Fußball

Sechs Lehren des 28. Spieltags Bayern ist wie Whisky, die Liga pulsiert

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Chancenlos: Pierre-Emerick Aubameyang und seine Dortmunder bei den Whiskey-Bayern.

(Foto: imago/Avanti)

Je reifer, desto besser: Das gilt mehr denn je für den FC Bayern. Hoffenheims Nagelsmänner erhalten eine Lektion, Wolfsburg stellt die Grottenfrage - und Ingolstadt beschert der Bundesliga wieder einen echten Abstiegskampf.

1. FC Bayern spielt im Whiskey-Modus

Je länger ein Whiskey reift, desto besser wird er. So heißt es. Das mag Geschmackssache sein, angezweifelt wird es allerdings gemeinhin nicht. Ebenso wenig wie die aktuelle Verfassung des FC Bayern München. Von drei Jahren höchst anspruchsvollem Josep-Guardiola-Fußball gestresst und nach einer ziemlich murksigen Hinrunde in der Fußball-Bundesliga, überträgt sich dieser Tage endgültig die ganze Qualität von Trainer-Signore Carlo Ancelotti auf sein alterndes, aber beeindruckend fittes Star-Ensemble. Das zerlegte am 28. Spieltag den total eingeschüchterten BVB mit 4:1 und hatte im gerade erst 34 Jahre alt gewordenen Franck Ribéry und im ein Jahr jüngeren Arjen Robben zwei taufrische Protagonisten, die so vernarrt auf Erfolg sind, dass sie bei ihrer Auswechslung vom Trainer mit einem überraschenden Küsschen beruhigt werden mussten (Ribéry) und angekündigt haben, noch mehr liefern zu müssen und zu wollen, um den Erfolg auf allen Wettbewerbsebenen sicherzustellen (Robben).

Während man dem nach dem BVB-Triumph völlig aufgedrehten Niederländer durchaus zutrauen darf, dass er die Zeit bis zum nächsten sportlichen Highlight am Mittwochabend in der Champions League gegen Real Madrid mit einer fortlaufenden High-Intensity-Einheit überbrücken möchte, hat Coach Carlo für seine Oldie-Riege - gegen Dortmund betrug das Durchschnittsalter der Startelf 30,1 Jahre - einen ganz anderen Plan: "Wenn wir zu viel über Real nachdenken, können wir nicht schlafen. Und wir brauchen viel Schlaf in den nächsten Tagen." Die Bayern sollen ruhen und weiter reifen. Ganz wie ein sehr, sehr guter Whiskey.

2. Die Dortmunder melden sich vorerst ab

Herausforderer des FC Bayern, das war einmal. Borussia Dortmund gibt die Verfolgung des Rekordmeisters vorerst auf, fügt sich in die Rolle eines ambitionierten Bundesligisten und nimmt Anlauf für einen nächsten, besser durchdachten Angriff auf die Münchener, womöglich schon im Pokal in zwei Wochen. Der Talente-statt-Stars-Umbruch im vergangenen Sommer, er war im Rückblick offenbar doch eine Nummer zu groß, wie Coach Thomas Tuchel nach der erduldeten Machtdemonstration in München durchblicken ließ. Die Vizemeisterschaft ist angesichts der zurückerlangten Ergebnis-Stärke der Leipziger wohl endgültig abgehakt. Bleibt also noch der Kampf um den direkten Champions-League-Platz drei mit 1899 Hoffenheim, der womöglich am 32. Spieltag im direkten Duell in Dortmund entschieden wird.

Ungeachtet dessen, ob das klappt, wollen sich die Borussen sammeln und im kommenden Jahr wieder konstanter und dominanter werden. Sehr wahrscheinlich mit Coach Tuchel, um dessen Zukunft in den vergangenen Wochen und Monaten ein ziemlicher Eiertanz veranstaltet wurde. Und wohl auch mit Tor-Provokateur Pierre-Emerick Aubameyang als Sperrspitze der hochtalentierten Zulieferbande. Das jedenfalls hat BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im TV-Talk "Doppelpass" angekündigt und ließ nach deutlichen Mahnungen an sein Team in Spät-Winter und Früh-Frühling nun nach dem Bayern-Missgeschick ungewohnte Milde gelten: "Ab und zu musst du leiden. Deshalb liebe ich den Verein auch so." So lange sich das Leiden in Grenzen hält.

