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Selbstmord oder Chance? Deutscher will zum Mars - und bleiben

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Irgendwann will auch er in einer Rakete sitzen - und zum Mars fliegen: Denis Newiak aus Potsdam.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Reise zum Mars ohne Wiederkehr - für die meisten Menschen kommt diese Vorstellung wohl einem Alptraum gleich. Der Potsdamer Student Denis Newiak aber sieht die "Mars One"-Mission als Chance seines Lebens. Er hofft auf eine klassenlose Gesellschaft.

Denis Newiak ist Student. Er hat einen ungewöhnlichem Nebenjob: Einmal pro Woche steuert er eine Straßenbahn. In zehn Jahren aber will er auf eine viel längere und spektakulärere Reise gehen: Als einer der ersten Menschen zum Mars - ohne Rückflugticket. "Das ist eine Riesenchance, eine menschliche Gemeinschaft auf einem fremden Planeten völlig neu aufzubauen", hofft der Filmwissenschafts-Student aus Potsdam. "Diese Chance möchte ich nutzen." Die niederländische Stiftung "Mars One" will im Jahr 2024 die ersten Siedler auf den roten Planeten schicken, auf dem die Temperaturen zwischen etwa minus 125 und plus 35 Grad Celsius schwanken und gewaltige Stürme mit Geschwindigkeiten bis zu 400 Kilometern je Stunde toben. Newiak will dabei sein.

"Mars One" hatte die Mission im August 2013 ausgeschrieben - und mehr als 200.000 Menschen aus der ganzen Welt bewarben sich. Nach mehreren Auswahlverfahren ist Newiak nun unter den letzten 660 Kandidaten. Kommenden Montag soll sich entscheiden, wer zu praktischen Tests eingeladen wird. Sechs Crews mit jeweils vier Astronauten sollen sich dann ab dem Herbst in einem acht Jahre langen Training auf ihre Mission vorbereiten.

Klassenlose Gesellschaft auf dem Mars

Nach dem Start der ersten Mannschaft soll alle zwei Jahre eine weitere folgen. Wie viele der Kandidaten schließlich ausgewählt werden, haben die Organisatoren noch nicht verraten. Ein Rückflug ist nicht vorgesehen, denn der Start eines Raumschiffs vom Mars wäre technisch zu aufwendig und zu teuer, so die Stiftung.

Die Aussicht, sein ganzes Leben in der lebensfeindlichen Umgebung des Mars zu verbringen, schreckt Newiak nicht. "Das ist für mich der unwesentlichste Punkt, wir haben ja dann in der Station ein komfortables Leben", meint er. "Hier auf der Erde müssen viele Menschen unter schwierigeren Bedingungen leben." Der 26-Jährige mit SPD-Parteibuch hofft auf eine klassenlose Gesellschaft auf dem Mars: "Ein neues Leben ohne Geld, alle bewirtschaften alles gemeinsam und jeder bekommt nur so viel, wie er braucht."

Ethisch fragwürdig und technisch unsolide

Experten sehen diese private Marsmission sehr kritisch. Menschen ohne Rückflugticket auf dem Mars abzusetzen lehne er ab, sagte Thomas Reiter, Direktor für bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA), im Januar 2015 bei der Jahrespressekonferenz. Das Projekt sei ethisch fragwürdig und "technisch unsolide". Raumfahrtexperten warnen vor der gefährlichen kosmischen Strahlung, der die Kolonisten auf dem bis zu neun Monate dauernden Flug ausgesetzt wären. Dagegen gebe es noch keine geeignete Abschirmung. Auch Konzepte für die Antriebssysteme und die punktgenauen Landungen von Raumschiffen fehlten. Ex-Astronaut Ernst Messerschmid bezeichnete die Mission gar als "Selbstmordkommando".

Diese Einwände wischt Newiak vom Tisch. "Man muss sich nur mal anschauen, was sich allein in den letzten Jahren alles entwickelt hat", sagt er. "Es gibt genügend namhafte Wissenschaftler, die all diese Probleme für lösbar halten." Sicher wäre den Teilnehmern auf jeden Fall ein großes Medienspektakel. Nicht nur der Flug und die Landung auf dem Mars sollen weltweit live im Fernsehen übertragen werden - auch das jahrelange Training der zuletzt ausgewählten Kandidaten. Die Zuschauer sollen schließlich auch darüber abstimmen, welche Crew als erste losfliegt.

Ein bisschen wie "Big Brother"

Dazu hat "Mars One" nach eigenen Angaben einen Vertrag mit der niederländischen TV-Produktionsfirma Endemol abgeschlossen. Denn die Kosten für "Mars One" - geschätzte sechs Milliarden Dollar - sollen mit Sponsoren und insbesondere mit der Vermarktung von TV-Rechten aufgebracht werden. Geht es also möglicherweise nur um ein neues "Big Brother"-Format? Newiak glaubt das nicht: "Das soll eher dokumentarisch angelegt sein, da geht es um die Teilnahme der Zuschauer an einem Menschheitstraum", zeigt sich Newiak überzeugt. "Da geht es nicht um die Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse, die Mission und die Wissenschaft steht im Vordergrund." Er glaube fest daran, dass "Mars One" ihn tatsächlich zum Mars bringen kann - und nicht bloß zum Darsteller einer Doku-Soap macht.

Vorerst ist es ein Traum. Solange nichts entschieden ist, lebt der Potsdamer sein irdisches Leben ganz normal weiter. Derzeit sitzt er an seiner Masterarbeit. Als Tanzlehrer bereitet er mitunter Paare auf ihren Hochzeitstanz vor, vor Kurzem hat er noch seine Prüfung als Tanztrainer abgelegt. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich als Einsatzsanitäter. "Meine Familie und meine Freunde fanden meinen Plan auch erst äußerst befremdlich", räumt Newiak ein. "Aber sie wissen auch, dass ich ein wissenschaftlich sehr interessierter Mensch bin - und dass sie mir das nicht ausreden können, wenn ich in die Endrunde komme."

Quelle: ntv.de, Klaus Peters, dpa