Panorama

Sicherheit bei Virenforschung Laborunfälle sind keine Seltenheit

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Berichte, dass es Sicherheitsprobleme im Wuhan-Institut für Virologie gab, existieren.

(Foto: REUTERS)

Gut anderthalb Jahre nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Ursprung von Sars-CoV-2 nach wie vor unklar. Zuletzt wird die Labor-Theorie in der Öffentlichkeit wieder offener diskutiert. Das liegt auch daran, dass Unfälle in Hochsicherheitseinrichtungen keinesfalls selten sind.

"Bei dem neuesten Sars-Ausbruch sind neun Menschen infiziert worden, einer ihnen starb. Es ist der dritte von vier Ausbrüchen, der mit einem Labor in Verbindung steht. Der Ausbruch im April hat am Nationalen Institut für Virologie in Peking begonnen. Zwei Studenten (...) haben Experimente mit einem aktiven Sars-Virus durchgeführt und sich dabei infiziert. Die WHO arbeitet eng mit der chinesischen Regierung und den örtlichen Behörden zusammen, um sicherzustellen, dass alle Sicherheitsbestimmungen in dem Labor eingehalten werden."

Diese Meldung hat die Weltgesundheitsorganisation im Juni 2004 in ihrem "Bulletin" veröffentlicht, ihrem frei zugänglichen, öffentlichen Gesundheitsjournal. Jens Teifke kann nicht einschätzen, was in dem Pekinger Labor schiefgelaufen ist. Aber der Leiter der Abteilung für experimentelle Tierhaltung und Biosicherheit des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Forschungsinsel Riems weiß, dass auch für Laboratorien gilt: Wo gehobelt, wird fallen Späne.

Ein klassisches Beispiel stammt aus Australien. "Eine technische Assistentin hatte 1987 beim Zentrifugieren des 'Newcastle Disease Virus' das Pech, dass dabei eines der Gefäße geplatzt und etwas Flüssigkeit ausgetreten ist", erzählt Teifke im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Womöglich hat sie das gar nicht richtig wahrgenommen, aber beim Öffnen der Zentrifuge ist schließlich unter Einhaltung sämtlicher Sicherheitsvorkehrungen etwas von diesem Virus in die ungeschützten Bindehäute ihrer Augenlider gekommen."

Vier Hochsicherheitslabore in Deutschland

Die technische Assistentin hat Glück gehabt. Nach drei bis vier Tagen Inkubationszeit entwickelte sie eine Bindehautentzündung. Das ist das schlimmste, was beim Menschen nach einer Ansteckung mit der Newcastle-Krankheit passieren kann, denn das Virus ist vor allem für Geflügel gefährlich. Aber der Fall verdeutlicht: Hundertprozentigen Schutz gibt es nirgendwo, nicht einmal im Hochsicherheitslabor.

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Die Insel Riems ist etwa 1250 lang. An der weitesten Stellen misst sie rund 300 Meter.

(Foto: picture alliance / POP-EYE)

Zu diesen Einrichtungen gehört auch die Forschungsinsel Riems. Dort befindet sich das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), gemeinhin als "Alcatraz für Viren" bekannt. Das Institut ist eines von vieren in Deutschland, das an Erregern der höchsten Risikogruppe 4 forschen darf. Genauso wie das Wuhan-Institut für Virologie, in dem es unbestätigten Berichten zufolge im November 2019 zu einem Unfall gekommen sein könnte, bei dem sich drei Mitarbeiter mit Sars-CoV-2 infiziert haben - und somit möglicherweise zur Quelle für die Corona-Pandemie geworden sind.

Zur Risikogruppe 4 gehören ausschließlich Viren, keine anderen Erreger. Sie zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass noch kein vorbeugender Impfschutz entwickelt ist. Nach einer Infektion gibt es, wenn überhaupt, nur wenige Therapiemöglichkeiten. Außerdem verbreiten sich die Viren schnell und einfach. Aber auch die Erreger der Risikogruppe 3 sind gefährlich. Dazu gehört auch das neue Coronavirus, Sars-CoV-2.

Tier-Experimente sind heikel

Auf Riems haben die Wissenschaftler das Coronavirus nach dem Ausbruch in Wuhan unter anderem an Frettchen erforscht. Solche Tier-Experimente stellen auf der Insel das größte Risiko für die Mitarbeiter dar. Vor allem Nadelstichverletzungen seien gar nicht selten, sagt Veterinärmediziner Teifke. "Für die Gewinnung von Blutproben wird mit scharfen Instrumenten gearbeitet, und es ist niemals ausgeschlossen, dass Tiere kratzen oder beißen."

Die entscheidende Frage ist in solchen Momenten: Handelt es sich um eine Exposition? Das heißt, hatte der Erreger Kontakt mit dem Menschen? Oder, die schlimmere Alternative: Ist der Erreger in den Blutstrom gelangt? Hat es eine Infektion gegeben? Könnte die Antwort auf diese Frage Ja lauten, werden die Mitarbeiter des FLI per Sondertransport in eine Sonderisolierstation gebracht. Die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf eignet sich dafür oder die Berliner Charité.

Das war auf Riems bislang glücklicherweise nicht nötig. Aber das gilt nicht für alle Institute, die mit gefährlichen Viren hantieren.