3. Der VfL Wolfsburg ist grottenschlecht

Das sagt zumindest der Trainer der Niedersachsen, Andries Jonker. Erst gefeierter Krisenmanager als Hoffnungsträger und Gomez-Erwecker, nach der 1:4-Klatsche auf Schalke nun plötzlich der dritte frustrierte Übungsleiter der Wolfsburger in dieser Saison: "Die ersten 20 Minuten waren grottenschlecht, die ersten drei Minuten in der zweiten Halbzeit waren grottenschlecht. Mit solch einer Vorstellung habe ich nicht gerechnet." Weniger mathematische Klugheit gehört dazu, sich auszurechnen, wo der VfL angesichts Jonkers Wutrede wohl in der Tabelle steht. Auf Platz 14 nämlich, in akuter Abstiegsnot (siehe unten). Die gute Laune am Mittellandkanal ist nach Jonkers Amtsantritt Ende Februar mit zunächst fünf Partien ohne Niederlage und trotz weiter funktionierender Symbiose zwischen Trainer und Torjäger Mario Gomez verschwunden. "Ich verfalle nicht in Panik. Wir müssen ruhig bleiben", betont der Coach. Doch besonders viele gute Argumente für Ruhe wird auch der Niederländer aktuell nicht finden.

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Mario Gomez erzielte die letzten sieben Bundesligatore des VfL, neuer Wolfsburger Vereinsrekord. In akuter Abstiegsnot steckt der Klub trotzdem.

(Foto: imago/Eibner)

Denn neben der katastrophalen offensiven Abhängigkeit von Gomez - kein anderer Spieler außer dem Nationalspieler hat in der Ära Jonker bisher ein Pflichtspieltor erzielt - offenbaren die Niedersachsen nun auch noch defensive Instabilität. Und so stehen die Wolfsburger nach zwei Niederlagen binnen vier Tagen noch schlechter da als beim Abschied von Jonker-Vorgänger Valérien Ismaël. Vor rund sechs Wochen betrug der Abstand zum Relegationsplatz nicht nur einen, sondern zwei Punkte. Die sind es nach dem Sieg der Ingolstädter über Darmstadt (3:2) am späten Sonntagabend für die Wolfsburger jetzt übrigens gar nur noch auf den direkten Abstiegsplatz. Denn ...

4. Die Bundesliga spürt den "echten" Abstiegspuls

... die englische Woche hat etwas Altbekanntes in den Liga-Alltag zurückgeführt: den "echten" Abstiegskampf. Denn galten bis zum 2. April der SV Darmstadt 98 und auch der FC Ingolstadt als bereits feststehende Absteiger, so haben die "Schanzer" in den vergangenen drei Spielen ein irres Comeback erlebt. Nach Siegen gegen die Konkurrenten Mainz und Augsburg sowie zum Abschluss des 28. Spieltags im Achterbahn-Abstiegsfight gegen Darmstadt (3:2) hat die Mannschaft von Coach Maik Walpurgis neun Punkte geholt. So viele, wie sonst nur Quasi-Vizemeister RB Leipzig. Und nachdem Kapitän Marvin Matip bereits während der Woche wieder "Puls in Ingolstadt" erspürt hatte, hat sich am späten Sonntagabend der "Kreislauf stabilisiert", wie Doc Walpurgis bereits vorab präventiv diagnostiziert hatte. Was den Patienten aus Bayern von der Intensivstation holt, sorgt indes mindestens mal in Augsburg, Mainz, Wolfsburg und vielleicht auch noch Hamburg für zunehmende Schwindelgefühle. Denn plötzlich droht nicht mehr nur der Rettungsanker Relegation, sondern auch der direkte Abgang.

