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"Wir haben den Bogen überspannt" Das Ökosystem Meer steht vor dem Kollaps

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Auf einem Fischmarkt in Indonesien werden Haie und Rochen verkauft. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Überfischung und Klimawandel machen sich deutlich bemerkbar: Die Populationszahlen vieler Meerestiere haben sich mindestens halbiert. Noch könnten sich einige Bestände erholen - doch dafür muss der Mensch tätig werden.

Jede vierte Hai- oder Rochenart ist vom Aussterben bedroht, die Bestände von Makrelen, Thunfischen und Bonitos sind innerhalb von 40 Jahren um 74 Prozent eingebrochen, die Populationszahlen von Fischen allgemein sowie von Meeressäugern, Seevögeln und Reptilien haben sich in diesem Zeitraum halbiert. In seinem jetzt veröffentlichten "Living Blue Planet Report", der auf 5829 marinen Populationen von 1234 Meerestierarten basiert, warnt der WWF: Die biologische Vielfalt der Meere nimmt deutlich ab.

Als Hauptursache dafür nennt die Umweltschutzorganisation die weltweite Überfischung. Und die beeinträchtigt nicht nur die Balance des Lebens in den Meeren, sondern trifft auch Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern, in Küstengemeinden, in denen soziale und wirtschaftliche Strukturen vom Fischfang abhängen. "Ein Kollaps der marinen Ökosysteme hält den weltweiten Kampf gegen Armut und Hunger auf und verursacht eine wirtschaftliche Talfahrt", warnt Karoline Schacht, Fischereiexpertin des WWF.

Für drei Milliarden Menschen ist Fisch die wichtigste Eiweißquelle. Weltweit ist Fisch eines der am intensivsten gehandelten Güter mit einem jährlichen Handelsvolumen von 144 Milliarden US-Dollar. Laut einer WWF Studie stellen die Weltmeere Güter und Dienstleistungen im Wert von 2,5 Billionen US-Dollar pro Jahr zur Verfügung und wären damit die siebtgrößte Volkswirtschaft.

Lebensräume werden zerstört

Doch der Mensch betreibt Raubbau. Hinzu kommt die Zerstörung von wichtigen Lebensräumen wie Korallenriffen, Seegraswiesen und Mangrovenwäldern. Drei Viertel der weltweiten Korallenriffe gelten derzeit als bedroht und ein Fünftel der Mangrovenwälder ist zwischen 1980 und 2005 der Errichtung von Aquakulturanlagen, touristischer Infrastruktur oder landwirtschaftlicher Nutzung zum Opfer gefallen. Pläne für Rohstoffabbau nehmen heute selbst schwer zugängliche Lebensräume wie Tiefsee und Polarmeere ins Visier, die ein empfindliches Gefüge hochangepasster Arten beherbergen.

Verstärkt werden Überfischung, Verschmutzung und Habitatverlust durch den fortschreitenden Klimawandel. Die Versauerung und die Erwärmung der Ozeane gehen derzeit schneller voran als in Millionen Jahren zuvor. Bis 2020 müssten mindestens zehn Prozent der wertvollen marinen Lebensräume in Küstennähe und auf hoher See als Meeresschutzgebiete ausgewiesen und mit entsprechendem Management versehen werden, fordert der WWF. Daneben müssen auch Klimaschutz und nachhaltige Fischerei mehr Beachtung finden. "Wir haben den Bogen extrem gespannt", sagt Schacht. "Unsere Meere brauchen dringend Erholung, um nicht vor unseren Augen zu kollabieren."

Quelle: n-tv.de, asc

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