Fußball

Die Lehren des 27. Spieltags FC Bayern wurschtig, HSV-Hoffnung erstickt

7c274e4e2ac9eb1911a0c38b7774e51a.jpg

Was der HSV derzeit auch treibt - es mutet meist merkwürdig an.

(Foto: imago/Metelmann)

Dem FC Bayern ist am 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga alles wurscht, auch die Pleite bei komplexbefreiten Leipzigern. Der Hamburger SV versinkt jetzt aber ganz wirklich im Chaos, in Köln versuchen sich Zombies am Wunder.

1. Der Feind des FC Bayern ist die Wurschtigkeit

Die normalerweise über jeden Zweifel erhabene Sportredaktion der "Süddeutschen Zeitung" rätselte vor diesem Wochenende, wann denn der erste richtige Prüfstein für den FC Bayern in diesem Jahr anstehe. Die Kollegen kamen auf den 17. April - da reist der Rekordmeister im Halbfinale des DFB-Pokals nach Leverkusen. Dazwischen liegen nicht nur so einige Spiele in der Fußball-Bundesliga, sondern auch das Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Sevilla. Nun mögen die Spanier vielleicht neben der Roma das einfachste Los im Topf gewesen sein, den Europaligasieger von 2014 bis 16 und Manchester-United-Bezwinger aber als eine Art besseren Sparringspartner hinzustellen, lässt doch am Urteilsvermögen der Kollegen zweifeln.

Dafür musste man sich nicht einmal jenes Spiel am Sonntag in Leipzig anschauen, das 1:2 verloren ging, aber tatsächlich kein Prüfstein war. Die Ligaspiele sind ja nur noch Trainingseinheiten unter realen Bedingungen, und demnächst wird Franck Ribéry ein Weißbierglas mit aufgesteckter GoPro durch die Gegend tragen. Vielleicht in zwei Wochen, vielleicht in drei Wochen. Wurscht. Wichtiger ist die Frage, ob sich der FC Bayern die Wurschtigkeit der letzten grob 80 Minuten in Leipzig, die sie auch unter Jupp Heynckes immer mal wieder an den Tag legen, auch in Istanbul, ob sie die komplett abstellen können, wenn es zählt. "Es gibt solche Spiele, wo man nicht so souverän auftritt und nicht so gut defensiv arbeitet", sagte Jupp Heynckes nach der Niederlage in Leipzig and diesem 27. Spieltag. So ein Spiel kostet die Bayern nicht mehr die Meisterschaft. Wohl aber könnte es die Champions League kosten.

2. Es wird noch ein spannendes Rennen um Europa

Leipzig hielt sich mit dem Heimsieg gegen die Bayern im Rennen um die Champions-League-Plätze, vor allem dank eines seltenen Dreiklangs von Timo Werner: Als erst zwölfter Spieler der Bundesligageschichte wurde er erst eingewechselt, erzielte einen Treffer und wurde dann wieder ausgewechselt. Er steht nun auf einer Liste mit Legenden wie Kreso Kovacec von Hansa Rostock und Peter Peschel vom VfL Bochum. Glückwunsch an dieser Stelle.

28da368e81cd28edb0b79a070ef4c41f.jpg

Gewagt: Ralph Hasenhüttl.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Auch natürlich an seinen Trainer Ralph Hasenhüttl, der ein glücklicheres Händchen bei seinen Wechseln hatte als am Schuhschrank - weiße Sneaker zu schwarzem Trenchcoat, wie schon beim Europaligaspiel in St. Petersburg. Auch sonst hatte der Österreicher riesigen Anteil am ersten Sieg des Brausefabrikanten-Vereins gegen die Münchner, wie der Kollege Ullrich Kroemer berichtet. Nach der Länderspielpause bekommt es Landsmann Peter Stöger dann mit dem FC Bayern zu tun, eine Chance, das Cordoba des BVB wiedergutzumachen. Den ersten Schritt haben die Dortmunder am Sonntag gemacht, mit einem 1:0 gegen Hannover, das aber auch kein allzu großer Schritt war, wie unser Autor Felix Meininghaus schreibt. Für das "Minimalziel Champions League", das Stöger in Abstimmung mit der Vereinsführung formuliert hat, muss der BVB das härteste Restprogramm aller Kandidaten absolvieren: Außer den Bayern trifft Dortmund noch auf Schalke, Leverkusen, Hoffenheim - sowie die formstarken Ex-Abstiegskandidaten Bremen und Stuttgart.