5. Der HSV ist besser als der FC Bayern

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Emotional überragend: der HSV gegen Hoffenheim.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Was generell betrachtet natürlich völliger Schwachsinn ist, stimmt in einem besonderen Fall. Nämlich im Umgang mit Julian Nagelsmann und seinen Hoffenheimern. Die hatten sich ja am Dienstagabend erfolgreich am FC Bayern abgearbeitet, sich dann aber am Samstag in Hamburg eine schmerzhafte Lektion in Form einer 1:2-Pleite eingefangen. Ihr Arbeitstitel: Emotion schlägt Taktik. Nagelsmann nahm es gelassen hin, schließlich ist er mit seinen fast noch jugendlichen 29 Jahren kein allwissender Coachmessias: "Die Stimmung im HSV-Stadion ist schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Leider waren wir sehr weit weg von 100 Prozent Emotionalität."

Der spektakuläre Verlauf des Spiels offenbarte, dass der 1899-Übungsleiter selbst noch ein Lernender ist. Mit wuchtiger Körperlichkeit, schierer Präsenz und einer Menge Adrenalin in den Adern warfen die nach wie vor abstiegsbedrohten Platzherren alle taktischen Überlegungen Nagelsmanns über den Haufen, eine Neujustierung gelang ihm nicht. Hoch erfreut, fast genüsslich erklärte HSV-Coach Markus Gisdol, Nagelsmanns Vorvorgänger in Hoffenheim, nach dem achten Heimspiel in Serie ohne Niederlage, wie er die Pläne des Kollegen durchkreuzen konnte. "Wir konnten unsere technische Unterlegenheit nur durch totales Pressing kompensieren. Und uns war klar, wenn wir pressen, dann nur Vollgas, sonst haben wir keine Chance. Das ist wie schwanger, das gibt es auch nicht halb. Es war riskant, aber dieses Wagnis mussten wir eingehen." Das haben sie gut gemacht. Besser und erfolgreicher als der FC Bayern.

6. Der echte Joker kickt in Freiburg

Die Eintracht aus Frankfurt verabschiedet sich langsam, aber sehr sicher von Europa. Die Hertha aus Berlin versucht sich Europa durch Heimerfolge zu erwackeln. Der FC Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen waren in dieser Saison lange Zeit so schlecht, dass sie Europa aus neutraler Perspektive eigentlich nicht verdient haben und die internationalen Träume der Kölner werden sogar vom eigenen Trainer veralbert.

Mitten in diese Gemengelage hinein hat sich eine Mannschaft geschlichen, die dort niemand erwartet hatte, für die sich aber irgendwie ein Jeder freut (außer vielleicht der ein oder andere badische Rivale mit Böller-Fetisch): der SC Freiburg. Wie die Freiburger das gemacht haben? Nun, vor allem mit zwei Typen: Trainerkauz Christian Streich und Freiburgs Mann für gewisse Minuten, Nils Petersen. Dessen Aufgabe: Da sein, wenn Streich ihn braucht, und dann Tore schießen. Seine Anstellungsart: Joker. Ein guter Joker, kein Batman-Bösewicht-Imitat. Und als dieser guter Joker ist Petersen nun quantitativ messbar der Beste der Bundesliga-Geschichte.

Denn sein Siegtreffer gegen Mainz (1:0) war ein besonderer: Mit nun 18 Toren nach Einwechslungen zog der Stürmer mit Alexander Zickler als bisherigem Rekord-Joker der Fußball-Bundesliga gleich. Für seine Joker-Buden brauchte Petersen allerdings lediglich 55 Spiele, Zickler hatte mit 102 Partien fast die doppelte Anzahl benötigt. Obwohl der Freiburger in dieser Saison kaum in der Startelf stand, äußerte er nie Kritik an den Entscheidungen seines Trainers Streich. Stattdessen ließ er stets  Tore sprechen. Gegen Mainz benötigte er dafür 27 Sekunden – und jokerte die Mannschaft damit auf Europa-League-Rang sechs.

Quelle: ntv.de

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