Ratgeber

Corona-Krise als Chance Clevere Betriebe legen jetzt Turbostart hin

Laut dem Digitalverband Bitkom bringt die Digitalisierung der Arbeitswelt mehr Jobs. Doch an der Weiterbildung mangelt es. Foto: Peter Steffen

Zumindest für die nähere Zukunft deutet sich an, welche Berufe gefragt sind oder auch bleiben.

(Foto: dpa)

Während derzeit immer mehr Mitarbeiter im Homeoffice ackern, verplempern Unternehmen ihre Zeit mit der Sorge, ob hier auch anständig gearbeitet wird. Dabei lauten die Gebote der Stunde Diversity Management und New Work. Die Mutigen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.

In Zeiten von Corona überschlagen sich die Nachrichten. Nicht nur Politik und Krankenhäuser schalten angesichts der rasenden Ausbreitung von Covid-19 in den Notfallmodus, das Virus wirbelt auch die Arbeitswelt durcheinander, und immer mehr Unternehmen in Deutschland schicken ihre Schreibtischarbeiter ins Homeoffice.

Liegt der Anteil der Menschen, die in Deutschland vom heimischen Schreibtisch aus arbeiten, gewöhnlich laut Eurostat bei fünf Prozent, so wird die Wirtschaft nun in großem Ausmaß zwangsweise in die neuen Arbeitsformen gezwungen. Angesichts der ausgeprägten deutschen Präsenzkultur verfallen etliche Unternehmen in Sorge um die Produktivität ihrer Mitarbeiter in Schockstarre oder Panik.

Dabei sollte das alles eigentlich doch kein Problem sein, oder? Eigentlich, ja eigentlich werden seit Jahren schon die Chancen der Digitalisierung gepriesen. Diversity Management und New Work sind in aller Munde, neuartige und vielfältige Formen der Zusammenarbeit sollen entstehen, Vereinbarkeit von Karriere und Familie gefördert werden, nicht mehr nur die Präsenzzeit im Büro soll zählen, sondern ebenso die E-Mails, die vom Handy unterwegs oder vom heimischen PC per Remote beantwortet werden.

Arbeitsräume werden flexibilisiert - Vorträge, Trainings, Artikel, Dokumentationen müssen nicht mehr nur in trister Kompanie der verblühten Büropflanze, sondern dürfen, ja sollen plötzlich sogar im eigenen Arbeitszimmer, am Küchentisch, auf dem Balkon entstehen. Standardisierte Arbeits- und Präsenzzeiten sollen der Vergangenheit angehören, neben der Kinderbetreuung, früh morgens, wenn das Haus noch schläft oder spät abends, wenn Kollegen beim Abendessen sitzen, dürfen die Ideen sprühen. Damit bestünde keine Notwendigkeit mehr, sich morgens durch den stockenden Verkehr oder überfüllte U-Bahnen zu quälen oder sich in der Betriebskantine sehen zu lassen.

Schöne neue Arbeitswelt

Neu sind die Ideen nicht. So ist zwar nicht mehr von Work-Life-Balance die Rede, sondern von Work-Life-Blending. Arbeit und Privatraum werden nicht mehr strikt voneinander getrennt, sondern fließen ineinander. Flexibilisierung soll Mitarbeiter motivierter und produktiver machen. Starre Strukturen sind out, dynamische Arbeitsweisen und heterogene Perspektiven sollen zu mehr Innovationskraft und besseren Lösungen führen. Diversity Management und New Work sind in aller Munde. Schöne neue Arbeitswelt 4.0.

Einige springen wie selbstverständlich auf das neue Pferd auf und verlagern routiniert ihre Tätigkeiten ins Dezentrale. Viele Arbeitgeber aber, so scheint es in dieser ersten großen Homeoffice-Woche in Deutschland, tun sich schwer mit den neuen Anforderungen. Viele versuchen ihre Arbeitnehmer trotz explizitem Isolations-Gebot so lange es geht den täglichen Weg ins Büro antreten zu lassen.

Die Vorbehalte reichen von technischen Fragen (sind wir digital ausreichend ausgestattet?) über Sorgen um Produktivitätseinbußen der Mitarbeiter (arbeiten die überhaupt richtig, wenn sie nicht unter "sozialer Beobachtung" der Kollegen stehen?) und mangelnde Kontrolle (wie überprüfe ich, ob die Arbeit gemacht wurde?) bis hin zu Zweifeln, ob isoliert überhaupt kreative Ideen und in der Anonymität der digitalen Begegnung ein Work Flow entstehen können. Diese ganze Palette lässt viele Arbeitgeber gerade vor allem in Richtung Schadensbegrenzung denken.

