Collinas Erben

"Collinas Erben" loben die VARs Souverän selbst im Tumult, nur Hertha leidet

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Vier nachträglich gegebene Strafstöße, ein zurückgenommener Elfmeter, ein annulliertes Tor, ein doch noch anerkannter Treffer und eine Rote Karte - die Video-Assistenten (VAR) greifen an diesem elften Spieltag der Fußball-Bundesliga häufig ein. Manchmal sorgen sie auch dadurch für Gesprächsstoff, dass sie nicht intervenieren. Doch insgesamt verhindern sie viele klare Fehler. Eine Bestandsaufnahme des Wochenendes.

  • 1. FC Köln - TSG 1899 Hoffenheim (1:2): In der Nachspielzeit will der Kölner Dominick Drexler den Ball aus dem Strafraum befördern, doch er trifft statt der Kugel mit voller Wucht das Bein von Sargis Adamyan. Beide Spieler gehen zu Boden, Schiedsrichter Robert Kampka entscheidet auf Freistoß für die Gastgeber- eine klare Fehlentscheidung. Der VAR interveniert deshalb, Kampka geht an den Monitor am Spielfeldrand und korrigiert sich schließlich: Es gibt zu Recht einen Strafstoß für Hoffenheim. Jürgen Locadia trifft vom Punkt zum späten Siegtreffer.
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    Nach dem Duell zwischen Leipzigs Laimer und Herthas Stark machte das Schiedsrichtergespann keine gute Figur.

    (Foto: imago images/Nordphoto)

    Hertha BSC - RB Leipzig (2:4): Nach 35 Minuten will Nordi Mukiele im gegnerischen Strafraum den Ball halbhoch vor das Berliner Tor bringen, doch Karim Rekik lenkt ihn mit unnatürlich abgespreiztem Arm ins Toraus. Auch hier ist der Eingriff des Video-Assistenten völlig korrekt, nachdem der Unparteiische Sören Storks das Handspiel offenbar nicht wahrgenommen hat. Timo Werner verwandelt den fälligen Elfmeter zum 1:1. In der 72. Minute fliegt der Ball hoch und weit in den Leipziger Strafraum. Der Leipziger Konrad Laimer und Niklas Stark gehen zum Kopfball, Laimer trifft mit seinem weit ausgefahrenen rechten Arm sowohl den Ball als auch das Nasenbein seines Gegenspielers. Es liegen also gleich zwei Gründe für einen Strafstoß vor, doch der Referee gibt ihn nicht, und es kommt auch zu keinem On-Field-Review. Das ist schwer verständlich: Selbst wenn man den Treffer im Gesicht für einen unglücklichen Unfall hält, bleibt doch das eindeutig strafbare Handspiel.

Warum der Video-Assistent in Paderborn nicht eingriff

  • FC Schalke 04 – Fortuna Düsseldorf (3:3): Einen Kopfball des Düsseldorfers Nuhu Adams wehrt Weston McKennie nach einer Stunde im eigenen Strafraum mit erhobenem linken Arm ab. Schiedsrichter Robert Hartmann ist die Sicht versperrt, deshalb rät ihm sein Video-Assistent richtigerweise zum Review. Das Handspiel ist klar strafbar, deshalb bekommen die Düsseldorfer einen Elfmeter zugesprochen. Rouwen Hennings nutzt diese Möglichkeit und verwandelt zum 1:1.
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    Sieben Minuten später tritt Adams beim Versuch, den Ball aus dem Düsseldorfer Strafraum zu schlagen, in den Boden, anschließend fällt er hin und hält den Ball mit der Hand auf. Referee Hartmann entscheidet gleichwohl auf Freistoß für die Fortuna, was für reichlich Empörung unter den Schalke-Fans sorgt. Denn ein Video, das im Netz kursiert, scheint keinen Kontakt durch den Schalker Mark Uth zu zeigen, der sich nahe bei Adams befand. Es ist allerdings aus einem trügerischen Blickwinkel aufgenommen. Gegenüber n-tv.de klärt Hartmann auf: "Diese Szene wurde vom Video-Assistenten unter Zuhilfenahme verschiedener Kameraperspektiven überprüft. In der Schussbewegung berührt das linke Knie von Uth den Fuß von Adams. Sicherlich nicht stark, aber effektiv. Und daher ist es ein Foul. Diesen Kontakt beim Ausholen habe ich auf dem Feld wahrgenommen, und der VAR hat ihn bestätigt."
  • SC Paderborn 07 - FC Augsburg (0:1): Das Tor des Tages für die Gäste fällt aus einem Freistoß, den Philipp Max direkt verwandelt. Allerdings haben die Augsburger Alfred Finnbogason und Rani Khedira vor der Ausführung nicht den seit dieser Saison vorgeschriebenen Abstand von einem Meter zur Abwehrmauer der Paderborner eingehalten. Das Tor dürfte deshalb eigentlich nicht zählen. Dennoch greift der VAR nicht ein - weil er es laut Regularien nicht darf: Die einzige Spielfortsetzung, bei der die Berechtigung und die Ausführung überprüft werden, ist die torgefährlichste, nämlich der Strafstoß. Bei falschen Einwürfen, zu knappen Mauerabständen oder einem Freistoß, bei dessen Ausführung der Ball nicht ruht, hat sich der VAR dagegen auch dann herauszuhalten, wenn daraus ein Tor resultiert. In diesen Fällen entscheidet alleine der Schiedsrichter. So erklärt es der Unparteiische Marco Fritz dann auch im Interview, doch Paderborns Trainer Steffen Baumgart hält das für eine "Ausrede", obwohl es so im Handbuch für die Video-Assistenten steht und damit bindend ist.

