeit ganz grau und krumm, mit knirschenden Zähnen in der Grauzone zwischen den Gesetzen zerrieben, dort das Abenteuerland, hitzig, gefährlich, ach so fremd und fern. Und für einen wie Endler in Gestalt der "mysteriösen Schönheit", Numa (Cynthia Micas), auch noch das süße Versprechen ewiger, nun ja, zumindest exotischer Liebe verheißend. Das Ganze gerät dabei - vermutlich nicht einmal gewollt - so over the Top, dass es schon wieder unterhaltsam ist.

Der afrikanische Knast, die Menschen dort, das Straßenleben, die Strandromantik, wie durch den Fernweh-Klischee-Häcksler gedreht, auf der anderen Seite die rüstigen Rentner auf Abwegen, dazu Hark Bohm als mitleidloser Atemmasken-Träger, irgendwo im Spannungsfeld zwischen Corleone, Blofeld und Mabuse - das ist so krass, dass es schon wieder gut ist, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Geschichte nach einer wahren Begebenheit erzählt wird. Wenn, ja, wenn da nicht die gewohnten Erklärdialoge wären, die jedem Hörspiel zur Ehre gereichten.

Quelle: ntv.de, Von Ingo Scheel

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