Isolationsgebot als großartiges Experimentierfeld

Doch das ist die falsche Stoßrichtung: Unternehmen sollten Zweifel und Schockstarre abstreifen und die Zeit der sozialen Isolation nutzen, um sich neu aufzustellen. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Neue Arbeitsmodelle können erprobt, vielleicht auch neue Produkte und Zielgruppen erschlossen werden. Wer die Krise clever für sich nutzt, wird gestärkt aus ihr hervorgehen.

Das glauben Sie nicht? Sicherlich gibt es Berufe, die sich nicht ins Homeoffice verlagern lassen. Die systemrelevanten Arbeitskräfte sind vor Ort gefordert, ebenso wird die Arbeit am Band in Werken sich nicht per Skype-Schalte erledigen. Die meisten Arbeiter unserer hochspezialisierten und technisierten Gesellschaft sitzen die meiste Zeit ihrer Tätigkeit aber am Computer oder in Meetings. All dies lässt sich potenziell ins Digitale verlagern. Wie das funktioniert und warum wir keine Angst haben müssen vor dem großen Einzug von Diversity und New Work, wird die Corona-Krise zeigen. Unternehmen sollten das Isolationsgebot als großartiges Experimentierfeld für neue Formen der Zusammenarbeiten begreifen und austesten. Es ist nicht die Zeit für Pedanten und Präsenzstundenreiter. Die Zeit der Mutigen startet genau jetzt.

Die Mutigen wagen sich jetzt an Diversity Management und die Tochter New Work heran. Heterogene Teams mit einer Vielfalt an Perspektiven und Arbeitsformen, das zeigen Studien, erzielen bessere und innovativere Ergebnisse. Personelle und arbeitsorganisatorische Heterogenität sollen nicht nur toleriert, sondern explizit gefördert werden und so den Unternehmenszielen dienen. Die Idee dahinter: Wo viele Blickwinkel und Lösungsansätze zusammenkommen, entsteht Innovation. Und wer in immer kürzeren Intervallen innovativen Output produziert, erschließt sich neue Märkte und Zielgruppen, die Marktintelligenz steigt. Quasi als Nebeneffekte von Diversity Management und New Work gewinnt das Unternehmen auch in der öffentlichen Wahrnehmung und bei potenziellen Arbeitnehmern. Die Gesellschaft honoriert Unternehmen, die sich weltoffen zeigen, für Fachkräfte kann Offenheit für verschiedene Arbeitsmodelle ein attraktiver Faktor sein. Wenn auch künftig keine Vollzeitpräsenz am Arbeitsplatz mehr erwartet wird - könnte das nicht die Chance sein, neue Talente anzuziehen, die auf Heimarbeit angewiesen sind, etwa weil sie kleine Kinder zu betreuen haben, an einem anderen Ort leben oder aufgrund körperlichen Einschränkungen nur schwer reisen können? Angesichts der Aussicht auf mehrere Wochen Isolationsgebot also ideale Voraussetzungen, um den Testballon loszuschicken.

Führungen sind gefordert

An vorderster Front sind hier die Führungskräfte gefordert. Sie müssen sich nun innerhalb kürzester Zeit zu Experten für den Wandel, zu Agenten des Change Managements entwickeln.

Das klingt kompliziert, aber die Zeit der Krise ist günstig - derzeit wird eine Belegschaft dem Chef dankbar sein für Versuche der Krisenkommunikation und des Change Managements, Fehler eher nachgesehen und Experimente eher angenommen werden als in stabilen Zeiten. Gleichzeitig offenbart die Krise Führungsmannschaften eine großartige Chance, zu zeigen, dass sie ein verantwortungsbewusster Betrieb sind und dass es um mehr geht als reines Gewinnstreben. Entstehen in fetten Jahren viele schöne Leitbilder, politisch korrekt gestriegelte Stellenausschreibungen oder Versprechen über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie, so ist die derzeitige Situation die ideale Gelegenheit, zu zeigen, dass hinter hübschen Fassaden mehr steckt und New-Work-Leitlinien und Diversity-Visionen auch der Wirklichkeit standhalten. Und es gab wahrscheinlich selten so eine gute Zeit, um der eigenen Mannschaft flächendeckend Vertrauen und Wertschätzung ihrer Arbeit zu zeigen. Dies ist die goldene Währung von Führung.

Wer als Unternehmen die Krise nutzt und neue Formen der Zusammenarbeit fördert, der muss sich wegen Covid-19 keine Sorgen machen. Für die Mutigen könnte das Virus zu Beschleuniger werden.

Quelle: ntv.de