Gnabrys verspäteter Jubel

  • FC Bayern München - Borussia Dortmund (4:0): Thomas Müller, der Vorlagengeber zum 2:0 kurz nach der Pause, ist bei Javi Martínez' Zuspiel in der eigenen Hälfte gestartet und befindet sich deshalb nicht im strafbaren Abseits. Deshalb wird Serge Gnabrys Tor nach der Prüfung durch den VAR doch noch anerkannt. Möglich geworden ist das, weil der Schiedsrichter-Assistent beim Konter der Bayern die Fahne erst gehoben hat, als der Ball am Ende des Angriffs im Tor lag. Ohne Video-Assistent wäre das Fahnenzeichen bereits erfolgt, als Müller kurz hinter der Mittellinie den Ball annahm. Der Angriff wäre zu Unrecht durch einen Abseitspfiff unterbrochen worden und somit dahin gewesen.
  • Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen (3:1): Zweimal greift der VAR ein, zweimal folgt der Unparteiische Tobias Stieler ihm und ändert seine Entscheidung: In der 29. Minute annulliert er ein Bremer Tor durch Yuya Osako, weil dem Treffer ein Tritt von Milot Rashica in die Wade des Gladbachers Denis Zakaria vorausgegangen ist, den er nicht wahrgenommen hat. Und in der 50. Minute entscheidet Stieler nachträglich auf Elfmeter, weil Ramy Bensebaini von ihm zunächst unbemerkt im eigenen Strafraum auf den Fuß von Osako gestiegen ist. Beide Korrekturen sind notwendig und berechtigt.
  • VfL Wolfsburg - Bayer 04 Leverkusen (0:2): Manuel Gräfe leitet die Partie gewohnt großzügig und greift auch nicht ein, als sich Karim Bellarabi vor dem Führungstor mit den Armen gegen Marcel Tisserand etwas Platz verschafft, Kai Havertz im Strafraum der Hausherren über das Bein des Wolfsburgers Robin Knoche fällt und der Leverkusener Wendell im eigenen Sechzehnmeterraum den Laufweg von Williams blockiert. On-Field-Reviews bleiben jeweils aus, weil Gräfe die Situationen wahrgenommen und bewertet hat. In zwei der drei Fälle passt es grundsätzlich zur Linie des Schiedsrichters, die Vorgänge nicht als ahndungswürdig zu bewerten. Bei Knoches Beinstellen gegen Havertz spricht allerdings nur wenig dafür, auf den Elfmeterpfiff zu verzichten.

Der VAR blickt auch bei Tumulten durch

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    Rudelbildung im Breisgau - auch kein Problem für den VAR.

    (Foto: imago images/Jan Huebner)

    SC Freiburg - Eintracht Frankfurt (1:0): Ähnlich wie Adams in Schalke tritt auch der Frankfurter Gonçalo Paciência nach 30 Minuten in den Boden und kommt daraufhin zu Fall. Für Schiedsrichter Felix Brych ist ein Foul von Jonathan Schmid im Freiburger Strafraum der Grund dafür, deshalb entscheidet er auf Strafstoß für die Gäste. Doch anders als in Schalke findet der VAR bei seiner Überprüfung keine Bilder, die einen strafwürdigen Kontakt bestätigen: Paciência hat seinen Fuß tatsächlich ohne gegnerische Einwirkung in den Rasen gerammt. Brych nimmt den Elfmeter deshalb nach einem On-Field-Review zurück.

    In der Nachspielzeit kommt es nach dem heftigen Bodycheck von David Abraham gegen den Freiburger Trainer Christian Streich zu tumultartigen Szenen. Als sich die Gemüter wieder beruhigt haben, zeigt Brych dem Kapitän der Eintracht völlig zu Recht die Rote Karte. Es gibt noch einen weiteren Feldverweis, nämlich auf Intervention des VARs: Der bereits ausgewechselte Freiburger Vincenzo Grifo ist Abraham an die Gurgel gegangen. Das Schiedsrichterteam hat diese Tätlichkeit in der unübersichtlichen Rudelbildung am Spielfeldrand nicht bemerkt, doch dem Video-Assistenten ist sie aufgefallen. Folgerichtig wird auch Grifo von Brych nach dem Review vorzeitig in die Kabine geschickt.

So sehr auch die Diskussionen gerade in den sozialen Netzwerken am Wochenende wieder einmal heißgelaufen sind: Es ist unbestreitbar, dass mithilfe der Video-Assistenten erneut mehrere klare Fehler verhindert oder ausgebügelt werden konnten. In keiner Partie waren die Eingriffe der VARs unnötig, vielmehr hätte es in Berlin und auch in Wolfsburg sogar zu weiteren Interventionen kommen sollen, wenn nicht müssen. In Paderborn wiederum hätte eine Einmischung dem Protokoll widersprochen. Mag es auch Kritik an den Video-Assistenten geben - an diesem Wochenende wären die Klagen wohl wesentlich lauter ausgefallen, wenn es sie nicht gegeben hätte.

Quelle: n-tv.de

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