Ein Virus, vier Ausbrüche

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Auf Riems wird auch am Coronavirus geforscht. Der Erreger Sars-CoV-2 gehört zur Risikogruppe 3.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Sars-Pandemie gilt als erste Pandemie des 21. Jahrhunderts. Vor knapp 20 Jahren verbreitete sich das "Schwere Akute Atemwegssyndrom" innerhalb weniger Wochen in rund 30 Ländern. Mehr als 800 Menschen starben an Sars-CoV-1, das 2002 erstmals in Südchina aufgetreten ist. Nach der ersten Eindämmung kam es zu mehreren weiteren, kleineren Ausbrüchen, von denen gleich vier durch Laborunfälle verursacht wurden. Im Sommer 2003 war Singapur betroffen, im Dezember des gleichen Jahres Taiwan und im Frühjahr 2004 zweimal China. Die beiden chinesischen Unfälle traten im Nationalen Institut für Virologie in Peking auf - unabhängig voneinander. Die WHO hinterfragte anschließend besorgt die "Sicherheitsvorgaben in dem Labor insgesamt, ihre Umsetzung und ihre Kontrolle".

Früher wäre so etwas eventuell auch auf Riems möglich gewesen. Seit 1910 residiert das Labor auf der Insel in Mecklenburg-Vorpommern. Es war eine bewusste Entscheidung, damit Friedrich Loeffler ungestört am Maul- und Klauenseuche-Virus forschen konnte. "Damals sozusagen am offenen Fenster in einer Feldscheune", sagt Jens Teifke. Inzwischen gebe es viele technische, organisatorische und persönliche Schutzmaßnahmen, um die Risiken zu minimieren - im Vordergrund stehe das sogenannte Box-In-Box-System.

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Eine Tierärztin begutachtet im Forschungsstall der Sicherheitsstufe 4 auf Riems ein Kalb.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Als äußere Zone haben wir den Zaun um die Insel, dann beginnt die Insel selber", erklärt der Sicherheitschef der Forschungsinsel. "Auf der Insel befinden sich Laborgebäude. Diese Laborgebäude können von außen nur durch bestimmte Schleusen für Personen und Material betreten und bedient werden. In diesen Hochsicherheitsgebäuden herrscht ein kontinuierlicher Unterdruck. Das heißt, selbst wenn eine Schleusentür geöffnet ist, wird Luft in das Gebäude hineingesaugt."

Mensch das schwächste Glied der Kette

Diese Luft wird anschließend von zwei hochwirksamen Filtern gereinigt, bevor sie wieder nach außen abgegeben wird. Das gilt auch für den Luftstrom, der die einzelnen Sicherheitswerkbänke umgibt, an denen tief im Inneren des Gebäudes mit den Biostoffen und Erregern gearbeitet wird. Die sind in den einzelnen Laborräumen ebenfalls voneinander abgetrennt, die Laborräume voneinander ebenso. "Der Erreger selbst befindet sich in kleinen Gefäßen und wird dort innerhalb einer Sicherheitswerkbank pipettiert, also niemals frei im Raum. Die Personen selber tragen je nach Tätigkeit als letzte Hürde persönliche Schutzausrüstung."

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Wenn es zu einem Unfall kommt, weiß Jens Teifke, wo er suchen würde: Der Mensch ist das schwächste Glied der streng kontrollierten Sicherheitskette. Das scheint er vor knapp 20 Jahren in Peking auch gewesen zu sein. Ein Bericht besagt, dass ein Lagerraum des Labors damals so überfüllt war, dass Mitarbeiter einen Kühlschrank mit Sars-CoV-1 darin auf den Flur gestellt hätten.

Hinweise auf ähnliche Lücken gab es auch in Wuhan. Im Januar 2018 haben US-Diplomaten das Institut für Virologie aus Sorge mehrfach besucht. Anschließend warnten sie das US-Außenministerium vor größeren Sicherheitsmängeln und schlecht ausgebildetem Personal in der 2015 eröffneten Einrichtung. Kein rein chinesisches Problem: Die amerikanische Militäreinrichtung Fort Detrick, ebenfalls ein Hochsicherheitslabor der Schutzstufe 4, musste ihre Arbeit im Sommer 2019 unterbrechen, nachdem mehrere Mitarbeiter gegen die Sicherheitsregeln verstoßen hatten.

Laborunfall? "Extrem unwahrscheinlich"

Eine Expertenkommission der WHO hat das Labor in Wuhan Anfang des Jahres ebenfalls besucht. In ihrem Abschlussbericht kommen die 17 chinesischen und 17 ausländischen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass das Virus seinen Ursprung in Fledermäusen oder auch in Schuppentieren haben könnte. Sie halten es auch für möglich, dass das Coronavirus schon vor dem Ausbruch in Wuhan in anderen Länder kursierte. Die Theorie, dass es bei einem Unfall aus einem Labor entwichen sein könnte, halten sie dagegen für "extrem unwahrscheinlich".

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Aber die Mission war politisch heikel. China möchte öffentlich nicht als Verursacher einer Pandemie gebrandmarkt werden. Hat die Volksrepublik deshalb wichtige Informationen zurückgehalten? Das jedenfalls hat WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bei der offiziellen Vorstellung des Berichts angedeutet. Auch die USA erheben diesen Vorwurf. US-Präsident Joe Biden hat seine Geheimdienste deshalb angewiesen, nachzuforschen. Eine neue Studie erhärtet inzwischen den Verdacht, dass Sars-CoV-2 im Labor gezüchtet und dort entwichen sein könnte. Mehrere renommierte Forscher drängen auf Aufklärung, um künftige Pandemien besser verhindern zu können.

Doch das geht nur mit Transparenz, sagt Jens Teifke. "Man kann nur das begutachten, was man sehen kann."

Quelle: ntv.de

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