3. Aufbruchstimmung ist nur ein anderes Wort für Verzweiflung

An dieser Stelle eine kleine Presseschau zur Illustration der Lage beim Hamburger Sportverein: "Hertha zerstört Hamburger Aufbruchstimmung" (Sportschau), "Nicht mehr zu retten" (Spiegel Online), "Hass, Ausschreitungen, Verletzungen" ("Tagesspiegel"), "Auch die Lästerer werden den HSV vermissen. Garantiert." ("Die Welt"). Arbeiten wir es der Reihe nach ab: Die Aufbruchstimmung in Hamburg war ja ohnehin ein verzweifelter Euphemismus, vergleichbar mit der "Aufbruchstimmung", die im Willy-Brandt-Haus stets herrscht, wenn nach einer neuerlichen historischen Pleite ein frischer Mann oder auch eine Frau die SPD übernimmt.

So realitätsnah wie Interims-Vorsitzender Olaf Scholz im Februar ("Die SPD wird bald wieder den Kanzler stellen") ging denn auch der Vielleicht-Interims-Trainers-wer-weiß-das-schon-es-ist-schließlich-der-HSV Christian Titz seine Aufgabe an: Er wollte offensiv zum Erfolg kommen und setzte auf die fünftjüngste Hamburger Startelf der Bundesliga-Geschichte. Sicher, irgendetwas musste Titz probieren. Aber einen Matti Steinmann aus der Regionalliga ins nun wirklich allerletzte Endspiel der Saison schmeißen? Einen Kyriakos Papadopoulos auf der Bank lassen, der sich zumindest in Sachen Einsatz nie etwas vorwerfen lassen muss? Das riecht stärker nach Verzweiflung als ein Dancefloor auf der Reeperbahn nachts um halb fünf. Folgerichtig ging es nach ordentlichen ersten 45 Minuten und der Führung gründlich schief, wobei Christian Titz dem spielerischen gleich einen verbalen Offenbarungseid folgen ließ: "Die Halbzeitpause war der Knackpunkt", sagte der verhinderte Hoffnungsträger, was die Frage aufwirft, was er denn in der Kabine so gemacht und gesagt hat. Wie dem auch sei: Der Hertha reichte eine solide wie konsequente zweite Halbzeit zum 2:1, der HSV hat endlich die Rote Laterne, die er sich so lange verdient hat.

Sicher, man hat schon Pierre-Michel Lasogga in Fürth treffen sehen, man hat schon Manuel Gräfe in Karlsruhe pfeifen hören. Aber dieses Mal kann der HSV eigentlich nicht mehr zu retten sein. Und ja, natürlich werden die Hamburger fehlen - mal abgesehen von den Deppen, die nach dem Spiel Ausschreitungen anzettelten, die mit 9 Verletzten endeten - weil es sonst nicht viel Spannendes zu berichten gibt in der Bundesliga, wie die Kollegen von der "Welt" richtig anmerkten. Aber wie sollen wir unseren Kindern jemals beibringen, dass Handlungen Konsequenzen haben, wenn der Hamburger Sportverein auch in dieser Saison nicht absteigt?

4. Der Effzeh lebt nicht, aber er bewegt sich

Während der Bundesliga-Dino schonmal auf dem Friedhof der Unabsteigbaren probeliegt, pocht es nicht weit entfernt unter der Erde: "Die Leiche hat an den Sarg geklopft", sagte Kölns Leonardo Bittencourt nach dem 2:0-Sieg des FC im Derby gegen Leverkusen. Ein auch spielerisch völlig verdienter Erfolg, bei dem die ungeliebten Nachbarn von der falschen Rheinseite allerdings nach Kräften mithalfen. Stürmer Lucas Alario interessiert sich offensichtlich nicht sonderlich für Fußball, jedenfalls scheint ihm völlig entgangen zu sein, dass miese Aktionen wie sein Ellbogenschlag gegen Dominik Maroh neuerdings durch den Videoschiedsrichter überwacht werden - der Argentinier hätte nicht nur eine, sondern zwei Rote Karten sehen müssen, eine für die Tätlichkeit, eine für Dummheit. Sein Kollege Charles Aránguiz versuchte sich derweil erfolgreich als Passgeber - für den Kölner Simon Zoller, der den verirrten Kopfball über Torwart Bernd Leno lupfte und schließlich im Boss-Move des Tages mit dem Knie zum entscheidenden 2:0 versenkte.

Wo war er eigentlich hin, der Derby-Elan, den die Leverkusener noch im Hinspiel an den Tag gelegt hatten? "Wenn Köln am Boden liegt, müssen wir weiter drauftreten! Da dürfen wir keine Gnade zeigen", hatte Julian Brandt damals gefordert. Am Sonntag rannten die so hoch gehandelten Bayer-Kicker herum, als hätten sie zu oft Voodoo Jürgens gehört: "Heite grob ma Tote aus!" Und so ist der FC, der seit Wochen zwischen dem sportlichen Totenreich und der Hoffnung auf Wunderheilung pendelt, erstmals seit dem 9. September nicht mehr Letzter. Fünf Punkte sind es noch bis zum FSV Mainz 05 auf Relegationsplatz 15. Die Rheinhessen kommen am 29. Spieltag zur Mutter aller Sechspunktespiele nach Müngersdorf. Dann könnten die Untoten plötzlich quicklebendig aussehen.

