Wissen

Virenlast bei Probanden gesunken HIV-Immuntherapie erfolgreich getestet

53949164.jpg

Seit seiner Entdeckung in den 80er Jahren forderte das HI-Virus über 36 Millionen Menschenleben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Weltweit sind Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung gibt es weder ein Heilmittel noch eine Schutzimpfung gegen den tödlichen Erreger. Jetzt gelingt Forschern ein wichtiger Durchbruch.

Erstmals haben Mediziner eine Immuntherapie gegen HIV erfolgreich am Menschen getestet. In einer kleinen Studie senkte die einmalige Injektion eines breit neutralisierenden Antikörpers die Virenlast im Blut der infizierten Teilnehmer deutlich und war dabei gut verträglich. Die Immuntherapie könne ein neuer Baustein für die Prävention, Behandlung und Heilung einer HIV-Infektion werden, schreibt das amerikanisch-deutsche Forscherteam um Marina Caskey von der Rockfeller University in New York im Fachblatt "Nature".

Bislang hatten Studien zu Immuntherapien gegen HIV enttäuscht. Nun testeten Forscher einen Antikörper, den sie aus dem Blut sogenannter Controller isoliert und geklont hatten. Controller sind Menschen, in denen sich das Virus über längere Zeiträume kaum vermehrt. Ihr Immunsystem bildet Antikörper, die gegen HI-Viren wirksam sind - allerdings meist erst nach mehreren Jahren.

Gegen 80 Prozent der HIV-Stämme wirksam

Der getestete Antikörper 3BNC117 bindet an den CD4-Rezeptor auf der Virushülle, mit dem der Erreger an Wirtszellen andockt. Im Labor wirkt die Substanz gegen 195 von 237 HIV-1-Stämmen. "Das Besondere an diesen Antikörpern ist, dass sie sich gegen mehr als 80 Prozent der HIV-Stämme richten und extrem potent sind", wird Erstautorin Caskey in einer Mitteilung ihrer Universität zitiert.

Die Forscher testeten die Sicherheit und Wirksamkeit des Antikörpers nun erstmals an Menschen. Dafür injizierten sie ihn in verschiedenen Dosierungen 17 HIV-Patienten und 12 nicht infizierten Menschen. Bei keinem Teilnehmer registrierten die Forscher in den folgenden acht Wochen schwere Nebenwirkungen.

Bei allen acht Infizierten, die die höchste Dosis von 30 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bekommen hatten, sank die Virenlast binnen einer Woche deutlich. Bei vier von ihnen war sie auch nach acht Wochen noch nicht auf das Ausgangsniveau angestiegen. "Unsere Daten beweisen, dass eine passive Infusion einzelner breit-neutralisierender Antikörper tiefgreifende Effekte auf die Virenlast von HIV-1 bei Menschen haben kann", schreiben die Wissenschaftler.

Neuer Wirkstoff alleine nicht ausreichend

Allerdings sei eine Monotherapie mit dem Wirkstoff nicht ausreichend, um eine Infektion mit den wandlungsfreudigen Viren zu kontrollieren, räumen sie ein. "Ein Antikörper allein wird - ebenso wie nur ein Medikament - nicht ausreichen, um die Virenlast auf lange Sicht zu unterdrücken", sagt Caskey. Für eine vollständige Kontrolle der Infektion müsse ein Antikörper entweder mit anderen Antikörpern oder aber mit Medikamenten kombiniert werden. Allerdings gehen sie davon aus, dass man die Wirkung der Antikörper durch molekulartechnische Eingriffe deutlich steigern kann.

Zudem könne die Immuntherapie es ermöglichen, die HIV-Reservoire zu erreichen, in denen inaktive Viren derzeit der Therapie entgehen. Dies könne entscheidend dafür sein, HIV aus dem Körper zu entfernen - und die Infektion mithin zu heilen. Dafür müsste es jedoch zunächst Stoffe geben, die die schlafenden Viren aktivieren. Auch eine Impfung könne nun in Reichweite rücken, spekulieren sie.

"Die Studie zeigt zum ersten Mal, dass Antikörper gegen HIV beim Menschen einen therapeutischen Effekt haben", sagt Prof. Klaus Überla vom Universitätsklinikum Erlangen, der an der Untersuchung nicht beteiligt war. Zum therapeutischen Einsatz müsse ein Antikörper aber langfristig wirksam sein, was die Studie nicht gezeigt habe.

Die Immuntherapie biete im Gegensatz zu bisherigen Therapien grundsätzlich den Vorteil, dass sie nicht nur das Virus an der Vermehrung hindere, sondern dass das Immunsystem infizierte Zellen abtöten könne. Das Virologe ist dennoch skeptisch, dass die Studie die Entwicklung eines Impfstoffes erleichtert: Eine solche Vakzine müsse das Immunsystem dazu bringen, genau diese Art von Antikörper zu bilden. Bei infizierten Menschen werde dies nur selten und dann erst nach mehreren Jahren beobachtet.

Quelle: n-tv.de, ail/dpa

Mehr zum Thema