5. Der Videoschiri hat ungeahnte Vorteile

Auch ausgemachte Kritiker des Videoschiedsrichters müssen zugeben: Ganz im Gegensatz zu einem realen Spielleiter steht der VAR wenigstens nie im Weg herum, sondern lungert in einem Kölner Keller. Dorthin wünschte sich Gladbachs Jonas Hofmann sicher auch Schiedsrichter Martin Petersen, der den Dribbler in der 73. Minute sauber vom Ball trennte. Hoffenheim schnappte sich die Kugel, 3:2 für die TSG. Kein Vorwurf an den Referee, meinte Gladbachs Trainer Dieter Hecking nach der Partie, Hofmann hätte schließlich auch woanders hinwuseln oder passen können. "Es war unglücklich", meinte auch Hofmann, der sich davor schon einen folgenreichen Lapsus geleistet hatte: Eine Viertelstunde vor dem Auffahrunfall mit Schiri Petersen holte er Serge Gnabry im Strafraum von den Beinen, Elfmeter und das zwischenzeitliche 2:1 für Hoffenheim. Weil der 25-Jährige aber auch das 2:2 vorbereitete und die Ecke vor dem 3:3 in der 90. Minute trat, durfte er sich als Symbol fühlen für ein "tolles Fußballspiel, aber auch ein Fehlerspiel", wie es Dieter Hecking bezeichnete. Einen Fehler räumte nach dem Spektakel auch Borussia-Manager Max Eberl ein: Er hatte TSG-Trainer Julian Nagelsmann als "kleinen Pisser" beschimpft, gut zu hören - dank der TV-Mikrofone. Die moderne Technik im Stadion hat eben doch was für sich.

6. Kovac kann offensiv, Tedesco kann Stevens

Den Titel des "Randale-Meisters" reklamiert der, nun ja, harte Kern der Fans schon lange für sich, die Mannschaft landete in der vergangenen Saison abgeschlagen auf dem letzten Rang der Fairplay-Tabelle: Die Eintracht aus Frankfurt hat sich ein Bad-Boy-Image erarbeitet. Trainer Niko Kovac bezeichnete sein Team vor einem Jahr süffisant als "Treter-Truppe Nummer eins in Deutschland", es sollte ironisch klingen, aber so eine Schienbeinprellung tut halt nicht ironisch weh, und so murrten die gegnerischen Trainer mal leiser, mal lauter über die Gangart der Hessen. Doch so langsam entdeckt die Liga eine ganz andere Seite der Eintracht, eine spielerische, ansehnliche Seite. Das locker-leichte 3:0 gegen Mainz hätte eigentlich noch zwei, drei Tore mehr verdient gehabt, so überlegen agierten die Hausherren. 18 Tore haben die Männer von Kovac in der Rückrunde erzielt, das ist die drittbeste Ausbeute der Liga. Der Trainer gibt nun Europa als neues Ziel aus: "Wir können die Tabelle ja auch lesen und stehen zurecht da oben, wir wollen in diesen Sphären bleiben."

Die Eintracht in Europa, mit dem Gedanken könnte sich wohl auch Joachim Löw derzeit anfreunden. Viel ist ja geredet worden in den letzten Wochen über die spielerische Qualität der Bundesliga im Allgemeinen und der Europapokal-Vertreter im Besonderen, der Bundestrainer hat ein – für seine Verhältnisse – hartes Urteil gefällt: Deutsche Teams haben sich zu sehr auf die Arbeit "gegen den Ball" versteift und darüber das Spielen verlernt. Heraus kommt oft Magerkost, mit der man in der Bundesliga erstaunlich weit kommt.

Zum Beispiel, wir tippen da jetzt wahllos ins obere Tabellendrittel, bis auf Rang zwei. Dort steht der FC Schalke trotz eines mal wieder ziemlich biederen Vortrags in Wolfsburg, für den sich Trainer Domenico Tedesco nicht bei den Fans entschuldigen musste, schließlich nahmen sie die drei Punkte mit nach Gelsenkirchen, wohl aber bei seinem Kollegen Bruno Labbadia. "Es tut mir leid für den VfL, weil die hier sicher nicht 0:1 verlieren müssen", sagte der Schalker Coach. "Also Kopf hoch, Bruno." Die Aufmunterung konnte Labbadia gebrauchen: Sein Team vergab beste Chancen, darunter den fünften (!) verschossenen Elfmeter der Saison, und kassierte den K.o. durch ein Eigentor. Und Tedesco bedankte sich bei seinem Keeper Ralf Fährmann und betete mindestens drei Huubunser: Die Null muss stehen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.